Beton ist nicht alles: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) will Berlin nicht mit Hochhäusern zupflastern wie die japanische Hauptstadt Tokio.
Stadtentwicklung

Big in Japan

In der Megacity Tokio lassen sich Lehren für das wachsende Berlin ziehen.

Von Martin Kröger, Tokio

Die U-Bahn am Tokioter Bahnhof Shibuya kommt auf den Zentimeter genau richtig zum Stehen. Präzise öffnen sich die Türen der Wagen exakt an der Stelle, wo sich auch weitere Automatiktüren befinden, die als Durchgang für die fest an die Bahnsteigkante installierte Barrieren dienen. »So könnte es auch in Berlin sein, wenn Frau Nikutta investieren würde«, scherzt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller in Richtung der ebenfalls anwesenden Vorstandsvorsitzenden der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Evelyn Nikutta. Der SPD-Politiker ist an diesem lauen Sonntagabend zu Späßen aufgelegt. Er blödelt mit jungen Japanern auf den belebten Straßen, wird von Berliner Touristen erkannt, posiert für Selfies mit Mobiltelefonen. Das schrille, laute und grelle Flair der japanischen Megacity mit ihren riesigen Neonwerbeflächen hat es Müller angetan. Selbst der Seitenhieb in Richtung BVG, deren Leistung der Sozialdemokrat noch zu Beginn des Jahres scharf im Senat kritisiert hatte, ist in diesem Moment nicht wirklich ernst gemeint.

Doch der Regierende Bürgermeister ist nicht nur zum Spaß in der vergangenen Woche für vier Tage 9000 Kilometer nach Tokio geflogen. Die von einer Wirtschaftsdelegation der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) organisierte Reise hat unter anderem zum Ziel, neue Märkte für die Berliner Wirtschaft zu erschließen. Die Unternehmen versprechen sich von dem jüngst zwischen der EU und Japan ausgehandelten Freihandelsabkommen ökonomische Impulse. Müller unterstützt die Verbandsvertreter und Unternehmer, trifft sich mit japanischen Spitzenmanagern, versucht Türen zu öffnen. Darüber hinaus nimmt er am »Urban 20 Mayors Summit« teil, einem Gipfel der größten Metropolen der Welt, der Einfluss auf die G20-Staaten nehmen will, die sich Ende Juni ebenfalls in Japan treffen wollen. Außerdem begeht die Berliner Delegation in diesen Tagen feierlich die Städtepartnerschaft zwischen Tokio und der deutschen Hauptstadt, die in diesen Tagen 25 Jahre alt wird. Am Ende geht es dem Regierenden Bürgermeister aber immer wieder auch um die Frage, vor Ort am Beispiel einer Megacity zu schauen, welche Lehren sich für eine wachsende Stadt wie Berlin aus Tokio ziehen lassen können.

Wobei Berlin mit seinen mehr als 3,5 Millionen Einwohnern nur schwer mit Tokio zu vergleichen ist. Denn rund 30 Millionen Menschen leben im Großraum der japanischen Hauptstadt. Wie das aussieht, das zeigt sich auf dem »Skydeck« des Roppongi Hills Club hoch über den Dächern Tokios. »Man muss auch Freiräume und Grün erhalten«, sagt Müller, als er kritisch den Blick über das Hochhäusermeer gleiten lässt, das sich bis zum Horizont erstreckt. Stadtgrün? Fehlanzeige. Neuen Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig das lebenswerte, vergleichsweise grüne Berlin zu erhalten, das wird in Zukunft die große Herausforderung der wachsenden Stadt Berlin. »Es ist wichtig, die Flächen richtig zu nutzen«, sagt Müller. Es ist eine der ersten Lehren dieser Reise: Beton ist nicht alles - in Tokio ist vieles »big«, also groß, aber das muss nicht zwangsläufig gut sein.

