Die Preisträger und Preisträgerinnen mit den beiden Vorlesern sowie den Organisatoren des Wettbewerbs
17. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Siegerkrone für ein »Auslaufmodell«

Ein Abend mit zehn von 93 besonderen Lesergeschichten / Mitschnitte der Geschichten in der Artikel-Info

Von Heidi Diehl

Soll es wirklich schon 15 Jahre her sein, dass wir zum ersten Mal die Leserinnen und Leser aufriefen, sich an einem nd-Lesergeschichten-Wettbewerb zu beteiligen? Einige von denen, die am Mittwoch bei der Abschlussveranstaltung des 17. Wettbewerbs (in den ersten beiden Jahren gab es jeweils zwei Aktionen) im Münzenbergsaal des nd-Gebäudes dabei waren, konnten sich noch an die erste Abschlussveranstaltung erinnern, die im legendären »Café Sybille« stattgefunden hatte. Es war ein extrem heißer Tag, und das Café war zu klein, um allen Interessierten Platz zu bieten. Bis auf die Straße standen die Zuhörer, als Hermann Kant die schönsten Geschichten vorlas und am Ende den Satz aussprach, der wohl »schuld« daran ist, dass es den Wettbewerb 15 Jahre später noch immer gibt: »Da ist noch viel mehr drin!«

Was wohl anfangs eher als ein kurzfristiger Versuch gedacht war, auf eine andere Art mit den Leserinnen und Lesern näher ins Gespräch zu kommen, mauserte sich mit der Zeit zu einem alljährlichen Event, das bei vielen längst einen festen Platz im Terminkalender hat. Spätestens Ende Januar kommen die ersten Anrufe, E-Mails und Briefe, in denen angefragt wird, wann denn der nächste Geschichtenwettbewerb beginnt.

In diesem Jahr veröffentlichten wir den Aufruf zum 17. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb unter dem Motto »Wanderungen durch die Zeit« in der »nd.Commune« vom 30. März. Schon zwei Tage später flatterte die erste Geschichte von Helmut Erich Bastian aus Merseburg ins Postfach, mit der er allen mutigen Frauen ein Denkmal setzte, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs halfen, die Trümmer in den deutschen Straßen, Herzen und Köpfen zu beseitigten, und die wir in der Ausgabe vom 6./7. April veröffentlichten.

Von da an ging es Schlag auf Schlag, jeden Tag ließen uns die Leserinnen und Leser daran teilhaben, wie unterschiedlich man das vorgegebene Thema interpretieren kann: Es sind lustige und traurige, rein biografische und literarisch inspirierte Geschichten. Insgesamt 93 waren es am Ende. Viele der Schreiber sind längst so etwas wie gute alte Bekannte, doch in diesem Jahr waren erfreulicherweise auch eine ganze Reihe neuer Namen dabei. Andere beteiligten sich zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht - und man fragt sich in diesen Fällen, ob es ihnen gut geht. Denn am Thema kann es unmöglich gelegen haben, dass einige der »Stammautoren« diesmal nicht dabei waren.

Am Ende war es wie in jedem Jahr: Die Jury saß vor einem Berg toller Geschichten und sollte sich für die zehn entscheiden, die angeblich die schönsten sind. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit! Zuletzt waren gut zwei Dutzend in der engeren Wahl, ein Hin und Her begann, bis eine ganz pragmatische Entscheidung getroffen wurde: Wir versuchen zehn ganz verschiedene Herangehensweisen an das Thema auszuwählen!

So schafften es jene zehn in die Abschlussveranstaltung, die am Mittwochabend von der Schauspielerin Esther Esche und dem Reisejournalisten Horst Schwartz vorgelesen wurden. Gespannt saßen die Zuhörer im Saal, jeder mit Stimmzettel und Stift ausgerüstet, denn am Ende waren sie es, die darüber zu entscheiden hatten, welche drei der zehn Siegergeschichten ganz vorn landen würden, und somit darüber, wem wir dafür als Preis einen Reisegutschein überreichen dürfen. Drei wirklich tolle Ziele winkten den Siegern, die uns - wie all die Jahre zuvor schon - auch diesmal von Sponsoren zur Verfügung gestellt wurden.

