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Auch Studis wollen eine Zukunft

Studierende der Humboldt-Universität solidarisieren sich mit »Fridays for Future«

  • Von Philip Blees
  • Lesedauer: 4 Min.

Der holzgetäfelte Hörsaal füllt sich schnell. Etliche Studierende strömen die steilen Treppen herunter, über die Empore recken sich zahlreiche Köpfe. Doch heute findet im Emil-Fischer-Saal an der Humboldt-Universität (HU) in Berlin-Mitte keine Vorlesung statt, sondern die angehenden Akademiker*innen nehmen ihr politisches Mitbestimmungsrecht in Anspruch. An den Wänden hängen Transparente, auf einem steht »Humboldt entdeckte - wir zerstören«, vereinzelt schwirren Menschen in weißen T-Shirts herum, auf die mit einer Schablone »HU for future« gesprüht wurde. Alles steht im Zeichen des Klimaschutzes.

Einberufen hat die studentische Vollversammlung der ReferentInnen Rat (RefRat) der HU, an anderen Unis auch als Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) bezeichnet. Dieser möchte, dass sich die Studierenden an diesem Dienstagnachmittag mit der klimapolitischen Schüler*innen-Bewegung »Fridays for future« solidarisieren und deren Forderungen Nachdruck verleihen. Nach dem formalen Teil der Sitzung, in dem der RefRat seine Arbeit vorstellt, die an diesem Nachmittag allerdings eher wenige Leute interessiert, kommt es dann auch flott zum Thema: »Was bringt uns ein Studium, wenn das System danach nicht mehr funktioniert?«, fragt eine Rednerin unter tosendem Applaus.

Nun schließen sich also auch Studierende der Klimabewegung an. Doch sind dort nicht vor allem Schüler*innen vertreten? »Das ist ein Trugschluss«, sagt Pascal Kraft, der an der HU für »Fridays for future« aktiv ist, dem »nd«. Große Teile der Organisation würden auch von Studierenden übernommen. Diese seien aber nur eine unter vielen anderen Gruppen, die sich der Bewegung angeschlossen haben. »Das Ziel solcher Bewegungen ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen«, sagt Lara Zschiesche, die sich ebenfalls an der HU klimapolitisch engagiert.

Zusammen mit Pascal Kraft organisiert sie an ihrer Universität einen Zusammenschluss, der an die Studentenbewegungen früherer Jahrzehnte erinnert. »Wir haben die Vorlesungen gestürmt«, erzählt Kraft. Ziel sei es, auch Uni-intern eine Öffentlichkeit für die Klimafragen zu schaffen. Bereits 2000 Unterschriften hat die Gruppe unter den Studierenden für die Solidarisierung mit den streikenden Schüler*innen gesammelt. »Wir haben schon gewonnen«, glaubt Kraft. Das Thema sei nun gesetzt.

Nun will »HU for future« ernst machen. Auf der Vollversammlung sollen die Verantwortlichen in die Pflicht genommen werden. Wenn fünf Prozent der gesamten Studierenden zusammenkommen, muss die Leitung der Universität reagieren. Das wären rund 1500 Menschen. Ist das möglich? Kraft gibt sich vor der Versammlung zuversichtlich, am Schluss sind es dann doch eher 700.

Für die Umweltaktivist*innen trotzdem ein Erfolg. Denn die Diskussionen, wie eine sinnvolle Klimapolitik an der Universität aussehen kann, erfreuen sich reger Teilnahme. Dabei geht es durchaus auch kontrovers zu: Vom Einsatz von Atomenergie über den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs bis hin zu strikt fleischfreiem Essen in den Mensen werden viele Ideen zur Reduktion von CO2 geäußert - und auch wieder verworfen. Am Ende steht ein Katalog, dem mit Pfiffen und dröhnendem Applaus zugestimmt wird.

Der Katalog enthält sowohl Forderungen an die Leitung der HU als auch an den Berliner Senat. So soll die HU nach dem Willen der Studierenden zu einer klimaneutralen Universität werden. Um das zu erreichen wird etwa ein Kompetenzzentrum mit ausreichend Ressourcen gefordert. Andere Institutionen wie die Freie Universität seien da schon weiter. Doch die Kritik der Studierenden endet nicht an den Mauern der Universität: So sei eine gute Klimapolitik unter kapitalistischen Verhältnissen nicht zu machen. »Der Kapitalismus ist maßlos«, heißt es.

Vom Senat fordern die Studierenden, nach dem Vorbild von Konstanz oder Kiel den Klimanotstand auszurufen. »Das hätte große Symbolkraft«, erklärt Kraft. Konsequenzen würden daraus allerdings nicht folgen. Die umweltpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Marion Platta, kann der Forderung deshalb nicht sonderlich viel abgewinnen, wertet sie aber als Unterstützung für die bisherigen Maßnahmen des Senats. »Wir brauchen mehr Öffentlichkeit«, sagt sie dem »nd«. Deshalb seien solche Aktionen gut und der Begriff des Notstands mitunter auch angebracht. Eine parlamentarische Diskussion darüber gibt es jedoch noch nicht. Allerdings habe man in der Politik bereits in der Vergangenheit Wert auf dieses Thema gelegt und großzügig Mittel für den Umweltschutz bereitgestellt, so Platta. Diese würden jedoch nicht vollends ausgeschöpft.

Die Studierenden richten ihren Blick derweil auf die Bundespolitik. Nach der Vollversammlung ziehen einige von ihnen noch mit Transparenten vor das Bundeswirtschaftsministerium, um ihren Forderungen Gehör zu schaffen. Dort stehen sie indes vor verschlossenen Türen. Kraft guckt nach vorne: »Jetzt kommt erst mal der globale Klimastreik am Freitag.«

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