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Plötzlich denken fast alle an die Zukunft

Die Schülerbewegung »Fridays for Future« hat mit ihren Aktionen breites Interesse für den Klimaschutz geweckt

  • Von Friederike Meier
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Gegenüber den vergangenen Jahren hat sich etwas verändert«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede beim Petersberger Klimadialog vergangene Woche. Kinder und Jugendliche streikten jetzt immer freitags für den Klimaschutz. Für sie, die Kanzlerin, sei das »alles andere als bequem«. Der Protest sei aber »verständlich«, räumte sie ein und versprach, den Druck aufzunehmen und in Handeln umzusetzen.

In der Tat, die Schülerinnen und Schüler von »Fridays for Future« haben schon viel erreicht: In Talkshows und Podiumsdiskussion wird häufiger denn je über Klimaschutz gesprochen, kaum eine kommt ohne eine Schülerin oder einen Schüler der Bewegung aus, sie sprechen auf Aktionärsversammlungen von DAX-Konzernen, das Branchentreffen Berliner Energietage warb kürzlich mit »Fridays-for-Future«-Vertreter Jakob Blasel, und Greta Thunberg ist von der Klimakonferenz in Katowice bis zum Weltwirtschaftsforum in Davos sowieso schon überall gewesen.

Längst sind es aber nicht mehr nur Schüler, die protestieren. In Anlehnung an »Fridays for Future« haben sich schon zahlreiche Initiativen gegründet, und es kommen immer mehr hinzu. Mit den »Parents for Future« wollen Eltern ihre Kinder beim Streiken unterstützen. Die Gruppierung ruft regelmäßig zu den Protesten auf, und ihre Petition an den Bundestag, noch in diesem Jahr ein wirksames Klimaschutzgesetz zu verabschieden, erreichte mit über 70 000 Unterschriften locker das Quorum. Fast 27 000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben inzwischen eine Erklärung von »Scientists for Future« unterschrieben.

Nach den Eltern und den Wissenschaftlern ist seit dieser Woche auch die Wirtschaft dabei: Mit der Initiative »Entrepreneurs for Future« forderten am Dienstag mehr als 1000 Unternehmen größere Planungssicherheit in der Klimapolitik und einen wirksamen und ansteigenden CO2-Preis. Mit dabei sind viele Start-ups, aber auch große Entsorgungsunternehmen wie Remondis und Veolia oder der Babynahrungshersteller Hipp. Nach eigenen Angaben steht die Initiative für über 100 000 Arbeitsplätze und einen Jahresumsatz von mehr als 20 Milliarden Euro. »Klimaschutz ist weniger eine Belastung für die deutsche Wirtschaft als eine Chance für unsere globale Wettbewerbsfähigkeit«, wird die Geschäftsführerin für Unternehmenskommunikation von Veolia Deutschland, Martina Rauch, zitiert.

Auch die Kirchen haben sich vor Kurzem angeschlossen. Das ökumenische Netzwerk Klimagerechtigkeit ruft unter dem Motto »Churches for Future« seit dieser Woche Kirchen und kirchliche Organisationen dazu auf, ihr Engagement für den Klimaschutz zu verstärken und sich mit »Fridays for Future« zu solidarisieren. Bislang unterstützen 16 Landeskirchen, kirchliche Einrichtungen und Organisationen diesen Aufruf.

Die Jugendbewegung unterstützen wollen auch die Universitäten. Unter anderem in Berlin und Leipzig haben sich schon jeweils über 2000 Studierende per Unterschrift mit den Schülerinnen und Schülern solidarisiert.

Abgesehen von Solidaritätsbekundungen von Firmen, Kirchen, Wissenschaftlern und Studierenden hat »Fridays for Future« aber noch eine andere Entwicklung mit angeschoben. Seit einigen Wochen häufen sich die Meldungen, dass Städte und Kommunen den »Klimanotstand« ausgerufen haben, häufig auf Initiative der lokalen »Fridays-for-Future«-Gruppe.

Den Anfang in Deutschland machte vor einigen Wochen Konstanz am Bodensee. Dort wurde nach Protesten der jungen Fridays-Aktiven ein Beschluss gefasst, durch den der Klimaschutz einen neuen Stellenwert bekommt: In dem Papier verpflichten sich der Gemeinderat und die Verwaltungen, in Zukunft bei allen Entscheidungen die Auswirkungen auf den Klimaschutz zu berücksichtigen. Seitdem kommen immer mehr Städte dazu. Es folgten unter anderem Kiel, Heidelberg, Ludwigslust - und mit Münster in dieser Woche die erste Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Wenn »Fridays for Future« an diesem Freitag zum zweiten Mal zu einem globalen Klimastreik aufruft, stehen aber nicht nur viele Initiativen, sondern einer Umfrage zufolge auch die große Mehrheit der Deutschen hinter ihnen. In einer repräsentativen Umfrage von YouGov im Auftrag der Kampagnenorganisation Campact stimmten 80 Prozent der Aussage zu, die Bundesregierung müsse alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Klimakrise aufzuhalten. Drei Viertel der Befragten finden, die Bundesregierung müsse auf jeden Fall das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens einhalten.

Beim ersten globalen Klimaprotest Mitte März gingen nach Angaben von »Fridays for Future« etwa 1,9 Millionen Menschen auf die Straße. Diesmal sind - Stand: Donnerstagmittag - Streiks an rund 1500 Orten und in weit über 100 Ländern geplant. Mehrere hundert Aktionen dürften noch hinzukommen. In Europa wollen die Schüler vor allem auf die EU-Wahl aufmerksam machen und die Abstimmung zu einer »Klimawahl« machen: »Die Klimakrise ist die größte Herausforderung der Gegenwart und muss oberste Priorität in der Politik haben«, heißt es im Aufruf.

Bisher zeigt sich: Die Schülerinnen und Schüler haben vor allem auf lokaler Ebene schon konkret die Politik beeinflusst. Auf Bundesebene blieb es trotz der mittlerweile begonnenen Debatte über einen CO2-Preis bei Angela Merkels vager Zusage, dass Deutschland bis 2050 irgendwie klimaneutral werden will.

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