Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Kultur
  • How To Sell Drugs Online (Fast)

Rauschgift in Rinseln

In der Netflix-Serie »How To Sell Drugs Online (Fast)« wird ein Außenseiter aus Liebeskummer zum Drogendealer

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Früher mal, in der Stoppelbartära des Fernsehens, war das Böse meist sofort als solches identifizierbar. Der Typ mit verschlagenem Blick und Schiebermütze zum Beispiel: Die halbe Filmhistorie hindurch diente er als untrügliches Signal krimineller Absichten. Der Wuschelkopf Moritz Zimmermann dagegen, Protagonist der sechsteiligen Netflix-Serie »How To Sell Drugs Online (Fast)«, guckt vom ersten Moment an arglos aus der Wäsche, wie Teenager eben aus der Wäsche gucken, wenn sie unglücklich verliebt sind. Doch wie faustdick es dieser hier hinter den Ohren hat, wird weder beim zweiten noch beim zehnten Blick deutlich.

Schließlich will Moritz (Maximilian Mundt) nur seine Liebste zurückgewinnen, die sich nach einem einjährigen Auslandsaufenthalt noch am Flughafen von ihm trennt und nun mit der coolsten Socke vom Schulhof herummacht: Daniel, genannt »Dan«. Charmant, witzig, durchtrainiert, ein »Traumtyp«, und als Kleindealer verantwortlich für den Glückspillennachschub im beschaulichen Rinteln, Landkreis Schaumburg, am Rande der niedersächsischen Provinz (in der Serie trägt der Ort den Namen Rinseln). Was also bleibt dem schüchternen, stillosen, schmalbrüstigen Computernerd Moritz übrig? Er kauft seinem Nebenbuhler alle Ecstasys weg und versucht sich als Partykönig.

Wie gesagt: versucht. Denn natürlich scheitert sein Plan. Statt den sportlichen Dan auf Lisas Willkommensfeier auszustechen, kriegt er von ihm tüchtig aufs Maul. Weil das Geld für die gekauften Ecstasys aus dem Etat des gemeinsamen Gaming-Startups stammt, zankt er sich zu allem Überfluss mit seinem gehbehinderten Freund Lenny (Danilo Kamperidis). Und dann will ihm auch noch der bewaffnete Rauschgifthändler (Bjarne Mädel) ans Leder. Schon zu Beginn der zweiten Folge liegt das ohnehin ernüchternde Leben dieses Außenseiters also heillos in Scherben. Um sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, googelt er, wie man rasch Drogen verkauft. Und weil ihm die Suchmaschine einen Shop im Darknet empfiehlt, gibt es nicht nur eine Lösung, sondern gleich noch den Serientitel dazu.

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob »How To Sell Drugs Online (Fast)« dank so putziger Protagonisten den organisierten Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz verharmlost. Tatsache ist aber, dass Delinquenz aus Einsamkeit ein schöner Twist ist, um von Charakteren jenseits der Berechenbarkeit zu erzählen. Besonders Maximilian Mundt verkörpert seine Hauptfigur, die die Würde im anschwellenden Chaos zu wahren versucht, mit Trotz. An seiner Seite glänzt der schöne Damian Hardung als dufter Dan. Und auch wie Lennys Mutter (Ulrike Folkerts) dauernd beiläufig die Egoshooter-Höhle ihres Sohnes unter Zuhilfenahme von Raumspray lüftet, ist hinreißend.

Regisseur Lars Montag verhandelt in der nach Büchern des »Stromberg«-Autors Arne Feldhusen entstandenen Serie auch Ungereimtheiten: Warum der innerlich wie äußerlich verwahrloste Moritz je mit der innerlich wie äußerlich makellosen Influencerin Lisa (Anna Lena Klenke) liiert war, bleibt ebenso rätselhaft wie der Anachronismus, dass die Generation Z noch auf Facebook kommuniziert und wahlweise inmitten von Gelsenkirchener Barock oder in Rem-Koolhaas-Villen lebt. Und auch die vielen Chatverläufe, Videoclips und Animationen im Splitscreen wirken manchmal bemüht.

»How To Sell Drugs Online (Fast)« ist eine unterhaltsame Coming-of-Age-Groteske, die nicht pädagogisch wird. Dennoch lernt man aus der Serie etwas wirklich Wichtiges: Dem Bösen sieht man das Böse nicht an. Dem Guten aber auch selten das Gute.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln