Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Nur ein kurzes Stottern?

Mit 0,4 Prozent Wirtschaftswachstum brummt der Konjunkturmotor wieder etwas mehr

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Emmanuel Macron ist nicht wirklich Fan der Wirtschaft seines Nachbarn. »Deutschland befindet sich ohne Zweifel am Ende eines Wachstumsmodells«, sagte der französische Präsident kürzlich in einer Rede in Paris. Das deutsche Modell profitiere von den Ungleichgewichten im Euroraum. Das könnte noch eine Weile so weiterlaufen, wenn man die Schnellschätzung, die das Statistische Amt der Europäischen Union am Mittwoch in Luxemburg veröffentlichte, betrachtet. Im Vergleich zum Vorquartal stieg das saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) demnach im ersten Quartal im Euroraum um satte 0,4 Prozent. Im vierten Quartal 2018 hatte das BIP im Euroraum nur um 0,2 Prozent zugelegt. Von Abschwung und Rezession also scheinbar keine Spur.

Doch der Eindruck trügt. Schaut man genauer auf die Zahlen, zeigt sich das Bild einer Tragödie, wie es die Analysten der NordLB für Großbritannien formulieren, das ebenfalls mit erstaunlich starkem Wachstum überrascht. Kurz vor dem unvermeidlich schlechten Ausgang einer Tragödie wird noch ein »retardierendes Moment« gespielt, das den Niedergang verzögert.

Ein Aspekt sind die Vorräte: Die Unternehmen in der EU bereiten sich auf den Brexit vor und bauen große Lagerbestände auf. In der Statistik bedeutet das zwar einen Anstieg der Wirtschaftsleistung, aber über kurz oder lang müssen diese Vorräte wieder abgebaut werden und drücken entsprechend das Wachstum. Selbst, wenn der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ausfiele. Eine ähnliche volkswirtschaftliche Wirkung erzielen andere Brandherde, wie der Zollstreit zwischen den USA und China oder der Iran-Konflikt.

In dieses Bild einer möglichen Tragödie passt auch Deutschlands Wirtschaftsleistung: Im dritten Quartal 2018 ging das BIP mit minus 0,2 Prozent leicht zurück, im vierten stagnierte es. Nun legte es im neuen Jahr ebenfalls um 0,4 Prozent zu, meldete das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden ebenfalls am Mittwoch.

Stotterte der Konjunkturmotor nur etwas oder folgt nun das Ende eines langen Aufschwungs? »Wahrscheinlich ist es beides«, weicht der Leiter des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Gabriel Felbermayr, dieser Frage lieber aus. Weitgehend einig sind sich die professionellen Beobachter immerhin darin, dass Weltwirtschaft und Welthandel an Fahrt verlieren. Die Globalisierung scheint in eine späte Phase einzutreten.

Von der Globalisierung ist allerdings das deutsche Model besonders abhängig, insofern mag man Macron zustimmen. Rund 60 Prozent der Ausfuhren gehen in andere Mitgliedstaaten der EU. Und auch die Auseinandersetzung um »die Grundlagen für die kommende Weltwirtschaftsordnung«, so das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), die vor allem zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China tobt, trifft das export- und auslandsorientierte deutsche Wirtschaftsmodell hart. So lassen die Autobauer BMW und Daimler ihre teuren Geländewagen in amerikanischen Werken fabrizieren und verschiffen sie dann nach China zum Verkauf.

Auf einen weiteren Aspekt weist ausgerechnet das von einem CDU-Politiker geleitete Bundeswirtschaftsministerium hin. Das Wachstum führen dessen Volkswirte auf die »starke Binnenwirtschaft« zurück, auf eine rege Konsumnachfrage der privaten Haushalte. Genau darauf stützt sich eine alte Forderung linker und keynesianischer Ökonomen: nämlich die Kaufkraft der Bevölkerung zu stärken und weniger auf Exporte zu setzen.

Ob es nach dem Zwischenhoch wirklich wieder bergab geht und möglicherweise ein Erdrutsch folgen wird, bleibt zunächst ungewiss. Auch Wirtschaftswissenschaftler kennen nicht die Zukunft. Die Erwartungen von Bankanalysten und institutionellen Anlegern sanken im Mai um rund fünf Punkte auf einen neuen Wert von minus zwei Punkten, ergab die monatliche Umfrage des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Der langfristige Durchschnitt des ZEW-Indizes liegt bei weit höheren 22 Punkten.

Diese Erwartungen der Finanzakteure sprechen für ein »verhaltenes Wirtschaftswachstum« in Deutschland und erneut erhöhten Unsicherheiten in der Weltwirtschaft. Andere Befragungen und Modellprojektionen zeigen ein ähnliches Bild, in den Worten der Commerzbank-Analysten: »Weder Fisch noch Fleisch«. Und der Mittelstand? Neun von zehn aller deutschen Firmen sind immerhin Familienunternehmen. Deren Stimmung gilt aktuell als so wechselhaft wie das Frühlingswetter. Eine Tragödie ist das (noch) nicht.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln