1-Zimmer-Wohnung im "Medienfenster" in Berlin-Adlershof: 153 Mikroapartments seien auf die Bedürfnisse von Studenten und Wissenschaftlern abgestimmt.
Mikroapartments

Feel my Faust

Armseliges Wohnen muss mit hippen Begriffen aufgewertet werden, meint Paula Irmschler

Von Paula Irmschler

Mikroapartments sind in aller Munde. Weil sie so klein sind, dass sie da easy reinpassen. Haha. Nee, anderer Einstieg: Ich erinnere mich noch, wie ich damals mein Wohnheimzimmer in Uninähe bezog. Es waren ein paar normale Quadratmeter mit Tisch, Bett, Regal und Schrank. Alles war im Preis enthalten, und der betrug um die 200 Euro. Heute heißt diese Wohnform »Mikroapartment«, »Mikroappartement«, »Microapartment« oder gleich »Microliving«, weil optimiertes Wohnen ein Gefühl ist und kein Zwang. Leute, die in eine Stadt ziehen und da, weil sie nichts anderes finden, eine überteuerte Minibude ansteuern müssen, werden jetzt mit coolen Begriffen belästigt, damit armseliges Wohnen wenigstens sexy klingt.

»Erleben Sie die Intimität einer Privatwohnung.« Ah, ja, genial. Gut, dass Menschen ganz normale, gängige Dinge wie eine Ein-Raum-Wohnung mit Einbauküche und Angabe der Warmmiete neu und aufregend präsentiert werden, als wären die Leute selbst nie drauf gekommen. Und warum sollte man denn nicht noch ein paar hundert Euro mehr bezahlen als damals, als man noch nicht als »young professional« sein attraktives »apartment« loven musste, sondern einfach nur »schnell eine kleine Butze« brauchte. Ein Heini, dessen Job »Head of Residential Portfolio Investment« heißt, hat irgendwo im Internet gesagt: »Um den Wohnansprüchen der sogenannten Digital Natives gerecht zu werden, passen Anbieter von Mikroapartments ihr Angebot fortlaufend an.« Wohnen, wie man wohnt, weil man im Internet ist - wer kennt es nicht. Aber es wird noch besser: Weil »Mikroapartment« so klein klingt, sagt man jetzt, Achtung: »Smartment«. Da gibt es die »Sorglos-Miete«. Das heißt, nachdem man 700 Euro für 20 Quadratmeter gezahlt hat, ist man seine Sorgen vorerst los. Wie es mit Rechnungen eben so ist.

Auf herrlichen Fotos werden die »klug ausgestatteten« Wohnungen präsentiert. Obst und Blumen sieht man ganz groß im Vordergrund, wegen der Atmosphäre, und damit man nicht so genau hinguckt. Außerdem ist immer eine seitlich fotografierte gelbe/grüne/orangefarbene Wand zu sehen, und da sieht man dann den Stromkasten. Im Bad wurden eine gelbe/grüne/orangefarbene Kerze und eine Buddhafigur hingestellt. Die Nahaufnahmen von Waschmaschinen, Türgriffen und Steckdosen sind auch nicht zu verachten. Toll, dass es Strom gibt und man sein Zimmer schließen kann. Das Schlimmste ist jedoch, dass man trotz alledem nicht einmal seine Ruhe hat, sondern Teil einer Communitysekte werden muss - wobei man dann weiß, schlank und grinsend auf der Terrasse steht, gleich noch ins »Gym« geht oder in die »Learning Lounge«. Außerdem macht man, ich habe es mir nicht ausgedacht, »Urban Chickening«.

Die Häuser heißen »iLive«, »LiebIch« oder »Home-First«. Die Slogans sind auch gut, aber ich hab’ jetzt die Schnauze voll. »Feel unique.« »Feel the place.« Feel my Faust in your microlivingface.