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Geduldig, nett, batteriebetrieben

Interdisziplinäres Kolloquium diskutiert über den Einsatz von Robotern in der Pflege

  • Von Anna Schulze
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein Roboter mit Rollstuhl

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Adobe Stock Alexander Limbach
Ein Roboter mit Rollstuhl 112305 4c volles format roboter mit rollstuhl bitte fristellen mit pfad Adobe Stock Alexander Limbach

»Wer hilft uns, wenn wir hilflos sind?« Diese Frage diskutierten am Mittwoch Wissenschaftler*innen aus technischen und ethischen Fachbereichen, die unter dem Titel »Roboter in der Pflege« des 23. Kolloquiums der Daimler-und-Benz-Stiftung zusammengekommen sind. Im Fokus steht dabei die interdisziplinäre Annäherung an das komplexe Themengebiet der Pflegerobotik. Selbstbestimmung der Patient*innen, Datensicherheit und Entlastung des Pflegepersonals sind nur einige der Punkte des umfangreichen Programms.

»Bei Robotern in der Pflege sind wir noch ganz am Anfang. Da gibt es fast nur Prototypen«, sagt Oliver Bendel. Der Informations- und Maschinenethiker ist der wissenschaftliche Leiter des Kolloquiums. »Im Moment ersetzen Pflegeroboter keine Pflegekräfte. Das können sie nicht. Das sind hochkomplexe Gegenstände. Das wird vielleicht in 20 Jahren so weit sein.«

Laut Schätzungen wird die Anzahl an Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent steigen. Damit wären in wenigen Jahren etwa 3,4 Millionen Menschen auf gesundheitliche Versorgung und Hilfe anderer angewiesen. Demgegenüber stehen die ernüchternden Zahlen des Arbeitssektors. Im selben Zeitraum werden etwa eine halbe Millionen Pflegekräfte fehlen. »Roboter können den Pflegenotstand nicht ausgleichen«, so Bendel.

Den Vorteil des Einsatzes von Robotern in der Pflege, sieht er hingegen in der Entlastung der Arbeitskräfte. »Roboter wurden dafür geschaffen, Aufgaben zu übernehmen, die für den Menschen schädlich sind.« Dies ziele nicht nur auf Einsatzgebiete wie beispielsweise Bombenentschärfungen ab, sondern auch auf die körperlich schwere Aufgaben des Pflegepersonals. »Viele Tätigkeiten im Pflegeberuf sind sehr anstrengend. Die Menschen verschleißen.«

Dennoch wird viel in die Richtung der humanoiden Roboter geforscht. Daraus ergeben sich für den Pflegebetrieb in erster Linie therapeutische Roboter, wie die Roboter-Robbe Paro, die insbesondere bei Demenz-Patient*innen eingesetzt wird.

Marie Sohn, Stationsleiterin in der Klinik für Geriatrie im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte, konnte den Roboter bereits auf der Station testen. Seit drei Wochen ist der Roboter mit Kuscheltieroptik im Einsatz. »Sie hilft bei der Kontaktaufnahme bei Patienten mit dementiellen Syndromen. Sie kann ihnen Sicherheit in der fremden Umgebung geben, aber auch Fürsorge zeigen«, berichtet Sohn. »Wir haben sie bei vier Patienten angewendet. Es kann ein Prozess sein, bis der Patient die Robbe annimmt.«

Getauft auf den Namen Liselotte hat die Robbe nach anfänglichen Berührungsängsten bereits Erfolge gezeigt. »Eine Patientin mit schwerer Demenz ist aufgeblüht, als sie Liselotte gehalten hat und sogar Augenkontakt mit uns gesucht.« »Paro ist praktikabel und nicht so teuer«, sagt auch Gundula Hübner. Der Kaufpreis für die Robbe betrage rund 5000 Euro. »Kostenreduktion und Unterstützung in der Würde«, zählt die Sozialpsychologin als Vorteile auf. »Es gibt aber auch Demenzkranke, die nicht darauf anspringen.«

Im Pflegealltag könnten aber auch andere Roboter unterstützend wirken. Stationsleiterin Sohn führt Mobilisationsroboter als innovative Erleichterung an. »Ideal wäre ein Roboter, der bei Aktivitäten mithelfen kann, aber auch am Waschbecken steht und sagt: Jetzt Zähne putzen.« Sohn plädiert für einen Erinnerungsroboter, der Demenzpatienten an alltägliche und notwendige Dinge erinnert, wie daran, Wasser zu trinken. Auch sie betont, dass Roboter Pflegekräfte nicht ersetzen, sondern als Unterstützung dienen sollen. »Einweisung und Fortbildung sind wichtig«, sagt Sohn. Der Theorie-Praxis-Transfer sei groß. »Insbesondere mit der Technik, die wir im Krankenhaus haben. Es dauert lange, bis die Techniken angenommen werden.«

»Sind Exoskelette nicht viel wichtiger, weil sie die Pflegekräfte direkt unterstützen können«, fragt Gundula Hübner. »Wir haben Techniken, die für uns selbstverständlich sind. Die sollten wir besser ausbauen, als den High-End Bereich«, findet sie. Die Sozialpsychologin fordert eine Zielsetzung in der Pflegerobotik. »Was wollen wir für wen erreichen?«

Eins hat das Kolloquium am Mittwoch gezeigt: Roboter in der Pflege sind ein komplexes Thema. Sie können die Autonomie von Pflegebedürftigen fördern und das Pflegepersonal unterstützen. Bei ihrem tatsächlichen Einsatz gibt es hinsichtlich Datenschutz und rechtlicher Leitlinien jedoch noch viel Diskussionsbedarf.

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