Große Spannung gab es noch einmal beim Auszählen der Stimmzettel, lange wechselten die letztlich drei Erstplatzierten hin und her, am Ende lagen zwischen dem ersten und dem dritten Platz ganze fünf Punkte. Die Nase vorn hatte schließlich die Geschichte von Heidi Huß aus Chemnitz, die man mit vier Worten zusammenfassen kann: Wer schreibt, der bleibt! Darin »outet« sich das »Auslaufmodell«, wie sich die Autorin selbst bezeichnet, auch in Zeiten von WhatsApp und E-Mails als ebenso leidenschaftliche Briefeschreiberin wie -sammlerin und somit als Bewahrerin von Erinnerungen, die ansonsten längst verloren gegangen wären. Eine berührende und, angesichts der heutzutage häufig oberflächlichen Kommunikationskultur, sehr nachdenklich stimmende Geschichte. Heidi Huß kann sich nun auf eine Reise ins Engadin freuen, wohin sie auf Einladung des legendären Hotels Castell in Zuoz reist. Bestimmt nicht, ohne Briefpapier im Gepäck!

Als Esther Esche »Eine Blume im Schnee« von Javad Talebi vorlas, hätte man im Saal eine Stecknadel fallen hören können. Seine Erzählung über einen Flüchtling, der versucht, in Deutschland heimisch zu werden, ließ niemanden kalt und machte wohl alle nachdenklich. Kennen wir doch in Bezug auf Geflüchtete fast immer nur die eigene Sicht. Wer hat sich schon wirklich mit der Sicht der Menschen auseinandergesetzt, die, aus welcher Not auch immer, ihr Land verlassen haben, um in der Fremde neu anzufangen?

Was wissen wir wirklich über ihr Leben »wie auf einer Wippe«, wie Javad Talebi schreibt, ein Leben mal oben und mal unten. Am Mittwochabend auf jeden Fall war sein Leben »oben«, und nun freut er sich schon sehr darauf, mit seiner Frau ein paar erholsame Tage im Travel Charme Kurhaus Binz zu verbringen. Übrigens: nd-Leser ist der Gewinner (noch) nicht, von dem Wettbewerb erfuhr er über »meine gute Freundin Heike Liebau, meine Deutschlehrerin in der Erstaufnahmeeinrichtung in Wünsdorf«, erzählte er. Seit zwei Jahren nun leben er und seine Frau, beide Puppenspieler aus Iran, in Deutschland, haben inzwischen eine Wohnung in Potsdam. »Eine Blume im Schnee« ist seine erste auf Deutsch erschienene Erzählung, beim Feinschliff half ihm Heike Liebau.

Jeder kennt sicher das ungute Gefühl, wenn man in eine Situation kommt, der man sich absolut nicht gewachsen fühlt. Andrea Martin hat so eine durchlitten, als sie 1979 als Praktikantin des Dresdner Schriftstellerverbandes Druckfahnen nach Leningrad bringen sollte, wo man aber eine hochrangige Delegation aus Dresden erwartete.

Wie sie unerwartet zum Ehrengast eines Festaktes des Leningrader Schriftstellerverbandes wurde, wie man dort von ihr eine richtungweisende Rede erwartete und wie geschickt sie letztlich die peinliche Situation meisterte, war schon ganz großes Kino. Dafür erhielt sie zu Recht den dritten Preis und darf nun mit ihrem Mann das Hotel Seefischer am Millstätter See in Kärnten genießen.

Zum Abschluss des 17. nd-Lesergeschichten-Wettbewerbs gab es nur zufriedene Gesichter. Viele brachten ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass der alljährliche Schreibwettbewerb noch lange kein Auslaufmodell wird.