Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Berlin
  • Protest gegen Leerstand

Besetzung in bester Wohnlage

Aus Protest gegen langjährigen Leerstand wurde in Berlin-Friedenau kurzzeitig ein Haus »in Obhut« genommen

  • Von Marie Frank und Lotte Laloire
  • Lesedauer: 3 Min.

»Nachbarn, lasst das wundern sein, tretet näher, kommt herein«, steht auf einem Transparent, das vom Balkon eines Jugendstil-Altbaus im Ortsteil Friedenau in Tempelhof-Schöneberg hängt. Herein kommt man freilich nicht, das Haus ist mit einem bunt geschmückten Bauzaun umgeben, davor sind Tische und Bänke aufgestellt, an denen sich vorwiegend ältere Menschen rege unterhalten. Auch ein paar junge Leute sind gekommen und sitzen auf dem Bürgersteig. Ein ganz normales Nachbarschaftstreffen also? Nicht ganz. Denn an diesem sonnigen Freitagnachmittag sind einige der Nachbarinnen kurzerhand zu Besetzerinnen geworden.

Seit über 13 Jahren steht das Gebäude laut der Gruppe »Flora Nachtigall« bereits leer. Damit es nicht weiter ungenutzt verfällt, haben rund zehn Aktivistinnen das Haus »fürsorglich in Obhut genommen«, wie sie sagen. »Alles Frauen und ein Maskottchen«, sagt Ingrid Schipper von der Nachbarschaftsinitiative Friedenau lachend, um zu verdeutlichen, dass auch ein Mann bei der Aktion dabei war. Als die Polizei kurze Zeit später eintrifft, sind die meisten von ihnen allerdings schon wieder weg. Lediglich drei von ihnen seien von der Polizei dort angetroffen und ihre Personalien aufgenommen worden, erzählt die 71-Jährige.

Eigentlich wollte die Initiative nur den »Tag der Nachbarn« feiern und sich untereinander vernetzen, als einige von ihnen die Gelegenheit nutzten, um mit einer symbolischen Besetzung auf die Situation aufmerksam zu machen. »Seit drei Jahren versuchen wir hier, etwas zu bewegen. Weil jedoch nichts passiert, ist eine Gruppe jetzt reingegangen, um das Haus zu hüten«, erklärt die 71-Jährige. Die Eigentümerin des Hauses mit 16 Wohnungen sei völlig überfordert, und lasse es weder sanieren noch verkaufe sie es. Die Nachbarschaftsinitiative habe auf vielen Wegen versucht, die verantwortlichen Bezirkspolitiker dazu zu bewegen, etwas dagegen zu unternehmen, passiert sei jedoch nichts.

Für die Aktivistinnen völlig unverständlich: »Es ist ein großer Jammer, weil man weiß, wie viele Menschen Wohnungen suchen«, heißt es in einer Erklärung der Besetzerinnen. Die fordern nicht etwa das Haus für sich, sondern lediglich, dass dem Leerstand und Verfall des Altbaus in bester Wohnlage ein Ende bereitet wird. Die Rechtsmittel dafür seien durch das Zweckentfremdungsverbotsgesetz vorhanden, so die Gruppe. So könne etwa ein Treuhänder eingesetzt werden, der das Haus instand setzt, vermietet und der Eigentümerin dann zurück gibt. Die Bezirksverordnetenversammlung habe im April auch beschlossen, das zu prüfen, konkrete Maßnahmen seien jedoch nicht erfolgt.

Das will die Gruppe mit ihrer Aktion ändern. Ihre Forderungen sind für Besetzerinnen dementsprechend ungewöhnlich. So soll dass Bezirksamt ein Sachverständigen-Gutachten zu den Kosten für die Instandsetzung des Hauses erstellen, die rechtlichen Voraussetzungen für die Einsetzung eines Treuhänders schaffen sowie die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand der Fortschritte informieren.

Als die Polizei, die mit einem großen Aufgebot vor Ort ist, die Transparente entfernt, werden sie von den rund 50 Menschen, die sich vor dem Haus versammelt haben, ausgebuht. »Die Häuser denen, die sie brauchen«, rufen sie den Einsatzkräften noch zu, bevor sie ihre Tische und Stühle wieder einpacken und gehen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln