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Bäuerinnen, Katholikinnen, Mütter ...

Am 14. Juni soll ein Frauenstreik die Schweiz und das Patriarchat lahmlegen

  • Von Anina Ritscher
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Schweiz verdienen Frauen 19,6 Prozent weniger als Männer. Das ist so, als wären Frauen jeden Tag ab 15:24 Uhr bis zum Ende des Arbeitstages unbezahlt tätig. Um sich gegen diese und andere Formen der Diskriminierung zu wehren, ruft ein breites Bündnis zum Frauen*streik am 14. Juni auf. Es ist dasselbe Datum wie beim ersten Schweiz-weiten Frauen*streik im Jahr 1991. Damals lautete das Motto: «Wenn Frau will, steht alles still. Im aktuellen Manifest heißt es: »Im Land des sogenannten Arbeitsfriedens haben die Frauen* schon ein Mal gestreikt und eine halbe Million Menschen mobilisiert«.

Wenige Wochen vor dem Streiktag 2019 sind die Vorbereitungen in der heißen Phase. In fast jedem Schweizer Kanton haben sich lokale und berufsspezifische Kollektive gebildet. Sie planen unterschiedliche Aktionen. Zum Beispiel einen Kinderwagen-Umzug in Bern und einen Sitzstreik in dem rund eine Stunde westlich von Zürich gelegenen Städtchen Aarau. Außerdem soll es in mehreren Städten eine frühmorgendliche Weckaktion mit Pfannendeckelkonzerten geben, eine Kundgebung und ein Streikfrühstück.

Das Streiken fällt nicht allen gleich leicht. Für Frauen*, die im Care-Sektor - zum Beispiel als Krankenschwester, Erzieherin oder Altenpflegerin - arbeiten, ist es besonders schwierig. Das Koordinationskomitee schlägt als Lösung vor, dass Väter ihre Kinder am 14. Juni selbst betreuen, damit auch Angestellte aus Kindertagesstätten ihrer Arbeit fernbleiben können. Einige Pflegefachfrauen wollen als Zeichen der Solidarität violette Anstecker tragen, selbst wenn sie selbst nicht streiken.

Das Spannende am Schweizer Frauen*streik ist: Er ist kein ausschließlich linkes Projekt. Neben verschiedenen Gewerkschaften und linken Kollektiven beteiligen sich auch so unterschiedliche Gruppen wie der »Schweizerische Katholische Frauenbund« und der »Schweizerische Bäuerinnen und Landfrauenverband«. Der Streik ist zudem mehrsprachig, auf Französisch heißt er »grève féminist«, auf Italienisch »sciopero delle donne«. Doch die Forderung ist eine gemeinsame. Sie lautet: Gleichheit der Geschlechter in allen Lebensbereichen.

Manchmal ist die Vielfalt im Bündnis eine Herausforderung, wie Anne Fritz berichtet. Sie war von Beginn an dabei und ist heute Kampagnenleiterin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). »Am Anfang wurde diskutiert, ob wir einen feministischen Streik oder ein Frauenstreik planen«, berichtet sie »nd«. Einige Gruppierungen hätten sich außerdem gesorgt, dass der Streik von Institutionen wie z.B. von einer Gewerkschaft vereinnahmt werden könnte. »Und bürgerliche Gruppen fühlten sich durch Kritik am ›kapitalistischen System‹ ausgeschlossen.« Geholfen habe aber, dass die Vorbereitung dezentral läuft: Jede Gruppe hat ihr eigenes Streikprogramm, viele einen eigenen konkreten Forderungskatalog.

So vielfältig wie die am Streik beteiligten Gruppen, so vielfältig sind auch ihre Forderungen. So setzen sich streikende Gymnasiast*innen beispielsweise dafür ein, dass in den Schulen auf die Risiken hormoneller Verhütung hingewiesen wird. Medienfrauen* wollen keine sexistische Berichterstattung mehr sehen. Der bürgerliche »Business and Professional Women«-Verband verlangt eine bessere Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Dieses breite Spektrum soll ein übergreifendes 19-Punkte-Manifest abbilden. Sie umfassen auch bessere Löhne und Renten, Arbeitszeitreduzierung, Verfolgung von Gewalt, Bleiberecht, Sexualaufklärung und vieles mehr.

Nicht jede Streikende steht hinter allen Forderungen. Laut Elisabeth Keller von der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen liege in der Pluralität aber auch eine Stärke, da dies zeige, wie vielfältig die Anliegen der Frauen sind. »Es ist dann Aufgabe der Entscheidungsträger*innen in Politik und Wirtschaft, diese Forderungen in konkrete Maßnahmen umzusetzen.« Dafür fehle es bisher an politischem Willen. Deshalb sei der öffentliche Druck so wichtig, sagt Keller gegenüber »nd«.

Wie in Deutschland gilt auch in der Schweiz bislang nur das als legaler Streik, was tariflich regelbare Forderungen zum Ziel hat. Das ergibt sich aus Artikel 28, Absatz 3 zur Koalitionsfreiheit, in dem es heißt, »Streik und Aussperrung sind zulässig, wenn sie Arbeitsbeziehungen betreffen«. Aber neben dem Gender Pay Gap besteht in der Schweiz etwa das Problem, dass der gesetzliche »Vaterschaftsurlaub« nur einen Tag beträgt, den Großteil unbezahlter Sorgearbeit bestreiten Frauen. Um daran etwas ändern zu können, richtet sich der Streik auch an Gesellschaft und Politik. Selbst im Nationalrat, der großen Kammer des Schweizer Parlaments, liegt der Frauenanteil gerade einmal bei 31,5 Prozent. Im Ständerat, der kleineren Kammer, beträgt er sogar nur 13,3 Prozent. Zudem ist mit der Schweizerischen Volkspartei (SVP) eine rechtspopulistische und konservative Partei stärkste Kraft.

Trotzdem zeigt sich Keller überzeugt: Die feministischen Strukturen, die während der Vorbereitung aufgebaut wurden, werden den Kampf für Gleichberechtigung in der Schweiz stärken. Im besten Fall wird sich das auch auf die Parlamentswahl im Herbst auswirken. Die Vielfalt der Frauen, die sich am Streik beteiligen wollen und die - ähnlich wie beim Kirchenstreik Tausender Katholikinnen weltweit - weit über linke Kreise hinausgeht, lässt derartige Hoffnungen berechtigt wirken.

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