Auf den Spuren einer Jugendliebe

Geistes- und Gaumenfreuden bei einer Reise in die Heimat von Theodor Storm

Von Irmtraud Gutschke

Dass er im Ruf stand, »der letzte Romantiker« zu sein, dass ihm manch einer die Gefühlsbetontheit seines Schreibens auch übel nahm - von den verschiedenen Deutungen seines Werkes ahnte ich nichts, als ich in meiner Schulzeit immer wieder in der Stadtbibliothek von Karl-Marx-Stadt Bücher von Theodor Storm verlangte. Dabei muss mir doch vieles fremd gewesen sein, angefangen von der norddeutschen Landschaft mit ihren Halligen und Deichen, mit ihren tiefen Himmeln und dramatischen Wolkenbänken, seinen Lebensumständen und -ansichten, die mit dem DDR-Alltag doch überhaupt nichts zu tun hatten. Aber wahrscheinlich war es gerade dieses Ferne, dieses »Andere«, das mich anzog - die hohe Emotionalität, das Geheimnisvolle, »Spökenkiekerische«. Zu Storm kam ich von den Sagen her, von ihm ging ich zu Edgar Allan Poe, nicht ahnend, dass mir ein Jahrzehnt später die schicksalhafte Begegnung mit Tschingis Aitmatow bevorstehen würde.

Ein Zauber ist wiederzubeleben. Wenn wir am 15. September zusammen nach Husum fahren, wo Theodor Storm am 14. September 1817 geboren wurde, könnte sogar schönes Wetter sein. »Du graue Stadt am Meer«, so hat er seinen Heimatort genannt. »Der Nebel drückt die Dächer schwer, und in der Stille braust das Meer eintönig um die Stadt.« Eine düster-romantische Stimmung wird da beschworen, die wir vielleicht werden nachvollziehen können, wenn wir über seine Werke sprechen. Im Ratskeller Husum werde ich etwas daraus vorlesen.

Vorher werden wir Storms Geburtshaus besuchen und uns vorstellen, wie er in seinem engen »Poetenstübchen« jene künstlerische Welt erschaffen konnte, die bis heute fasziniert. Dort hat er kurz vor seinem Tod den »Schimmelreiter« vollendet, in dem sich Menschentragik und wildes Naturgeheimnis so verbinden, dass ein dunkler Klang aus ferner Vergangenheit zu uns dringt.

Thomas Mann hat wohl zu Recht in Storm einen »Zug nordgermanischen Heidentums« entdeckt; von »Stammesheimatliebe« hat er gesprochen, wodurch sich mir unwillkürlich eine Verbindung zu den Stämmen im fernen Kirgisien herstellt. Von einer »spät und oberflächlich christianisierten Sphäre« sprach er, von einem »friesischen Thule«, das seine Wurzeln im »Ur-Heidnischen« hat. Daher Storms Neigung zum Aberglauben und Gespensterwesen, die Thomas Mann auch damit erklärt, das dieser Schriftsteller zum Christentum nie ein Verhältnis fand.

Unter den Dichtern seiner Zeit war er ein Eigensinniger, voller Heimatliebe, die der weltläufigere Fontane seine »Husumerei« nannte. Dagegen die malerische Altstadt heute: Wie andere Touristen wollen wir es genießen, über den Marktplatz und durch die Gassen zu bummeln, und dabei Annehmlichkeiten entdecken, von denen Storm noch nichts ahnen konnte.

Ein schönes Hotel und kulinarische Genüsse noch und noch. Lassen wir uns überraschen. Von Friesentorte bis Fischmanufaktur - der Gaumenfreuden sind so viele, dass man sich von einem Moment auf den anderen immer wieder neu auf etwas freuen kann. Auch eine Altstadttour durch Flensburg ist im Programm, bei der wir eine Hutmacherin besuchen, bei einem echten Schuster vorbeischauen und im »Marzipanspeicher« einkehren wollen. Süße Reiseandenken sind zu erwerben - ob ich da wohl widerstehen kann? Vielleicht darf man ja im September auch schon an Weihnachten denken.

Jetzt freilich beginnt erst einmal der Sommer - mit Zeit zum Lesen im Grünen. In alten Büchern werde ich kramen, die Texte zutage fördern, die in mir vor vielen Jahrzehnten solche Begeisterung weckten. Und die Vorfreude auf diese ganz besondere Reise hoffentlich mit möglichst vielen von ihnen teilen.