Einbürgerung

»Ich fühle mich frei wie ein Deutscher«

Rega Kasim wurde erst kürzlich eingebürgert – und darf nun auch an der EU-Wahl teilnehmen. Die Ergebnisse des Wahl-O-Mats haben ihn überrascht.

Von Nadire Y. Biskin

Sie sind vor 18 Jahren als Siebenjähriger mit Ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet. Was war die größte Herausforderung?

Eine der größten war eigentlich die Flucht selbst, da es keine bekannten Routen vom Irak nach Deutschland gab und sie meine Familie ziemlich viel Geld gekostet hat. Hätten meine Eltern in Irak nicht gut verdient und gespart, wäre die Flucht nach Deutschland gar nicht für uns möglich gewesen. Die Flucht ist immer noch wie ein Film abgespeichert, ich kann mich an jedes einzelne Detail erinnern, beispielsweise wie wir durch Wälder liefen, wo wir übernachtet haben und diese Unsicherheit, die durch die Flucht entstanden ist. Ich war vermutlich einfach überfordert und wusste nicht, wo wir hingehen, was mit uns passiert und passieren wird.

In Deutschland angekommen war dann alles gut?

Ich war damals sehr jung, so dass ich mich schnell an ein neues Umfeld gewöhnen konnte. Aber die deutsche Sprache hat mir sehr zu schaffen gemacht. Ich hatte keine Probleme, dem Mathematikunterricht zu folgen, aber Fächer wie Deutsch und Heimat- und Sachkunde waren schwer zu verstehen. Inhalte auf einer Sprache zu lernen, die man kaum versteht, ist wie Hieroglyphen auswendig lernen.

Gab es keine schulische Unterstützung?

Doch, wir waren sehr wenige Kinder, die eine Sprachförderung benötigt haben. Daher hatten wir ein paar Stunden intensive Betreuung. Im Deutschunterricht hat die Lehrerin uns Extraaufgaben gegeben, die wir mit ihrer Unterstützung erledigen konnten. Trotzdem lagen mehrere Jahre an Erfahrung mit der deutschen Sprache zwischen meinen Mitschüler*innen und mir. Das alles in der kurzen Zeit aufzuholen war mühsam.

Hat sich im Alltag bemerkbar gemacht, dass Sie nicht die deutsche, sondern die irakische Staatsbürgerschaft hatten?

Der Aufwand für Behördengänge war höher. Wir mussten beglaubigte Kopien mit Übersetzung und eine Anmeldebescheinigung vorlegen, während andere nur ihren deutschen Personalausweis vorlegen mussten. Ich wollte mit meiner Klasse auf Klassenfahrt nach Österreich und konnte nicht mitfahren, da mein Aufenthaltsstatus ungeklärt war. Später, als ich mich für das Studium an der Charité immatrikulieren wollte, war man zunächst skeptisch, da ich nur eine Fiktionsbescheinigung (Nachweis des vorläufigen Aufenthaltsrechts, d. Red.) hatte und mein Aufenthaltsstatus weiterhin unklar war. Das Dokument war ihnen nicht vertraut. Dann wollte ich während des Studiums in New York forschen, durfte zu der Zeit aufgrund meiner irakischen Staatsbürgerschaft aber nicht in die USA fliegen. Nur bei meinem Stipendium schien meine Staatsangehörigkeit keine Rolle zu spielen. Für die Studienstiftung des deutschen Volkes war ich lediglich Bildungsinländer und meine Staatsangehörigkeit irrelevant.

Das war also mal was Positives.

Ja, fand ich auch. Dank der Studienstiftung habe ich in Italien einen Italienischsprachkurs besucht. Dort fragte mich eine deutsche Touristin, die auch an einem der Kurse teilnahm, verblüfft, ob ich wirklich ein Stipendium des deutschen Volkes hätte. Sie konnte sich anscheinend nicht vorstellen, dass ich auch Teil des deutschen Volkes bin.

Waren die negativen Erfahrungen der Grund, warum Sie vor drei Jahren den Antrag auf Einbürgerung gestellt haben?

Zunächst wollte ich den irakischen Pass ablegen, weil ich mich als Kurde nicht mit dem irakischen Staat identifiziert habe. Aber ja, auch der große Aufwand bei den Behörden und die Reisefreiheit sind wichtige Punkte. Ich wollte grundsätzlich die gleichen Rechte wie deutsche Staatsbürger haben.

Wie groß war der Aufwand für die Einbürgerung?

