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Bavaria‘s Next Toptafel

In Bayern soll die beste Tafel des Freistaats gekürt werden - ein Preis, der stellvertretend für das Staatsversagen der vergangenen Jahre steht

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Tafel: Bavaria‘s Next Toptafel

Im vergangenen Jahr feierte die Tafel ein großes Jubiläum: 25 Jahre war es her, dass in Berlin die erste Filiale eröffnet wurde. Im Laufe eines Vierteljahrhunderts wuchs die Anzahl der Dependancen. Über 2.000 Tafel-Läden und Ausgabestellen sollen es mittlerweile sein. Ganz offenbar gibt es im wahrsten Wortsinne unzählig viele, denn nicht mal die Website der Organisation selbst weiß eine exakte Zahl zu benennen. Man kann jedoch auch ohne genaues Zahlenmaterial folgern: Die Tafel wurde ein krachender Erfolg.

Nun ja, vielleicht nicht unbedingt Die Tafel selbst, sondern eher die Verhältnisse, die von Wirtschaft und Politik geschaffen wurden, haben für eine erfolgreiche Etablierung und Expansion der Organisation gesorgt. Seitdem die Agenda 2010 für Armut per Gesetz sorgte, wuchs die Anzahl der städtischen Tafel-Betriebe: Im Jahr 2002 waren es noch 310 Städte und Gemeinden, die eine Tafel vorzuweisen hatten – mittlerweile sind es mehr als 940.

Diese an sich traurige Entwicklung hielt natürlich im Jubiläumsjahr nicht von Feierlichkeiten und Gratulationen ab. Ganz im Gegenteil. Regionale und überregionale Medien lobten den ehrenamtlichen Einsatz und die gute Idee, aus für den Abfall bestimmten Produkten eine Aktion der Hilfsbereitschaft zu formen. Die Bundeskanzlerin ließ zur Feierstunde über ihren Sprecher Steffen Seibert mitteilen, dass wir es bei der Tafel mit einem »wahren Schatz unseres Landes« zu tun hätten.

Eine Politik, die die Tafel überflüssig macht, sie mehr und mehr zurückdrängt und sie zu einem entbehrlichen Ex-Schatz dieses Landes werden lässt, scheint für die Bundesregierung weiterhin keine Alternative zu sein – man zeigte sich 2018 dankbar für das langjährige Wachsen und Gedeihen der Armenspeisung und legte keinerlei Funken Selbstkritik an den Tag.

Die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) ist da noch dreister. Sie versteckt sich nicht einfach nur hinter bescheidenen Lob, in der Hoffnung, dass kaum einer kritisch beleuchtet, woher das Tafelwachstum kommt. Nein, die Frau macht ein launiges Spiel daraus, einen echten Wettstreit. Ein bisschen Casting-Flair soll all die kritischen Untertöne kaschieren. Frau Kaniber möchte nämlich so eine Art BNTT veranstalten - Bavaria’s Next Toptafel. Die besten Tafeln Bayerns sollen in den Recall: sich von Mottoshow zu Mottoshow steigern, bis nur noch eine Ausgabestelle übrig ist.

Anhand welcher Kriterien die beste Tafel gekürt wird, wurde noch nicht genauer definiert. Ob es mit Wartezeiten, dem zu verteilenden Warenvolumen oder einfach nur mit der Stimmung innerhalb der ehrenamtlichen Belegschaft zu tun hat, wird sich noch zeigen. Besonders wichtig sind diese Bewertungskriterien allerdings ohnehin nicht.

Denn BNTT ist nichts weiter als eine subtile Art und Weise, um den doch eigentlich peinlichen Umstand zu verdecken, dass im reichsten Land Europas immer mehr Menschen und Familien auf die Zuweisung abgelaufener Lebensmittel angewiesen sind, weil die aufgezahlten Transferleistungen nicht ausreichen, um sich einen ganzen Monat über Wasser zu halten. Seit Jahren schwillt dieses ehrenamtliche Gratulationsobjekt zu einem Problem an, für das es keinen politischen Änderungswillen gibt. Stattdessen wird gelobt und ausgerufen, wie froh man sei, dass es die Tafel gibt.

Nun auch noch die beste Tafel Bayerns küren zu wollen, mag ja eine nette Geste für diejenigen sein, die ehrenamtlich ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Doch im Kern prämiert man damit lediglich den Umstand, dass Menschen von staatlicher Rechtssicherheit in private Suppenküchenwillkür geglittet sind. Es ist das politische Eingeständnis, an der traurigen Realität langer Warteschlangen nichts ändern zu wollen, sondern die Tafeln als Sozialpartner zu etablieren, auf den man setzen kann. Der Sozialstaatsrückzug hat es offenbar in den Recall geschafft. Er – und nicht das Ehrenamt – ist der eigentliche Superstar der inneren Austerität.

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