Dass Tokio indes nicht nur aus Wolkenkratzern besteht, die seit den 1960er Jahren gebaut wurden, sondern die Grundstücke für die anderen Gebäude häufig sehr kleinteilig sind, wird bei einer Stadtführung zu Fuß deutlich. Gleich neben den Geschäftsdistrikten schließen sich Gebiete mit teils zweistöckigen Einfamilienhäusern an. Anders als in der Mieterstadt Berlin wohnen die Bewohner Tokios zu einem Großteil in Privateigentum. Um die Grundstücke gibt es im Todesfall des Besitzers oft Streit unter den Erben, so dass die Zusammenlegung von Arealen für neue Bauprojekte dauern kann. Über die Planungen entscheiden die Bezirke, die in Tokio die Größe von Großstädten haben. Einen Masterplan gibt es nicht. Gleichwohl wird in Tokio aktuell viel gebaut: vor allem weil hier 2020 die Olympischen Spiele stattfinden sollen. Die Gouverneurin des Distrikts Tokio, Yuriko Koike, betont bei einem Grußwort an die Berliner Delegation: »Wir möchten mit diesen Spielen eine umweltfreundliche und nachhaltige Veranstaltung anbieten.«

Auch das eine schnelle Erkenntnis für Berlin, die sich in Fernost umsomehr bestätigt: Wer eine Metropole vernünftig entwickeln will, muss die Grundstücke in öffentlicher Hand sichern und die städtebaulichen Planungen als Regierung kontrollieren.

Was bei dem langen Stadtrundgang auch deutlich wird: Die Bewohner Tokios sind nicht zuletzt wegen der ständigen Bedrohung durch Naturkatastrophen wie Erdbeben extrem gut organisiert. Auf der lokalen Ebene gibt es Komitees von Ehrenamtlichen, die im Ernstfall die Nothilfe organisieren. Hilfsmittel sind dafür in kleinen Containern gebunkert, die oft auf Spielplätzen stehen.

An einem dieser Orte trifft Berlins Regierender Bürgermeister auch auf das in Japan praktisch realexistierende Solidarische Grundeinkommen, für das sich Müller in Berlin stark macht. Der Senatschef erkennt es nur nicht gleich. »Drei essen, zwei arbeiten, zwei bewachen«, sagt Müller etwas entrüstet beim Anblick eines Trupps in Warnwesten gekleideter Bauarbeiter, von denen nicht alle aktiv sind. Dabei stehen in Tokio überall teils in Fantasieuniformen gekleidete Menschen herum, die beispielsweise bei grünen Ampelphasen die Menschenmengen winkend und pfeifend antreiben. Hinter der Schaffung dieser Arbeitsplätze steckt ein sozialer Grundgedanke: Niemand muss eine Arbeit alleine machen. Die auf Deutsche ineffizient wirkende, aber den sozialen Zusammenhalt stärkende Beschäftigungsmaßnahme betrifft in Japan insbesondere arme ältere Menschen. Die japanische Gesellschaft ist stark vom demografischen Wandel betroffenen. Die Sozialjobs lässt sich die Stadtregierung von Tokio einiges kosten. Vielleicht könnte das ein Vorbild für Berlin sein, wo die Stadtgesellschaft ebenfalls altert? In Tokio haben diese Jobs übrigens den zusätzlichen Effekt, dass die Straßen sehr sauber und sicher sind. Kriminalität und Vandalismus sind kaum ein Thema. Wer einkaufen geht, lässt sein Fahrrad schon mal unabgeschlossen vor dem Laden stehen.

Beeindruckend gut funktioniert auch der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV). Bilder von Menschen, die zu Stoßzeiten in überfüllte U-Bahnwagen gequetscht werden, gibt es nur noch selten, weil inzwischen immer mehr Züge in kürzeren Taktzeiten eingesetzt werden. Und auch wenn die privaten und teils öffentlichen Unternehmen nicht wie in Berlin ein integriertes Dienstleistungsangebot verkaufen, beeindruckt die Gesamtleistung: So werden täglich 27 Millionen Menschen im ÖPNV befördert. »Wir sehen doch in Tokio, wohin der Weg führt«, sagt BVG-Chefin Nikutta: »Sie können mit der U-Bahn mehr Menschen befördern als mit der Tram.« Auch über dieses Fazit wird in Berlin weiter zu diskutieren sein, auch wenn der U-Bahnausbau sicher Jahre entfernt liegt.