Heinz-Christian Strache

Schmerbauch im Schlabbershirt

Das Strache-Video im Licht von Pierre Bourdieus Soziologie des Unwillkürlichen.

Von Velten Schäfer

Was, das ist das Thema des Diskussionsabends im Jugenbildungsprogramm der Berliner »Hellen Panke«, können wir heute mit der Soziologie des Pierre Bourdieu anfangen? Als Barbara Rothmüller ihren Vortrag für die Veranstaltung am Dienstag vorbereitete, wusste die Welt noch nichts von jenem Ibiza-Video, das dieser Tage Österreich erschüttert. Doch weil es der Soziologie ja darum gehen sollte, Aktuelles hintergründig zu beleuchten, kann es sich die Wiener Soziologin und Philosophin nicht verkneifen, mit Bourdieu einen Seitenblick auf den Skandal-Clip zu werfen. Was genau, fragt sie also, empfindet eigentlich das »politische Österreich« in so seltener Einhelligkeit als dermaßen abstoßend an dem mitgeschnittenen Kuhhandelsversuch zwischen den »freiheitlichen« Spitzenpolitikern und jener falschen russischen Erbin?

Es ist die »Körperlichkeit«, sagt sie. Es gehe weniger darum, was Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus ihrer vermeintlichen Partnerin in dem Video anbieten, sondern wie sie es tun. Hätten sie, lässt sich der Gedanke weiterspinnen, nicht plump einen Deal vorgeschlagen, sondern dessen Inhalt in Phrasen à la »Offenheit für Investitionen im Medien- und Infrastruktursektor« und »strategische Partnerschaft zwischen Politik und Wirtschaft« verpackt, wäre die Aufregung geringer. Und hätten sie dabei die körperliche Form gewahrt, hätten sie im Sommeranzug am Tisch gesessen und maßvoll an Sektflöten genippt, statt - wie Strache - den Schmerbauch im Schlabbershirt breitbeinig ins Sofa zu fläzen, Getränkedosen aufzureißen und das Wodka-Red-Bull-Glas mit etwas Qualmendem in der Hand zum Mund zu führen, wäre der Skandal womöglich einzuhegen gewesen.

Geschmack macht Herrschaft

Dies ist zumindest die Lesart des Videos, die sich aus Bourdieus Hauptwerk über »die feinen Unterschiede« ergibt, über das Rothmüller zu referieren eingeladen war. Dabei ist der 900-Seiten-Wälzer, im französischen Original vor 40 Jahren erschienen und auf Deutsch mittlerweile in der 25. Auflage, kein Benimmhandbuch für Fortgeschrittene. Es ist eine herrschaftskritische Soziologie des »Geschmacks«, worunter Bourdieu Bereiche vom Essen über das Musikhören, Lesen, Filmesehen und Sport bis hin zu politischen Meinungen fasst. Anhand der Kriterien Klasse und Geschlecht zeigt das Buch, wie scheinbar subjektive kulturelle Vorlieben mit der objektiven Stellung im hierarchischen Gesellschaftsganzen zusammenhängen, wie sie dieses gerade in scheinbar harmlosesten Alltagsroutinen stets aufs Neue zur Aufführung bringen und stabilisieren.

