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Viel Mut zum Kitsch

Der Meistertitel des FC Bayern kommt für die holprige Saison viel zu rührselig daher

  • Von Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 4 Min.

Uli Hoeneß sprach sogar von Gott, der sich am Sonnabend als Drehbuchschreiber betätigt habe. Darunter ging es gerade nicht. Auch Niko Kovac zog Quervergleiche zu Filmen aus der Traumfabrik, zu Drehbüchern, die zwar überzeichnet sind, aber auch deshalb das Herz so vieler wärmen, weil sie eigentlich zu schön sind, um wahr zu sein. »Das kann man nicht besser inszenieren, das kann man nicht besser schreiben«, befand der Trainer, nachdem Präsident Hoeneß gemutmaßt hatte, dass »irgendeiner da oben« Autor dieses Rührstücks gewesen sein musste.

Es gab noch einige weitere beim FC Bayern, die nach dem Gewinn des siebten Meistertitels in Serie und des 29. der Münchner insgesamt all die überbordenden Emotionen beim letzten Bundesligaspiel von Franck Ribéry und Arjen Robben samt ihrer Abschiedstore als idealtypische Komposition einstuften. Auch später noch, auf der kleinen Meisterfeier, auf der allerdings erneut jene Spannungen deutlich wurden, die große Teile der Saison geprägt hatten. Wie durch Jérôme Boatengs Fehlen bei der Party. Oder durch Kovac, der hier wie in der Arena bei den Feierlichkeiten nur eine Randfigur abgeben wollte.

Einig waren sich die Münchner darin, dass ein Hollywoodregisseur »das Spiel so gemacht hätte wie heute« (Hoeneß). Mit viel Mut zum Kitsch. Und passten die Pointen des Ligafinals nicht gerade deshalb so gut zur Saison des FC Bayern, weil er seinem alten Image vom FC Hollywood auf diese Weise erstaunlich nahe kam?

Dabei standen diese abschließenden Szenen dem Wesen der Saison eigentlich entgegen, weil sie oft von Kampf bestimmt war, von internen Dissonanzen, Spielerkritik am Trainer, durchsickernden Interna und von der Dauerdebatte um Kovac. Doch beim 5:1 (1:0) gegen Eintracht Frankfurt und nach der erfolgreichsten Rückrunde der Vereinsgeschichte in der Liga fand zumindest dieser Handlungsstrang des Films ein Happy End, eine Woche vor dem Pokalfinale gegen RB Leipzig.

Ribéry, mittlerweile 36, wurde nach gut einer Stunde eingewechselt und traf kurz darauf nach einem feinen Dribbling mit einem kunstvollen Lupfer über Frankfurts Torwart Kevin Trapp hinweg (72.) zum 4:1. Da war der Titelkampf im Fernduell gegen Dortmund endgültig entschieden. Hoeneß brach auf der Tribüne umgehend in Tränen aus und sprach später von einem »Wahnsinnstor«.

Ribéry, mit neun Meistertiteln nun Rekordhalter der Bundesliga, hatte schon davor geweint und schluchzte auch später noch mehrmals, als er den Fans zurief: »Ich liebe euch.« Auch Robben, 35, traf noch mal (78.) zum Abschluss, wie Ribéry elf Minuten nach seiner Einwechslung. Zwar nicht so hübsch, aber für ihn ebenso wertvoll. »Wenn man ein Drehbuch schreibt, kommt es so zu Ende«, sagte Robben, erinnerte aber rasch an die Probleme dieser Saison, auch zwischen Mannschaft und Trainer.

Kovac hatten auf der Pressekonferenz nach dem Spiel wenige Sätze genügt, um die Höhen und Tiefen der Saison mit persönlichem Einschlag zusammenzufassen: »Wir haben Großes geleistet. Ich weiß nicht, ob es so eine Aufholjagd schon einmal gegeben hat«, erinnerte er an die zwischenzeitlich neun Punkte Rückstand auf Dortmund. »Ich bin total happy, ich bin total ausgelaugt«, sagte Kovac weiter und ließ bei seinem Dank für die Sprechhöre der Fans zu seinen Ehren abermals erkennen, wie sehr dieses Jahr mit dem andauernden Zweifeln an seinen Fähigkeiten, vor allem nach dem Aus im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Liverpool, an ihm genagt hat. Die Unterstützung der Anhänger sei nun einfach schön, sagte er, »wenn man Anerkennung bekommt, vielleicht auch Trost«. Wohlgemerkt nach seinem ersten Meisterstück als Trainer.

Kovac hat dann noch seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, die Mannschaft in der kommenden Saison weiterhin anleiten zu dürfen. Er habe »Informationen aus erster Hand«, sagte er und verwies auf Gespräche mit seinen Chefs. Sehr gewiss klang das, doch weder Hoeneß noch der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge oder Sportdirektor Hasan Salihamidzic wollten vorläufig bestätigen, was Kovac andeutete. Sein Vertrag läuft bis 2021. Ob er ihn erfüllen darf, wird sich wohl erst nach dem Pokalendspiel am Sonnabend gegen Leipzig klären. Mal sehen, was Gott mit den Bayern dann so vor har.

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