Kluge Köpfe zwischen 10 und 97

Die »nd«-Denkspiele finden regen Zuspruch - aber wer knobelt da eigentlich so mit?

Von Michael Müller

Sie gehören zu den fleißigsten Schreiberinnen und Schreibern ans »nd«, dabei zu denen mit den knappsten Texten. Sie werfen selten Fragen auf, sondern beantworten allermeist welche. Sie sind - wie hier recherchiert - von 10 bis 97 Jahren alt, was etwas ungewöhnlich für den Leserkreis einer überregionalen Tageszeitung ist. Es handelt sich um all jene, die sich auf die »Denkspiele mit Mike Mlynar« in »nd.DieWoche« (S. 24) bzw. in »nd.Commune« (S. 14) einlassen. In einer kleinen Umfrage versuchten wir etwas aufzuhellen, welche Personen hinter den Namen und Adressen stecken.

Bei den Philipps in Rostock ist Dienstagnachmittag, soweit die beiden Enkeltöchter Anouk (15) und Julika (10) nicht anderweitig gefordert sind, »Oma-&-Opa-Tag«. Den nutzte Opa Otto schon im zarten Alter der beiden, um spielerisch und spielend ihren Spaß an logischem Denken zu wecken. »Mit Schach begann es, jetzt sind gern auch schon nd-Denkspiele dran«, erzählt er. Mathematik und Physik gehörten für ihn als diplomierten Schiffbauspezialisten zur Brotarbeit, waren aber auch immer sein Hobby. Und dafür wirbt er nicht nur bei den Enkelkindern. Erst unlängst war er mit rund 40 Schülerinnen und Schülern »auf Bildungsfahrt« zur Hannover-Messe. Gefördert wurde diese Aktion vom Verein der Ingenieure und Wirtschaftler und finanziell unterstützt von der LINKE-Fraktion der Rostocker Bürgerschaft. Ob die beiden Enkeltöchter auch mal bei einer solchen Klassenfahrt dabei sein werden, steht in den Sternen, meint er. Doch Otto Philipp will ihnen Spaß und intellektuellen Anstoß vermitteln.

Dass es dabei durchaus auch geistige Rückkopplung zwischen den Generationen gibt, bestätigt Frank Mavius aus Dresden. Das Enkel-Zwillingspärchen Taja und Tinko wird demnächst zwölf Jahre alt. Zusammen mit Oma und Opa machen sie sich sogar schon an nd-Denkspielaufgaben des Prädikats »etwas leichter«. Frank Mavius, der sich als Sportlehrer nicht unbedingt als Mathe-Experte fühlt, findet es beeindruckend, wie Klein und Groß »um die Ecke nach Lösungen suchen«. Besonders wenn es klappt, ist der gemeinsame Stolz darauf beträchtlich, sagt er.

Ist Julika aus Rostock mit zehn Jahren wohl die jüngste nd-Denkspielerin, so ist Wilhelm Klauß aus Berlin-Karow mit 97 Jahren vermutlich mit Abstand der älteste Mitmacher. Seit der Volksschule fesseln ihn »Rechnen und logisches Denken«. 1935, in seinem letzten Schuljahr, hatte ihm der Klassenlehrer deshalb augenzwinkernd sogar den Ehrentitel »Oberlehrer« verliehen. So einer wurde er dann zwar nicht, stattdessen nach dem Krieg erst Neulehrer, später jedoch Direktor an verschiedenen Berliner Schulen. Seit 1987 ist er Rentner. »Ich mache mich an fast alle Aufgaben im ›nd‹ ran«, versichert er. Etliche richtige Lösungen hat er handgeschrieben eingeschickt. Und er kann es nicht lassen, auch seiner Enkeltochter »noch mit Mathematik zu kommen«. Sie ist 53 Jahre alt und soll demnächst als Schulleiterin eingesetzt werden. »Als kleine Arbeitshilfe für sie und als Denkübung für mich« hat er, wie er erzählt, einmal alle Aufgaben im Mathematikbuch für die 3. Klasse ausgerechnet. Und wenn die Enkeltochter demnächst ihre neue Stelle antreten wird, hat er für sie aus seinem Erfahrungsschatz auf rund 60 Karteikarten alle zu erwartenden Pflichten und Tücken einer solchen Funktion notiert.

So weit zu der Jüngsten und zum Ältesten der nd-Denkspielgemeinde. In ihrer arithmetischen Mitte sieht es etwa so aus: Renate Bauer aus Gräfenhainichen ist gelernte Unterstufenlehrerin und leitet schon lange einen Lohnsteuerhilfeverein: »Mich haben Knobelaufgaben von klein auf interessiert. Gefördert wurde das später vor allem durch die Mathematik-Olympiaden in der DDR.« Günter Mattiessen, Bremerhaven, war Professor für Informatik und vertritt DIE LINKE in der Bremischen Bürgerschaft: »Mathematische Logik ist zwar etwas völlig anderes als politische. Aber wer erstere beherrscht, dem fallen in der zweiten leichter Widersprüche auf.«

Albert Armbruster aus Plauen, Lehrer, später EDV-Spezialist: »Im ersten Beruf war es nicht schlecht, im zweiten richtig gut. Kollegen sagten, ich ginge in der Arbeit meinem Hobby nach.« Erhard Thiel aus Cottbus, Diplom-Agraringenieur: »Im Studium hatte Mathe eine geringere Rolle gespielt, aber sie blieb immer meine Passion. Auch die Tafelwerke aus der Schulzeit liegen bei mir noch griffbereit.« Ingeborg Bartsch aus Grammow, Mathestudium in Leningrad (heute Sankt Petersburg), später Institut für Lehrerbildung: »Nachdem unsere Institute 1991 leider aufgelöst wurden, gab ich Nachhilfestunden im ›Studienkreis‹. Für viele Gymnasiasten und Realschüler im Umkreis bin ich noch heute der Rettungsanker. Und wenn der Opa seinen Enkel, 10. Klasse, mit dem Auto zur Nachhilfe bringt, kriegt auch er eine Aufgabe zur Feierabendbeschäftigung.« Womit sich der nd-Denkspielkreis von Jung zu Alt wieder geschlossen hat. Leider fehlt darin ein wenig die Genaration zwischen 20 und 50.