Obwohl Bourdieu hierbei zahllosen Verästelungen nachgeht, kommt er - auf Basis umfangreichen, teils selbst erhobenen statistischen Materials - doch immer wieder auch zu Faustregeln. So unterscheidet er drei Grundformen des Klassengeschmacks: Die Bourgeoisie kultiviert den »legitimen Geschmack«: vergeistigt, mondän, selbstsicher und souverän, informiert auswählend aus dem kulturellen Angebot, luxuriös - aber nicht protzig, sondern gediegen -, dem dosierten Genuss zugeneigt, nicht aber dem Exzess. Im Kleinbürgertum pflegt man einen »bescheidenen« Geschmack, der strebsam nach oben blickt und den Elitengeschmack kopiert, sich aber seiner Unzulänglichkeit stets bewusst ist und daher unsicher und komplexbeladen bleibt: Dem Aufsteiger, zitiert Rothmüller, »sieht man das Klettern an«. Dieser Kleinbürgergeschmack baut auf eine in sich investierende Haltung, auf Askese, ein Ideal (nicht nur körperlicher) Schlankheit und auf einen Ethos der Selbstkontrolle. Die Volksklassen hingegen werden von einem »Notwendigkeitsgeschmack« regiert, der sich einerseits um das Praktische, Funktionale, Erschwingliche dreht, der Bedürfnisse befriedigen und nicht raffinieren will. Andererseits kann diese Disposition in Situationen des Überflusses auch zu elementarer Gier, zu Maßlosigkeit, zu einem Hedonismus ›von der Hand in den Mund‹ neigen.

Zumindest im Fall des Studienabbrechers Strache, der als Sohn einer alleinerziehenden Drogistin aufgewachsen ist, zeigt jenes Video demnach nichts anderes als einen spontanen Durchbruch seines Notwendigkeitsgeschmacks im Modus des Exzesses. Nun wird Strache mit sich hadern. Wie konnte es passieren, wird er sich fragen, dass ich mich nicht nur habe erwischen lassen, sondern dabei noch so schlecht aussah? Bourdieu würde ihm sagen, dass man halt schlecht aus seiner Haut kann. Diese ›zweite Haut‹, in die man unmerklich hineinwächst, die man aber nur sehr schwer wieder abstreifen kann, ist als »Habitus« das Kernstück der »feinen Unterschiede« und der Bourdieu’schen Soziologie überhaupt. All die erlernten kulturellen Gewohnheiten, Fertigkeiten, Kenntnisse, Netzwerke und Neigungen, über die Menschen in den Positionskämpfen einer hierarchischen Gesellschaft als »kulturelles Kapital« - ein zweiter Bourdieu’scher Schlüsselbegriff - verfügen, stehen nur sehr begrenzt ihrem strategischen Willen zu Gebote. Denn der Habitus, der in verschiedensten Alltagssituationen unwillkürlich angemessenes oder unangemessenes Verhalten produziert, ist keine geistige Ressource, sondern eine »inkorporierte«, die uns deswegen als ganz natürlich erscheint.

Die Magie von Sollen und Wollen

So kommt es, hebt Rothmüller hervor, dass Kinder der Arbeiterklasse ›von selbst‹ zu der ›Überzeugung‹ gelangen, dass das Herumsitzen in höheren Schulen ›nichts für sie ist‹. Wie von Geisterhand entwickeln diese Kinder nicht selten eine Art von Widerstand gegen die Bildungsinstitutionen, die sie aus diesen frühzeitig eliminiert. Ihre Prägung bewirkt dann, dass sie sich selbst im Weg stehen - und dass im Resultat das Bildungsprivileg der Bürger- und Kleinbürgerklassen intakt bleibt. So vermittelt der Habitus wie magisch eine Übereinkunft von Sollen und ›Wollen‹, die Bourdieu auch »Amor Fati« nennt, die »Liebe zum Schicksal«. Und erinnert nicht Straches Selbstabschuss auf Ibiza an jenen Schulwiderstand der Unterklassigen, der stets nur sie selbst trifft?

Das Habituskonzept bietet drei Schlüssel zu Bourdieus Soziologie. Erstens löst es die falsche Gretchenfrage auf, ob Determination oder Selbstbestimmung, also ›Struktur‹ oder ›Handeln‹ gesellschaftlich vorrangig seien. Ohne Struktur kein Handeln, ohne Handeln keine Struktur: Bourdieu weist nicht Marx, aber den »Objektivismus« verengter Basis-Überbau-Ableitungen so sehr zurück wie den liberalen »Subjektivismus«, der von frei sich entscheidenden Einzelnen in machtfreien Idyllen fantasiert.