Der ganze Prozess hat über drei Jahre gedauert. Ich musste dafür mehrmals zur irakischen Botschaft und habe den Antrag im September 2014 gestellt. Es hieß, der Personalmangel sei schuld daran, dass es so lange dauert. Letztendlich musste ich auch meinen Namen ändern. Im Irak gibt es Namensketten, man hat den eigenen Namen, den Namen des Vaters und des Großvaters. Nach deutschem Recht gibt es aber nur einen Familiennamen. Aus Rega Kasim Hasan wurde dann Rega Kasim.

Welche Bedeutung hat der deutsche Pass für Sie selbst?

Es ist auf eine Art der letzte Schritt meiner Integration in Deutschland. Der Druck sich integrieren zu müssen ist nicht mehr da.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Einbürgerung reagiert?

Ich habe vor Freude auf Facebook mitgeteilt, dass ich eingebürgert wurde. Über 600 haben das geliked. Viele haben geschrieben, dass ihre Einbürgerung auch nicht reibungslos abläuft.

Macht der deutsche Pass Ihr Leben einfacher?

Auf jeden Fall. Für die Arbeit hier in der Schweiz habe ich eine Arbeitserlaubnis benötigt, es war super unkompliziert, und das gilt auch für andere Behördengänge. Die Polizei hat ständig in Bahnen und Bussen nach meinem Ausweis gefragt und dann wurde zusätzlich noch telefoniert. Meistens war ich in solchen Situationen die einzige Person, der sowas passiert ist und dementsprechend war es unangenehm. Seit ich den deutschen Pass habe, telefonieren die Kontrolleure und Polizisten nicht mehr.

Was hat sich dennoch nicht geändert?

Die zusätzlichen Sicherheitskontrollen am Flughafen. Ich bin seit meiner Einbürgerung im April 2018 dreimal geflogen, zweimal davon wurde ich zusätzlich kontrolliert. Man wird mich auch im Alltag immer fragen, wo ich denn eigentlich herkomme. Das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, bleibt auch trotz des deutschen Passes.

Fühlen Sie sich durch Ihre neue Staatsangehörigkeit also nicht als Deutscher?

Ich fühle mich frei wie ein Deutscher. Offiziell habe ich jetzt die Reisefreiheit und das Wahlrecht eines Deutschen, der seit seiner Geburt deutscher Staatsbürger ist.

Haben Sie vor Ihrer Einbürgerung schon gewählt?

Ich habe keinen großen Bezug zum Irak und dementsprechend kenne ich mich mit der Politik und den Parteien dort nicht aus, daher wäre es nicht sinnvoll gewesen zu wählen. Ich möchte nicht von Deutschland aus über die Zukunft Iraks bestimmen.

Bei der EU-Wahl werden Sie jetzt also zum ersten Mal wählen?

Unbedingt. Ich möchte die Gesellschaft, in der ich lebe, mitgestalten. Vor allem in Zeiten des Rechtspopulismus zählt jede Stimme. In der Schule habe ich viel über die Politik in Deutschland und in der europäischen Union gelernt, aber dachte mir damals, ich darf nicht wählen, dieses Wissen ist nutzlos für mich. Jetzt ist es endlich soweit.

Bereiten Sie sich auf die Wahlen vor?

Ich habe mich mit zwei Freunden ausgetauscht, mich mit den Wahlprogrammen auseinandersetzt und den Wahl-O-Mat benutzt. Es war ein langer und mühsamer Weg, bis ich diese Möglichkeit erhalten habe, daher ist mir die Wahl wichtig, so dass ich mir Zeit dafür genommen habe.

Was haben Sie in dieser Vorbereitungsphase gelernt? Was hat Sie überrascht?

Ich werde per Briefwahl an den Wahlen teilnehmen, das hatte ich mir komplizierter vorgestellt. Man hat ein bestimmtes Selbstbild von sich, welche Partei man wohl wählen würde. Das Ergebnis des Wahl-O-Mat hat mein Selbstbild verändert. Ich hoffe, die Wahlergebnisse werden mich auch positiv überraschen. Gleichzeitig muss ich gestehen, dass ich mir Gedanken über Themen gemacht habe, die für mich bisher nicht so zentral zu sein schienen.

Zum Beispiel?

Ob es eine europäische Armee geben soll oder nicht. Ich musste darüber nachdenken, was die Armee für eine Funktion hat und ob und wie sinnvoll eine europäische Armee ist. So erging es mir auch mit anderen Themenfeldern.

Was würden Sie am Wahlrecht ändern wollen?

Es macht für mich keinen Sinn, dass das Wahlrecht an den Pass gekoppelt ist. Menschen, die eine bestimmte Zeit in Deutschland leben und langfristig hier leben möchten, sollten das Wahlrecht erhalten.