Wahlniederlagen

Wenn A, dann A

Velten Schäfer ergründet die Logik der Wahlschlappenanalyse

Von Velten Schäfer

Was hat eine ABM-Maßnahme oder der HIV-Virus mit denjenigen Sätzen gemein, die Politiker nach Wahlschlappen von sich geben? Man kann sie mit ein und demselben Wort charakterisieren, nämlich als »Tautologie«. Das bedeutet so etwas wie »Wiederholung von bereits Gesagtem«. Im erstgenannten Fall ist damit gemeint, dass das »M« in »ABM« ja schon für »Maßnahme« steht, die mal mehr oder meist weniger sinnvolle Jobcenterauflage also richtig zur »AB-Maßnahme« zu verkürzen ist, wenn man es nicht bei drei Buchstaben belassen will. Und bei der Immunerkrankung steht das »V« für »Virus«, sodass man mit »HIV« infiziert sein kann oder mit dem »HI-Virus«, nicht aber mit einem »HIV-Virus«.

In der Logik nennt man derweil eine Aussage wie »entweder die Sonne scheint oder nicht« tautologisch - weil hier die Gesamtaussage immer wahr ist, ganz unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Teilaussagen, von denen eine immer falsch ist. Hier kommen wir dem Feld der allgemeinen politischen Rhetorik offensichtlich näher! Für das hoch entwickelte Spezialgenre der Wahlschlappen-Abmoderierung ist indes diejenige Variante der Tautologie entscheidend, die zumal in den Sozialwissenschaften als Todsünde gilt: der Zirkelschluss zwischen Voraussetzung und Ergebnis.

Bedarf das der Erläuterung? Politische Parteien, die Wahlschlappen erwarten müssen, sind üblicherweise aus reinster idealistischer Leidenschaft oder schon aufgrund der in Aussicht stehenden Mandatsverknappung von »inhaltlichen« Positionskämpfen - oder umgekehrt - geprägt. Und ist die Schlappe dann eingetreten, liefert eben dieser Streit für alle seine Seiten eine wohlfeile Erklärung. Denn wer würde bestreiten, dass Zwietracht schadet? Ergo ist unter der Generalprämisse der Parteipolitik - dass nämlich die jeweils eigene Position natürlich die richtige ist - vor wie nach der Schlappe jeweils die Abweichung der anderen das Problem. Das gilt nicht nur für die Lieblinkspartei. Auch anderswo kann jetzt, nur so als Beispiel, jeder abgekochte Seeheimer sagen: Der Enteignungskevin hat›s vermasselt! Und zugleich kann sich doch auch jede glühende Juso-Militante von ein und derselben Schlappe in ihrem gegenteiligen Kevinismus bestätigt sehen.

Ganz offensichtlich operiert hier also eine klassische tautologische Form: wenn A, dann A, wenn B, dann B - und so weiter. Das Ergebnis der »Analyse« ist mit der Prämisse identisch. Und was diese Logik generiert, ist nicht minder klar: Die Tautologie baut hier der Entscheidung vor. Sie konserviert die Kontroverse, schafft letztlich eine paradoxe Harmonie in den Apparaten - und wirkt, zumindest für die Streitwortführer, allemal als ABM-Maßnahme.