Zweitens ist die Soziologie des Habitus bis heute eine kraftvolle Kritik jenes Kults der Linguistik, der zeitgleich zu Bourdieus Arbeiten in Teilen des »Poststrukturalismus« aufsteigt. Gegenüber einer »Diskurstheorie«, die zumindest in für akademische Abschlussarbeiten typischer Verdünnung zuweilen an die biblische Schöpfungsgeschichte erinnert - »am Anfang war das Wort« - zeigt das Habituskonzept, wie viel Kommunikation sich in einem vorsprachlichen und unverbalisierbaren Modus impliziten Wissens vollzieht: Trifft man auf Unbekannte, ›weiß‹ man oft schon vor dem ersten Wort, ob ›die Chemie stimmt‹ - und könnte doch kaum erörtern, was genau diese spontanen Gefühle von Zu- oder Abneigung hervorruft. Diese ›Chemie‹ steckt in Bourdieus Begriff der »Hexis«: Der Habitus als Summe verinnerlichter Einstellungen zeigt sich äußerlich als Körperhaltung, etwa in Arten des Sitzens oder Gehens, die etwa das ›Prollige‹ noch im Brioni-Anzug oder Chanel-Kostüm verrät.

Kaum etwas ist daher so falsch, sagt Rothmüller mit Blick auf aktuelle Debatten im Linksliberalismus, wie die oft gehörte Meinung, Klasse sei im Vergleich zu Geschlecht oder Ethnizität unsichtbar und daher als Unterordnungsmodus weniger relevant. Und mit Blick auf das Strache-Video kann man nun der Abscheu einen Namen geben: Die ›Chemie‹ zwischen seiner darin durchgebrochenen Hexis des Vulgären und dem Körperverhältnis sämtlicher Bürger- und Kleinbürgerfraktionen führt zu einer explosiven Abstoßungsreaktion.

In theoretischer Hinsicht führt dieses ›chemische‹ Phänomen derweil zum dritten Grundsatz der Bourdieu’schen Soziologie: Das Habituskonzept rehabilitiert den lange in animalische Unterwelten verbannten Körper als Erkenntnismedium. Es dementiert das Glaubensbekenntnis des bürgerlichen Rationalismus - René Descartes’ »Cogito ergo sum« -, das Denken und Körper gegenüberstellt und so auch den Ausgangspunkt bildet für die erziehende Erzählung vom autonomen, objektivierenden, nutzenmaximierenden Individuum, dem Homo Oeconomicus des Kapitalismus. So ist das Habituskonzept eine grundsätzliche Kritik des Liberalismus - nicht als Abkehr von dessen normativem Projekt individueller Menschenrechte, wohl aber als Abschied von der Grundkonstruktion der liberalen Weltwahrnehmung.

Für Bourdieus Soziologie spricht, dass sie immer wieder entdeckt wird, obwohl sie - anders als etwa das in drei widersprüchliche Phasen zerfallende Werk Michel Foucaults (von dem Bourdieu nicht immer viel hielt) - sehr konsistent ist. Als Rothmüller in den 2000er Jahren in Österreich studierte, galt Bourdieu als »tot«, berichtet sie - doch als sie etwas später in die USA kam, herrschte dort gerade ein »Hype« um ihn. Seine jüngeren akademischen Konjunkturen hängen mit den »Turns« der Soziologie zusammen. Sowohl die Hinwendung der Disziplin zum Körper, die in den 1990er Jahren Prominenz erlangte, als auch der sogenannte »Practice Turn«, der in der amerikanischen Kultursoziologie um 2000 ausgerufen wurde und seit zehn Jahren auch im deutschsprachigen Raum um sich greift, ist in erheblichen Teilen in Bourdieus Schriften vorweggenommen.

