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Traumatisiert von Europa

Fast 4500 Geflüchtete stecken in dem »Hot Spot« Moria auf der griechischen Insel Lesbos fest

  • Von Sebastian Bähr, Lesbos
  • Lesedauer: 9 Min.

Samyrah greift einen der drei Teigfladen, die neben ihr auf einer Decke liegen. Vor ihren Beinen, zwischen Plastikbeuteln, Geröll und Pappkartons, befindet sich ein erhitztes Loch im staubigen Boden. Mit einem Handschuh presst die afghanische Geflüchtete mit einer schnellen Bewegung den Teig an die Außenwand des selbstgemachten Ofens. 25 Brotfladen will sie heute backen, so viele Bestellungen haben Freunde und Nachbarn aufgegeben. Samyrah, schwarzes Tuch auf dem Kopf, um die 30 Jahre alt, schüttelt den Kopf. Nein, das von den Behörden bereitgestellte Essen sei ungenießbar. Stundenlang müsse man in einer Schlange stehen, um etwas zu erhalten. Eine kräfteraubende Tortur. Bereits jetzt, Ende Mai, knallt die Sonne erbarmungslos herunter. Lediglich auf Ästen aufgehängte Stofffetzen spenden über ihrem Kopf etwas Schatten.

Samyrahs improvisierte Bäckerei ist umgeben von Dutzenden Hütten. Decken, Bretter und Plastikplanen bilden die mal enger und mal weiter voneinander entfernt aufgebauten Konstrukte, Hunde lungern herum, Müll liegt auf dem Boden, Stromkabel und Wäscheleinen ziehen sich durch die Bäume. Eine Szene wie aus einem Krisengebiet, und doch mitten in Europa: Samyrah lebt im sogenannten Olivenhain - einer inoffiziellen Zeltstadt, die sich um das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos herausgebildet hat. Auch wenn es hier schon elendere Zeiten gab - im dritten Jahr seiner Existenz sendet das Camp nach wie vor Bilder der Abschreckung. Offenbar eine Wirkung, für die manch einer gerne steht. Auf den verdreckten Notzelten prangt selbstbewusst das blaue Viereck mit den gelben Sternen, das Logo der Europäischen Union.

Moria ist ein »Hot Spot«, ein Erstaufnahme- und Identifikationszentrum, von denen es auf den griechischen Inseln nahe der türkischen Küste fünf gibt. Schutzsuchende, die seit dem EU-Türkei-Deal vom März 2016 hier ankommen, durchlaufen mit wenigen Ausnahmen ein »beschleunigtes Grenzasylverfahren«. Was in der Theorie beschleunigt sein soll, kann jedoch in der Praxis dauern. Die Erstbefragung führen Beamte der EU-Asylbehörde EASO durch. Auf Lesbos finden die Gespräche laut internen Dokumenten im Schnitt erst nach 81 Tagen statt, die Befragung selbst dauert dann pro Person aber durchschnittlich nur 15 Minuten. Dass im Rahmen einer solchen Fließbandarbeit etwaige Traumata und Verfolgungserfahrungen gebührend erklärt und von den Verantwortlichen erkannt werden können, darf bezweifelt werden.

Wird während der Erstbefragung die Türkei für die Schutzsuchenden als »sicherer Drittstaat« oder zuständiger Asylstaat eingestuft, kann die Prüfung als unzulässig erklärt werden. Die Geflüchteten werden dann wieder zurück in die Türkei abgeschoben. Das Gutachten der EASO über das Gespräch ist die Grundlage für die Entscheidung der griechischen Asylbehörden. Die folgenden Interviews der Schutzsuchenden mit den staatlichen Stellen finden manchmal erst nach Monaten statt, Entscheidungen werden mitunter erst nach Jahren gefällt. In einem der Plastikzelte im Olivenhain lebt der 18-jährige Afghane Sayed Ahmadi. Seit elf Monaten wartet er schon in der Baracke, erklärt er in bruchstückhaftem Englisch. Seine Anhörung sei im Januar 2020. Geflüchtete berichten, dass die Termine oft verschoben werden.

Eine Insel als Gefängnis: Solange die Schutzsuchenden nicht als »vulnerabel«, also besonders schutzbedürftig gelten, oder Familienmitglieder in anderen EU-Staaten haben, für die ein Dublin-Verfahren zur Familienzusammenführung läuft, dürfen sie Lesbos nicht verlassen. In der Praxis führt dies dazu, dass Geflüchtete gezwungen sind, formell ihre Verletzlichkeit zu betonen - Grundrechte rücken in den Hintergrund, werden Auslegungssache. Die Organisation Refugee Support Aegean (RSA), der lokale Partner von Pro Asyl, befindet sich in permanenten juristischen Auseinandersetzungen mit den Behörden. »Die Menschen sind auf den Inseln in menschenunwürdigen Bedingungen gefangen«, sagt die Projektanwältin Natassa Strachini. Gemeinsam mit ihren Kollegen versucht sie die Einsprüche der Geflüchteten durchzufechten.

