Naziszene

Rechtsrockland Brandenburg

Wissenschaftler beschreiben, wie sich die Hassmusikszene entwickelt hat.

Von Andreas Fritsche

Unter den Landeskriminalämtern bemüht sich das brandenburgische ganz besonders fleißig und auch erfolgreich darum, rechte Hassmusik auf den Index zu setzen. Rechtsrockkonzerte finden kaum noch statt im Bundesland. Einige Konzerte werden verhindert, und oft versuchen es die Veranstalter in Brandenburg gar nicht mehr. Nicht einmal auf dem Privatgrundstück des Neonazis Klaus Mann in Finowfurt ist es gelungen, unbehelligt von Polizei und Gegendemonstranten aufzutreten.

Trotzdem bleibt der Rechtsrock ein Problem. Die Bands weichen beispielsweise nach Sachsen und Thüringen aus. Ihre Fans reisen ihnen nach. Die Szene hat mit Plattenlabels und Versandhandel Strukturen aufgebaut, die sich auf absehbare Zeit nicht zerschlagen lassen.

Zu dieser Schlussfolgerung gelangt Christoph Schulze vom Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum. Gemeinsam mit seinem Chef Gideon Botsch und dem Sozialpädagogen Jan Raabe hat Schulze jetzt ein Buch zu der Thematik herausgegeben. Es heißt schlicht »Rechtsrock« und beschäftigt sich mit »Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs«.

Mitherausgeber Jan Raabe stellt fest: Seit sich im Sommer 2017 im thüringischen Themar 6000 Neonazis zu einem Festival versammelten, sei Rechtsrock wieder in den Medien präsent. 2012 hatten schockierende Bilder, die der Journalist Thomas Kuban unter Lebensgefahr heimlich bei Rechtsrockkonzerten filmte und zur Dokumentation »Blut muss fließen« zusammenfügte, nur kurz für Aufmerksamkeit gesorgt, erinnert Raabe. »Über rechte Jugendkultur schien bereits alles gesagt. Nach über 30 Jahren Rechtsrock war der Nachrichtenwert des Themas in den Keller gegangen. Dabei hat sich die Szene kontinuierlich weiterentwickelt.«

Die Wissenschaft war nicht auf dem neuesten Stand. Die Studien seien inzwischen einfach zu alt gewesen, heißt es. Hier schließt das Buch eine Forschungslücke. Denn die Stilrichtungen haben sich ausdifferenziert. Wuchs der Rechtsrock musikalisch aus dem eigentlich linken Punkrock, den er durch faschistische Texte umdrehte, so ist die Subkultur der Skinheads heute quasi untergegangen, die Bomberjacke liegt längst bei den Lumpen, die Springerstiefel haben ausgedient.

Einige Rechtsrocker grölen noch ihre klassischen Sauf- und Rauflieder. Doch daneben gibt es Hardcore, Black Metal, Liedermacher und inzwischen sogar rechten Rap, wenngleich diese Stilrichtung wegen ihrer afroamerikanischen Herkunft in der Szene einen schweren Stand hat. Für das Buch haben die Autoren die Musik gehört, die CD-Cover angeschaut, die Beihefte studiert, die Texte analysiert. Dabei sind ihnen Kleinigkeiten aufgefallen, die keine Kleinigkeiten sind. Wenn beispielsweise der abgedruckte Text strafrechtlich nicht relevant ist, aber das gesungene Wort leicht von der Vorlage abweicht und damit den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Zum Versteckspiel gehören Reime, die von der Band nicht zu Ende gesungen werden, aber von den Zuhörern.

Christoph Schulze erzählt in dem mit 98 Seiten längsten Kapitel im Buch die Geschichte des Rechtsrocks in Brandenburg. Am Anfang steht - noch in der DDR - in Frankfurt (Oder) die Band »Hammerschlag«. Gegründet hat sie um 1982 der Heavy-Metal-Fan Michael Sch., der ein Zwischenspiel als Punk gibt, bevor er 1984 ins Lager der Skinheads überläuft. Über einer Bäckerei mietet Sch. eine Wohnung, in der die Band probt und feiert. Da sonst in dem Haus keine Leute wohnen, gibt es keine Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Es werden Rechtsrocklieder nachgespielt, aber auch eigene Titel komponiert. Zum Vorbild für rassistische Gewaltfantasien in dem Song »Der Schuss - Hymne auf Südafrika« dient Bandmitglied Roy P. ausgerechnet ein Gedicht aus der Pionierzeitschrift »Trommel«. Das Gedicht richtet sich gegen das südafrikanische Apartheidsregime. Doch mit kleinen Änderungen verkehrte Roy P. den Sinn ins Gegenteil. 1986 räumt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf. Wohnungen werden durchsucht, Nazidevotionalien beschlagnahmt. Michael Sch. und Roy P. werden vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilt.

Anfang der 1990er Jahre geben westdeutsche Rechtsrocker wie »Kraftschlag« und »Radikahl« ihre Gastspiele in Brandenburg. Teilweise versinken die Konzerte im Chaos, weil sich die Besucher wüst untereinander prügeln. Das Publikum ist dennoch begeistert, weil durch die Wende verunsicherte Polizisten zu dieser Zeit nicht einmal eingreifen, wenn Hakenkreuzfahnen geschwenkt und Hitlergrüße gezeigt werden. Das MfS existiert nicht mehr.

Schließlich kommen Brandenburger Bands hoch wie die »Proissenheads« aus Potsdam und »Frontalkraft« aus Cottbus. Der Sänger der »Proissenheads«, Uwe Menzel (Spitzname: Uwocaust), avanciert zu einer Szenegröße, die später den Nachwuchs fördert. Rechtsrock entwickelt sich auch in Brandenburg zu einem einträglichen Geschäft.

Ein neuerer Trend ist der Wunsch, nicht mehr Subkultur zu sein, nicht mehr durch Bekleidung und provozierendes Verhalten das Volk abzuschrecken, das man für seine Ideologie gewinnen will. So eine Ansage des brandenburgischen Musikprojekts »Hassgesang«. Teils gelingt die Neuorientierung, wenn sich Rechtsrocker als besorgte Bürger verkleiden, bei den Demonstrationen des asylfeindlichen Vereins »Zukunft Heimat« in Cottbus mitlaufen und dort nur von Eingeweihten erkannt werden. Perfekt ist die Verkleidung allerdings nicht. Einige T-Shirts und Jacken zeigen doch klar, wer da marschiert.

Als »Einstiegsdroge« in die Naziszene will Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs den Rechtsrock übrigens nicht einstufen. Hindrichs hält das Gerede von der »Einstiegsdroge« für falsch und für eine gefährliche Verharmlosung. Denn: »Nazis machen Rechtsrock, weil sie Nazis sind.«

Gideon Botsch, Jan Raabe, Christoph Schulze (Hrsg.): »Rechtsrock. Aufstieg und Wandel neonazistischer Jugendkultur am Beispiel Brandenburgs«, be.bra-Verlag, 430 Seiten, 22 Euro.