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WG-Zimmer mit Gewinnaussicht

Das viertgrößte Immobilienunternehmen Europas plant 3000 Co-Living-Rooms in Berlin

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 4 Min.

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Covivio: WG-Zimmer mit Gewinnaussicht

Ein muffig feuchter Geruch zieht einem in die Nase, wenn man die Remise im Hinterhof im Weidenweg 58 in Friedrichshain betritt. Anna-Maria Hollain zeigt mit dem Finger auf die Fußleiste. »Hier, siehst Du, da muss ich immer wieder mit Alkohol ran, um den Schimmel abzuwischen«. Sie rückt das Bett ab und weist auf den Schrank: »Dahinter gibt es immer wieder ein Schimmelproblem«, erklärt sie. Der Covivio sind die Fälle von Schimmel bekannt, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. Die Fälle seien aber »durch Fachfirmen behoben« worden. Ein aktueller Fall sei gerade in Bearbeitung.

Hollain berichtet von einer Fachfirma, die das Problem zwar analysiert habe, dann aber sagte, es gebe ein Problem mit den Wänden. Seitdem habe sie in dieser Sache nichts mehr von der Covivio gehört. Auch andere Mieter zeigen sich bei einer Informationsveranstaltung des Bezirks über geplante Baumaßnahmen im Weidenweg 58 verärgert über die Covivio - und alarmiert. Es gebe Hausmeisterkosten, die - nach der Übernahme der Aufgabe durch eine Tochterfirma der Covivio - in einem Jahr um das 13-fache gestiegen seien, erzählt eine Mieterin. Eine andere beklagt, dass Baumaßnahmen immer wieder verschleppt würden. So sei momentan ein Graben im Hof ausgehoben, wo seit Wochen nichts mehr passiere. Zwar sei die Hausverwaltung für Mieter erreichbar, oft passiere aber nichts oder zu wenig, um Missstände zu beseitigen.

Vertreter der Covivio, die an der Informationsveranstaltung teilnehmen, antworten auf die gegen sie erhobenen Vorwürfe, dass sie oft keine Rückmeldung von Mietern bekämen und Baumaßnahmen sich deswegen verzögern würden. Beispielsweise verweigere ein Mieter den Zugang zum Keller, was der Grund für das Stocken der Baumaßnahmen im Hof sein könnte.

Covivio SA (vormals Foncière des Régions) ist ein französisches Unternehmen mit Sitz in Paris. Durch mehrere Übernahmen ist es mittlerweile zum viertgrößten Immobilienunternehmen Europas aufgestiegen, wie eine aktuelle Analyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung aufzeigt. In Deutschland ist das Unternehmen aktiv, seit es 2006 die Immeo übernommen hat, die wiederum zwei Jahre zuvor die Werkswohnungen der ThyssenKrupp GmbH übernommen hatte. Über die Hälfte des deutschen Wohnportfolios der Covivio befindet sich in Berlin - insgesamt knapp 16 000 Wohnungen und 1100 Gewerbeimmobilien. Eigentümer der französischen Muttergesellschaft ist der Multimilliardär Leonardo del Vecchio. Laut Forbes-Liste beträgt sein aktuelles Vermögen rund 50 Milliarden US-Dollar.

Wie mittlerweile in diesem Geschäftsbereich üblich, unterhält die Covivio ein Geflecht aus diversen Immobiliengesellschaften. Laut den Verfassern der Studie »Große Immobilienunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen in Berlin im Profil« der Rosa-Luxemburg-Stiftung fällt auf, dass die deutsche Tochter der Covivio meist einen »89,9 bis 94,9-prozentigen Anteil« an den Immobilienprojektgesellschaften hält. Dies deute auf sogenannte Share Deals bei den Immobilienankäufen hin.

Covivio gibt sich gerne modern und innovativ. Die Broschüren des Unternehmens sind in Anlehnung an futuristische Künstler designt, in Selbstbeschreibungen geht es viel um Europa, Gemeinsamkeit und das »Herz dynamischer Märkte«. Derzeit plant das Unternehmen 3000 Co-Living-Zimmer in Berlin. Dabei vermietet das Unternehmen nur einzelne möblierte Zimmer einer Wohnung, ähnlich einer WG. Offensichtlich ein lukratives Konzept: Ein möbliertes 20-Quadratmeter-Zimmer in Lichtenberg ist beispielsweise derzeit für 600 Euro (Strom und Heizung inklusive) auf »wg-suche.de« zu haben. Insgesamt stehen dort rund 20 solcher WG-Zimmer der Covivio frei. Doch nicht nur Quadratmeterpreise um die 30 Euro sind zu erzielen, das Beste aus Sicht der Covivio und anderer Immobilienunternehmen dürfte sein, dass bei möblierten Zimmern die Mietpreisbremse nicht gilt und so Mieten weit über dem Mietspiegel möglich sind.

Für die Menschen im Weidenweg 58 hingegen ist die Zukunft ungewiss. Die Covivio will nun modernisieren und - so vermuten die Mieter - die Wohnungen in Eigentumswohnungen umwandeln. »Die haben mir gesagt, sie verkaufen sich selbst die Wohnungen und alles bliebe beim alten«, erzählt Anna-Maria Hollain und schüttelt dabei skeptisch den Kopf. Die Covivio hingegen bestreitet die Absicht zur Umwandlung in Eigentumswohnungen. »Wir planen derzeit keine Veränderungen im Weidenweg 58«, so die Pressestelle auf Anfrage.

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