Missbrauchsenthüllungen in Polen

Krisenfähig in der Youtube-Ära

Stephan Fischer über die Missbrauchsenthüllungen in Polens katholischer Kirche und politische Reaktionen

Von Stephan Fischer

An Missbrauchsskandalen mangelt es der katholischen Kirche nicht. Insofern sind die Fälle von Kindesmissbrauch, die seit vergangenem Wochenende durch die Ausstrahlung der Dokumentation »Tylko nie mów nikomu« (»Sag es nur niemanden«) auf Youtube offenbar werden, vergleichbar mit Geschehnissen in aller Welt, die jeweils hohe Wellen schlugen. Wie die Wellen in Polen genau schlagen, lohnt aber einen näheren Blick.

In kaum einem anderen Land Europas ist die Verbindung Kirche-Nation-Staat so eng wie in Polen. Eine Verbindung, die die regierende PiS nicht müde wird herauszustellen - profitieren doch Kirche und Regierung gleichermaßen, indem sie sich jeweils politisch und moralisch legitimieren. Die schnelle Reaktion des Sejm samt PiS-Mehrheit, die Strafen für Kindesmissbrauch zu verschärfen, ist ein Musterbeispiel für die Krisenfähigkeit der PiS und ihres Chefs Jarosław Kaczyński. Bevor Fragen nach strukturellen Ursachen lauter werden, preschen beide vor und bringen schärfere Gesetze gegen individuelle Verbrechen ins Spiel. Das kommt immer gut an und lenkt den Fokus weg von der Kirche als Institution hin zu einzelnen Verbrechen. Die PiS handelt - und kommt so außerdem bei einem Thema, das ihr vor den Europawahlen gefährlich werden kann, in Vorhand. Bemerkenswert ist auch, dass die Welle durch eine Veröffentlichung im Netz, nicht in klassischen Medien ausgelöst wurde. Letztere kommen aber jetzt nicht mehr um sie und die Folgen herum: Youtube kann mittlerweile ebensolche Macht entfalten wie das Fernsehen.