Tragisch ist hingegen, dass Bourdieu in den neomarxistischen Debatten um »Fordismus« und »Postfordismus« sowie in der linken VWL kaum eine Rolle spielte und spielt. So trifft man bis heute auf Ökonomen und Politologen, die das institutionelle Regime sowie die wirtschaftlichen Mechanismen des Neoliberalismus bestens analysieren können, zur politisch entscheidenden Frage aber wenig zu sagen wissen - derjenigen nämlich, warum die ›kleinen Leute‹ all das mitmachen.

Wie sehr diesen Diskussionen eine handlungstheoretische Konzeption fehlt, zeigt sich schon in der bis heute verbreiteten Rede davon, man müsse - und könne - diese Leute »aufklären«. Aus Bourdieus Soziologie des Unwillkürlichen und der Körperlichkeit des Sozialen wäre demgegenüber zu folgern, dass die belehrend-rationale Ansprache wenig bringt. Gerade jene ›kleinen Leute‹ verfügen meist nicht über explizierte politische Meinungen, an die man ›argumentativ anknüpfen‹ könnte. Politische Positionierung überhaupt ruht auf einem »Klassenethos«, auf eher praktisch-moralischen Vorstellungen von recht und billig. Die Fähigkeit, diese Haltungen in allgemeine Aussagen zum Zustand der Welt und dem eigenen Platz darin auszuformulieren, zählt zu den »feinen Unterschieden« zwischen oben und unten.

Wandel durch Anerkennung

Es geht, sagt Barbara Rothmüller am Ende des Abends im Garten eines Ostberliner Technoklubs, eher um Anerkennung - etwa von Praktiken der Kollektivität, des Feierns, des Kleine-Leute-Stolzes, der Differenz der unteren Klassen. Wobei, auch das zeigt Bourdieu ja deutlich, das nicht zu einem authentizistischen Proletkult führen darf, sondern sich Anerkennung auf Wandel beziehen muss. Denn die Kultur, die der Habitus generiert, ist ja auch eine Kultur unwillkürlicher Selbstunterdrückung durch »Liebe zum Schicksal«.

Positive Ansätze eines solchen Gestus kann man etwa im Verhalten der linken französischen Intellektuellen gegenüber den »Gelbwesten« erblicken. Allen voran Didier Eribon und Edouard Louis, die sich theoretisch in Bourdieu’schen Gewässern bewegen, validieren den politisch noch immer nicht klar explizierten Ethos der ›kleinen Leute‹, der sich so hartnäckig wütend zeigt. Hierzulande hingegen neigt die Intelligenz eher dazu, das Fehlen dieser Explikation als blinden, tendenziell gar rechten »Populismus« zu skandalisieren. Das ist Folge einer Theorietradition, in der - nicht immer gut verdaut - die politologisch-philosophische »Frankfurter Schule« regiert statt einer Soziologie etwa im Sinne Bourdieus.

Es ist aber, lässt sich im Sinne von Rothmüllers Referat sagen, das Schlechteste, was man jetzt tun kann, naserümpfend »rechts«, mit »dumm«, »plump«, »vulgär« und »ungebildet« eng zu führen. Denn dabei mischen sich in die gebotene Kritik der Rechten Motive eines Hohns von oben, der sich zu bewahrheiten droht - weil nämlich die da unten die privilegierte Verachtung, die darin liegt, viel deutlicher wahrnehmen als diejenigen, die sie ausüben. Und so blickt man mit gemischten Gefühlen auf die Folgen jenes Videos: So wenig Strache Fairness verdient, so bedenklich ist die Art der Häme, die sich dort mitunter äußert. Wenn etwa Spottvideos die Szenerie in jener Finca in einer Weise nachstellen, die in einer Art Hexis-Shaming vor allem seine Plumpheit karikiert, dann stellt sich nicht nur für Barbara Rothmüller die Frage, »ob das die Wähler dieser Partei auch dermaßen abstößt« - oder mittelfristig gar zu Solidarisierungseffekten führt. Zeigen wird sich dies am Sonntag und im weiteren Jahr.