Palmöl

Zurück zur Natur

Wie aus Ölpalmenplantagen wieder Urwald werden kann.

Von Michael Lenz

Eine Million Arten weltweit sind vom Aussterben bedroht. Der Klimawandel sorgt für verheerende Stürme in den Tropen und schmelzende Gletscher im Himalaja. Schuld sind immer die anderen: die Nutzer von Flugzeugen, die Autofahrer, die Landwirte und natürlich die Ölpalmenplantagenbetreiber. Mit knapp 5,9 Millionen Hektar, davon 3,1 Millionen in den malaysischen Bundesstaaten Sarawak und Sabah auf der Insel Borneo, ist Malaysia der größte Palmölproduzent der Welt. Ein Großteil der bis zu 130 Millionen Jahre alten Wälder Borneos - heute aufgeteilt zwischen Malaysia, Indonesien und Brunei - wurde in den vergangenen 30 Jahren zerstört.

Eines der wenigen verbliebenen großen Waldgebiete Südostasiens befindet sich in Sabah, im Norden Borneos. Es ist schon jetzt - trotz aller Umweltprobleme - eine Art Arche Noah. 26 Prozent der Wälder sind bereits geschützt. Das sind rund zwei Millionen Hektar, von denen aber weite Teile degradiert und fragmentiert sind.

Genau dort starten Wissenschaftler des Rhino and Forest Fund (RFF) und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin zusammen mit der Forstbehörde jetzt ein einzigartiges Projekt zur Renaturierung von Palmölplantagen. Für das Pilotprojekt wurde aus Spenden des Leipziger Zoos ein 33 Hektar großes Gebiet, davon 15 Hektar einer Ölpalmenplantage, gekauft.

»15 Hektar klingt nicht nach viel«, räumt Robert Risch, Vorstandsmitglied des RFF und Mitarbeiter des Leibniz-IZW, ein. Dann erläutert er, warum weniger durchaus mehr sein kann. »Damit schaffen wir einen Korridor für vom Aussterben bedrohte Tiere zwischen den beiden Schutzgebieten Tabin und Kulamba. Wenn wir Arten retten wollen, brauchen wir zahlenmäßig große Populationen, damit ein ausreichend großer Genpool zur Verfügung steht.«

Das ist aber selbst in großen geschützten Waldgebieten des »Heart of Borneo« (HoB), dem vom World Wildlife Fund (WWF) gemeinsam mit Indonesien, Malaysia und Brunei betriebene Netzwerk aus Waldschutzzonen von der Größe Großbritanniens im Inneren von Borneo, nicht mehr gegeben. »Das Problem ist die Zerstückelung der geschützten Wälder. Selbst wenn die Entwaldung gestoppt werden könnte, ginge das Artensterben weiter. Deshalb müssen die Waldgebiete verbunden werden«, erklärt Risch.

Niemand weiß jedoch so genau, wie sich einstige Ölpalmenplantagen wieder in Urwald verwandeln lassen. Einfach der Natur ihren Lauf zu lassen ist keine Option. »Es würde im Nu schnellwachsendes, niedriges Gestrüpp die Plantage übernehmen. Große Bäume hätten keine Chance«, sagt Risch.

Für das Pilotprojekt soll die gekaufte Plantage in drei Sektionen unterteilt werden. »In der ersten werden alle Ölpalmen gefällt, in der zweiten nur ein Teil der Palmen und der dritten bleiben alle stehen«, erklärt Risch. Dann würden in den Sektionen Setzlinge gepflanzt. Deren Wachstum, aber auch welche Wildtiere wie schnell das neue Habitat annehmen, werde wissenschaftlich dokumentiert. Ziel des auf fünf Jahre angelegten Projekts sei die Erstellung eines »Handbuchs für die Renaturierung von Palmölplantagen«. Einziges Problem: Es fehlt noch die Finanzierung.

Die Renaturierung von Plantagen ist auch ein Instrument zur Bekämpfung des Klimawandels. Rund zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen gehen auf die Landnutzung in Südostasien zurück. Eine »massive Wiederaufforstung«, vor allem auf Borneo, wäre also von großer Bedeutung für die »Rückholung von CO2 aus der Atmosphäre«, so Risch.

Das mag utopisch klingen, ist es aber nicht unbedingt. Wirklich produktiv ist nur die erste Generation der Plantagen, die einen Zyklus von etwa 25 Jahren umfasst. Die zweite Generation ist schon deutlich weniger produktiv und in der dritten Generation sind die Böden dann mitunter so ausgelaugt, dass nichts mehr geht. Spätestens dann wäre ein »Zurück-zur-Natur«-Handbuch von großem Nutzen.

Malaysia läuft einerseits Sturm gegen die EU-Politik, bis 2030 schrittweise aus der Nutzung von Palmöl auszusteigen. Andererseits hat Landwirtschaftsministerin Teresa Kok eine Obergrenze von sechs Millionen Hektar für Ölpalmenplantagen angekündigt und will keine neuen Lizenzen für die Umwandlung von Waldgebieten und Torfmooren mehr erteilen.

Eine zunächst positive Nachricht kommt zudem aus Malaysias Nachbarland Indonesien: 2017 war die Rodung von Wäldern mit einem Verlust von 480 000 Hektar erstmalig leicht rückläufig und hat damit geschätzte 4,8 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verhindert.

Norwegen will ob der guten Nachricht jetzt einen ersten Teilbetrag der vor zehn Jahren mit Indonesien vertraglich vereinbarten eine Milliarde US-Dollar zum Erhalt der Wälder auszahlen. »Die Regierung hat neue Maßnahmen zum Schutz von Wäldern eingeführt, einschließlich des Verbots der Zerstörung von Primärwäldern und Torfmooren«, hieß es in einer Erklärung der norwegischen Botschaft.

Experten hegen allerdings Zweifel an der Nachhaltigkeit des Entwaldungsrückgangs in Indonesien. Im vergangenen Jahr hatten auf Sumatra und in Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo, die Brandrodungen massiv zugenommen. Zudem stellt der Bau des Pan-Borneo-Highway zwischen Indonesien, Sarawak und Sabah eine Gefahr für die Wälder dar. Überdies will Indonesien zur Entlastung des überbevölkerten Jakarta eine neue Hauptstadt auf Borneo aus dem Boden stampfen.

Das ist keine gute Nachricht für die Wälder der Insel und ihre vom Aussterben bedrohten Bewohner wie Zwergelefanten, Nashörner und Orang-Utans.