Man sollte nicht einfach immer weitermachen, sondern lieber mal die Luft anhalten.
Hassliebe

Alle Fragen machen weiter

Christof Meueler beendet die ewige Fortsetzung

Von Christof Meueler

«Ich mach dann mal weiter», sagen Leute, die ein Gespräch abbrechen wollen. «Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter (...)», heißt in einem der letzten Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann. Er konnte nicht mehr weitermachen, weil er 1975 als Tourist in London falsch über die Straße ging.

«Keep on truckin‘» ist ein berühmter Cartoon, den der US-amerikanische Zeichner Robert Crumb 1968 veröffentlichte. Der Cartoon machte ohne ihn weiter. Er wurde weltweit nachgedruckt, auf T-Shirts, Postkarten und Plakaten, ohne dass Crumb dafür Geld sah.

Das Gedicht von Brinkmann machte auch weiter. 2003 wurde es von der Hamburger Band Blumfeld adpatiert und politisiert: «Die Geschichte macht weiter / Die herrschende Klasse / Der Hass auf die Frauen / Die Versklavung der Massen / Das Leben nach Vorschrift / Die Vernichtung der Vielfalt / Die schweigende Mehrheit / Der Zorn und der Zwiespalt (...)» .

Die Band löste sich 2007 auf, machte aber weiter. 2014 gab sie wieder Konzerte und auch eins 2017. Gibt es sie noch? Schwer zu sagen. Zombie-Bands machen weiter. Für Tradition kann man sich nichts kaufen. Das weiß jeder Fußballfan. Und das lehrt die Geschichte der SPD. Ein Drama. Die einzige große deutsche Partei, die sich weigerte, weiterzumachen, war die SED. «Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System» erklärte sie Ende 1989. Ein erhebender Moment. Emanzipation bedeutet Veränderung. Heute gilt Weitermachen als tolle Sache. Wie traurig ist das denn?

In der Klimakatastrophe wirkt Weitermachen besonders stumpf. Am lautesten wollen die Grünen weitermachen, hätten Sie’s gewusst? «Verantwortungspolitiker» nennt Peter Unfried in der «taz» Kretschmann, Baerbock und Habeck und lobt sie für ihr «Wohlstands-Fortsetzungsversprechen einer sozial-ökologisch transformierten Marktwirtschaft» und ihren «Vorschlag, das gemeinsam anzugehen». Das Weitermachen? In den SUVs, den Eigenheimen und in den Biomärkten? Kapitalismus ist für alle da, man darf ihn nur nicht abschaffen wollen.

Fortschritt heute kommt nicht mehr von Fortschreiten. Fortschrittlich wäre es, anzuhalten, Luft zu holen und sich umzuschauen. Wie im Gedicht von Rolf Dieter Brinkmann: «Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.»