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Hitler reloaded?

Roger Griffin dikutiert bei einer Veranstaltung in Berlin über alten Faschismus und neue Rechte

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wir erleben einen unglaublichen Rechtsruck, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Zu befürchten ist, dass dieser sich bei den in zehn Bundesländern anstehenden Kommunalwahlen manifestieren wird. Inwieweit jedoch sind die Neue Rechten, Identitäre, Pegida und AfD faschistisch, ist der Populismus von Orbán, Salvini, Bolsonaro etc. vergleichbar mit der Demagogie von Hitler, Mussolini, Franco und Horthy, des britischen Faschistenführers Mosley, des portugiesischen Klerikalfaschisten Salazar oder auch des rumänischen »Conducător« Antonescu?

»Alter Faschismus in neuen Schläuchen?« - dies zu eruieren, luden die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Münzenberg-Forum am Dienstagabend in Berlin zu einer Diskussion, der zweiten einer Veranstaltungsreihe, die eine Ausstellung des sowjetischen Kriegsreporters Valery Faminsky über Berlin im Mai 1945 flankiert.

Eigens zur Debatte hatte sich Roger Griffin von der University of Oxford in die deutsche Hauptstadt begeben; er freute sich über »zwei Tage Urlaub vom Brexit« und schwelgte in Erinnerungen an das rebellische Westberlin 1967, als er Englischlehrer in Kreuzberg war. Mittlerweile zählt Griffin zu den bekanntesten Faschismusforschern der Gegenwart. In seiner viel beachteten Monografie »The Nature of Fascism« (1991) definierte er Faschismus als eine populistische, ultranationalistische, auf den Mythos der Wiedergeburt (Palingenese) der Nation oder eines Volkes ausgerichteten Ideologie. »Die marxistische Faschismusforschung ist sehr reich, ich respektiere die Arbeit von Generationen marxistischer Wissenschaftler«, konstatierte er in Berlin, »aber ich vertrete einen anderen Strang«.

In Medien wie Politik registriere er eine »furchtbare Konfusion« hinsichtlich der Einordnung der Neuen Rechten und sprach gar von einer »Tragödie«. In Anspielung auf den verfilmten Bestseller »Fifty Shades of Grey« betonte er: »Nuancierung ist nötig«. Er sprach von 50 Schattierungen des Faschismus. Während Hitler, Mussolini und Konsorten, so »sehr verschieden« sie waren, die Idee einte, dem von Aufklärung und Moderne angeblich bedrohten biologischen »Volkskörper« zur »Genesung« zu verhelfen, stünde heute die Suggestion einer kulturellen und ethnischen »Vermischung«, die vermeintlich die »weiße Rasse« bedrohe, im Fokus der Propaganda. Nach 1945 nahm der Faschismus neue Formen an. Neben den beängstigende Dimensionen entfaltenden Cyberfaschismus gebe es aber auch wieder einen offen terroristisch auftretenden Faschismus, der Methoden des islamistischen Dschihads adaptiere, wie die Beispiele des norwegischen Massenmörders Breivik und des Christchurch-Attentäters Tarrant zeigen. Griffin plädierte dennoch dafür, bei Vergleichen von alten und neuen Faschismen nicht den Faschismus an der Macht, sondern den der »Bewegung«, der Aufstiegsphase in der Zwischenkriegszeit, heranzuziehen.

Volkmar Wölk, Experte für die Neue Rechte, stellte sodann der angelsächsischen Faschismustheorie sächsische Faschismusinterpretation entgegen und sprach von 500 Schattierungen des Faschismus (statt Griffins »Fifty Shades«). Dennoch: »Je mehr sich etwas verändert, kann es im Wesen doch das Gleiche bleiben.« Die Mutationen des Faschismus seien ein Reflex auf die Finanzkrise, falsche Migrationspolitik und andauernde Kriege, was vielen wie eine Bestätigung der von einem Vordenker der Neuen Rechten (Guillaume Faye) prophezeiten »Konvergenz der Katastrophen« erscheine.

Die anschließende Publikumsdiskussion bezeugte, dass es noch viel Klärungsbedarf gibt.

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