Der offizielle Lagerbereich von Moria ist in einer alten Kaserne aufgebaut. NATO-Stacheldraht wurde auf den Außenmauern befestigt, an manchen Stellen in dreifacher Ausführung. Es gibt mehrere von Polizisten überwachte Eingänge, doch auch viele Löcher in den Zäunen. Der Zugang auf das Gelände ist in der Regel eingeschränkt, auch für Journalisten. Eine Delegation von den Hilfsorganisationen medico international und Pro Asyl kann jedoch mit dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler, Vizepräsident des Expertenausschusses, der den UN-Menschenrechtsrat berät, Ende Mai das Lager betreten.

Innerhalb von Morias Mauern stehen ebenfalls Zelte, aber vor allem unzählige Container. Einige sind Wohnunterkünfte, andere dienen Behörden oder Nichtregierungsorganisationen als Anlaufpunkte. Fast 900 Beschäftigte arbeiten in diesem Komplex. Es gibt auch einen Haftbereich, in dem unter anderem »freiwillige Rückkehrer« eingesperrt werden. Offenbar will man sichergehen, dass sie es sich nicht anders überlegen. »Dass man Verzweifelten Geld bietet, damit sie wieder gehen, ist ohnehin fragwürdig«, sagt Ramona Lenz von medico international. »Dass man sie aber nach ihrer Zustimmung auch noch inhaftiert und zwar bis zu ihrer Ausreise, bis zu der Monate vergehen können, ist ein menschenrechtsverletzender Freiheitsentzug.« Die Container von den Asylbehörden sind von zusätzlichem Stacheldraht umgeben, mit Mitarbeitern kann man teilweise nur durch Gitter sprechen. Mittlerweile hat Regen eingesetzt, der Himmel verdunkelt sich, der schlammige Boden steht unter Wasser. Eine Geflüchtete hält ein 20 Tage altes Baby im Arm.

Moria ist seit Jahren berüchtigt für seine Unterbringungsbedingungen. Rund 4500 Menschen, davon rund ein Drittel Kinder, leben derzeit im Lager und der angrenzenden Zeltstadt. Auch wenn dies eine Verbesserung zum Herbst 2018 darstellt, wo noch etwa 10.000 Menschen hier untergebracht waren - die Kapazität liegt bei 2500 Plätzen. Zusammengepfercht ist man immer noch. Rund 100 Personen müssen sich eine Dusche und eine Toilette teilen. Die Sanitäranlagen sind oft verstopft und verdreckt, es gibt kein warmes Wasser. Drei Familien leben in einem rund 18 Quadratmeter großen Container, sechs Quadratmeter pro Familie, die einzelnen Privatbereiche sind durch Decken getrennt. Außer Doppelstockbetten gibt es keine Möbel in den Räumen, die nach außen nicht abschließbar sind. Eine Afghanin berichtet, dass man ihr »Auswirkungen« auf ihren Fall angedroht habe, falls sie es ablehne, den Container zu teilen.

Im Camp gibt es auch keine Schulen. Jeder Geflüchtete erhält im Monat 90 Euro, pro Familie maximal 360 Euro. Mehrfach berichten Schutzsuchende von Gewalt und sexuellen Übergriffen. Griechische Polizisten ziehen auf dem Gelände Streifen - ob dies eine Sicherheit oder eine Bedrohung darstellt, sei dahingestellt.

Die medizinische Situation in Moria ist anhaltend dramatisch. Im Lager selbst gibt es tagsüber nur zwei Ärzte, nachts einen Militärarzt für Notfälle. In die Krankenhäuser der Insel darf man nur mit einer Behördengenehmigung, für die man wiederum lange kämpfen muss. Natassa Strachini von RSA berichtet von einem Krebspatienten, der zwei Monate ohne Behandlung in Moria verbrachte. Die schlechten hygienischen Zustände wie auch die dichte Belegung der Unterkünfte führen zu einer permanenten - und selbst gemachten - Gefahr. »Viele der Krankheiten wie Durchfall oder Hautreizungen könnten leicht vermieden werden, wenn Menschen unter besseren Bedingungen leben würden«, sagt Projektkoordinatorin Caroline Willemen von Ärzte ohne Grenzen.

Die Hilfsorganisation hatte 2016 das Lagerinnere aus Protest über den EU-Türkei-Deal verlassen und betreibt nun eine kleine Containerstation außerhalb des Geländes. Eines der größten Probleme sei die psychische Verfassung der Schutzsuchenden, erklärt Willemen. Viele Geflüchtete kämen bereits traumatisiert aus aktiven Kriegsgebieten, die Reise nach Europa habe ebenfalls oft verstörende Erfahrungen hinterlassen. In Moria stelle dann die Mischung aus Ungewissheit, Warterei und Elend eine Fortsetzung dieser Qualen dar. »Die Kombination der verschiedenen Traumata führt zu einer massiven Verschlechterung ihrer mentalen Gesundheit.«

Beispiele gibt es viele. Die Ärzte-ohne-Grenzen-Mitarbeiterin berichtet von einer Mutter, die ihre Kinder drei Wochen lang nicht waschen konnte und dadurch Schuldgefühle bekam. Auch Anwältin Natassa Strachini warnt: »Geflüchtete Frauen müssen nach der Geburt ihrer Kinder zurück nach Moria, wo sie dann in Zelten oder Baracken leben.« Dies habe massive Auswirkungen auf ihre Stabilität. Heranwachsende sind ebenso gefährdet: Ärzte ohne Grenzen hatte zwischen Februar und Juni 2018 Gruppentherapien mit 74 Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 18 Jahren durchgeführt. Das Ergebnis: Fast ein Viertel der Heranwachsenden hatte daran gedacht oder versucht, sich umzubringen oder selbst zu verletzen. »Die große Mehrheit von Flüchtlingen in Lesbos, die ich sehe, zeigt psychotische Symptome, Suizidgedanken - sogar versuchten Suizid - und ist verwirrt«, erklärte ein Psychiater von Ärzte ohne Grenzen im September 2018 in einem offenen Brief.

Es gibt auf Lesbos auch Lichtblicke. Das von Aktivisten und Zivilgesellschaft getragene offene Camp Pipka beispielsweise bietet Platz für etwa 100 schutzbedürftige Geflüchtete. Diese werden von der UN aus den Moria-Bewohnern ausgewählt. Statt Containern und Stacheldraht gibt es in dem kleinen Dorf unweit der Küste angemalte Blockhütten, Ruhe und Sauberkeit - eben eine würdevolle Unterbringung. Doch: »Selbst hier können die Schutzsuchenden aufgrund der Warterei und Ungewissheit Depressionen bekommen«, sagt die spanische Projektmitarbeiterin Maria Albero. Es ist das Gesamtsystem, das krank macht. Ein System, das Menschen jahrelang auf Inseln einsperrt. Der Türkei-Deal und das die Dublin-System schaffen dafür die Grundlage.

Die anderen EU-Staaten mögen Griechenland die alleinige Verantwortung für die Zustände auf Moria zuschieben - dies lässt sich jedoch schnell als Versuch entlarven, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Dazu ignorieren diese Vorwürfe allzu gerne die Athen im Zuge der Staatsschuldenkrise von den sogenannten Troika-Institutionen aufgezwungenen Sparmaßnahmen, die verheerende Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hatten. Zwar werden aktuell von Griechenland offenbar nicht alle zur Verfügung stehenden Gelder zur Verbesserung der Lage der Geflüchteten genutzt. Dies kann jedoch auch auf Druck aus Brüssel zurückzuführen sein.

Für die Innenminister der EU-Staaten waren die griechischen »Hot Spots« schon immer ein Pilotprojekt. »Moria ist das zynische Modell, wie in europäischen Grenzverfahren Schutzsuchende völlig rechtlos gestellt werden«, erklärt Karl Kopp, Leiter der Europa-Abteilung von Pro Asyl. Auch Ramona Lenz von medico international warnt vor einer »Sonderrechtszone«, in der Schutzsuchende Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt seien. Beide Organisationen fordern die Auflösung der griechischen Lager und eine solidarische Umverteilung auf Kommunen in der EU.

Mit dem Auto geht es zum Schluss zurück zu der geflüchteten Afghanin Samyrah. Wie viele Wochen sie noch weiter backen muss, weiß sie nicht. »Eine Situation wie in den Hotspots auf den griechischen Inseln ist unmenschlich und muss beendet werdet«, sagt Jean Ziegler, der nun für die UN einen Bericht schreiben wird. Konsequenzen brauche es aber schon früher: »Die Verantwortlichen für diese fürchterliche Abschreckungspolitik müssen bei den EU-Wahlen dringend abgewählt werden.«

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