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Ein bisschen weniger Gebrüll

Zehn Jahre »Heute-Show«: Ein Ende der Erfolgsgeschichte ist vorerst nicht in Sicht

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als Oliver Welke am 26. Mai 2009 im ZDF begann, sagten viele seiner Satire-Show ein rasches Ende voraus. Doch zehn Jahre später erfreut sie sich noch immer regen Zuspruchs - trotz oder wegen ein wenig Klamauk in der politischen Comedy.

Comedy und Politik: In einem Land, das ohnehin Probleme mit Humor hat und Witze über Staatsmänner (seltener: -frauen) seit jeher noch unschicklicher findet als welche über Benachteiligte jeder Art, ist das eine eher schwierige Kombination. Wenn man aber doch mal nach einem Ort sucht, an dem politische Comedy nicht nur möglich, sondern lustig ist, führt der Weg fast zwangsläufig nach Köln-Mülheim, Schäl Sick - also auf jene Rheinseite, wo die Gentrifizierung noch unbeholfen auf sozialen Brennpunkt trifft, aber schon fleißig aufgeräumt hat.

Im alten Carlswerk nämlich, das die Telefonverbindung nach Amerika einst mit Tiefseekabeln versorgt hatte, ausgerechnet ein paar Stockwerke unter der mal filigranen, mal brachialen, aber nie soziokulturell relevanten Spaßfabrik Brainpool, entsteht seit exakt zehn Jahren die »Heute-Show«. Und das ist - ohne Übertreibung - die vielleicht erstaunlichste Erfolgsstory zwischen Kabarett und Ballermann seit »Rudis Tagesshow«, dem geistigen Urahn dieser Art Jux-News.

Anfang der 80er Jahre, Helmut Schmidt war noch Kanzler, kommentierte der begnadete Conférencier Rudi Carrell die Weltlage jener kriegerisch-kalten Tage im Stil echter Nachrichten, ulkig und mit einem Hauch politischen Spotts. Nach der letzten Sendung 1987 wurden Satire und Klamauk wieder getrennt. Bis Dieter Hildebrandts Ziehsohn Mathias Richling den honorigen »Scheibenwischer« im Frühjahr 2009 zu Grabe trug mit der Ankündigung, künftig Comedians einzuladen. Die Folge war Dieter Nuhrs hybrider »Satiregipfel« ab März im Ersten, Wochen später gefolgt von Oliver Welkes »Heute-Show«.

Erdacht, geschrieben und moderiert vom gelernten Radiokomiker mit Sportexpertise, zeigte sie jedoch schon bei der Premiere, dass nicht Rudis Faxen Pate gestanden hatten; die pseudoseriöse Aufbereitung tagespolitischer Ereignisse im Studio-Ambiente und mit Einspielfilmen vermeintlicher Außenreporter erinnerte eher an Jon Stewarts »Daily Show«, in der dieser das aktuelle Geschehen persiflierte.

Stewart, der damit in der heillos polarisierten Medienlandschaft einer heillos zerrütteten Zeit zum relevanten Infotainer avancierte, nahm man sich in Köln zum Vorbild.

Barack Obama machte der Welt seinerzeit zwar Hoffnung auf Beruhigung der globalen Finanz-, Politik- und Staatskrisen; schon damals aber deutete sich an, dass der wachsende Irrsinn nur mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie zu ertragen ist.

Und so beginnt die Premiere der »Heute-Show« mit einem sichtlich jüngeren, spürbar gelösten Moderator und der Frage, ob Opel gerettet werden kann.

In der Folge fuchtelt Martina Hill als Tina Hausten vorm Greenscreen zum Thema direkte Demokratie herum, »Titanic«-Chef Martin Sonneborn trinkt auf 60 Jahre Grundgesetz, Dietrich Hollinderbäumer alias Ulrich von Heesen macht beim Bericht über Nordkoreas Gebaren Witze über Welkes Bauchumfang, Olaf Schubert stellt im Karo-Pullunder die Börse bloß, und der leibhaftige Horst Seehofer faselt irgendwas von Wertegemeinschaft. Alles ein bisschen wie heute also, und alles ein wenig anders. Aber auch besser? Nach 320 Ausgaben in zehn Jahren nutzt sich das Konzept trotz des sich wild drehenden Personalkarussells ab.

Im Gegensatz zur »Daily Show« ist die Tonlage, verglichen mit dem ersten Jahr, immer ulkiger, um nicht zu sagen: aufdringlicher geworden. Die Darsteller, von Carolin Kebekus bis Serdar Somuncu, ersetzen Punchline und Pointe gern mal durch Grimasse und Lärm. Die illustrierten Wortspiele in Welkes Genick spielen sich mehr und mehr auf Krampf-Phrasenbauer-Niveau ab.

Das allerdings gleichen hintergründige Künstler wie Nico Semsrott, Hazel Brugger oder Lutz van der Horst wieder aus - und rechtfertigen damit konstant hohe Einschaltquoten. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, »Heute-Show«. Drei, vier aufgerissene Augenpaare weniger pro Sendung und ein bisschen weniger Gebrüll, dann dürfen es gern 20 Jahre werden.

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