Sieben Tage, sieben Nächte

Der BER-Effekt

Von Eva Roth

Im November 2011 sollte der Berliner Flughafen BER eröffnet werden. Seither wurden Kinder gezeugt, geboren und eingeschult. Obama wurde zum zweiten Mal zum US-Präsidenten gewählt, Trump zum ersten Mal. Die deutsche Wirtschaft ist um über elf Prozent gewachsen, die SPD hat bei einer Bundestagswahl ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte erzielt. Der Flughafen BER ist weiterhin eine Baustelle. Derzeit gibt es Probleme mit Dübeln, berichtet die ARD. Kabeltrassen seien teilweise in Kalksandsteinwänden montiert. Da Kalksandstein porös ist, könnten die Dübel die Last der Kabeltrassen nicht sicher tragen. Heimwerker kennen das: Das Loch ist gebohrt, es bröselt aus der Wand, der Dübel wackelt. Auch der Zustand der Brandmelder wird als kritisch eingeschätzt.

Verkehrsminister Scheuer sieht deshalb »Anlass zur Sorge« und hält eine weitere Verzögerung der Flughafeneröffnung für möglich. In einem diese Woche bekannt gewordenen Brief setzt er dem Flughafenchef eine Frist bis zu einer Aufsichtsratssitzung im August: »Falls Sie in einer solchen Sitzung nicht über einen erfolgreichen Verlauf der Wirkprinzipprüfung berichten können, müssen Sie ein schriftliches Gesamtkonzept für den Fall vorlegen, dass der Eröffnungstermin im Oktober 2020 nicht gehalten werden kann.« Wie bitte? Man möchte Herrn Scheuer zurufen: Wachen Sie auf! Es ist doch glasklar, dass beim BER seit Jahren vieles gründlich schiefläuft. Ziehen Sie endlich Konsequenzen!

Klar: Es ist schwer, Fehler zuzugeben. Mittlerweile ist aber die Erkenntnis gereift, dass man nur so aus Fehlern lernen kann. Kleinanleger neigen etwa dazu, Aktien nicht zu verkaufen, wenn sie an Wert verlieren, weil sie nicht eingestehen wollen, dass sie danebengegriffen haben. Inzwischen werden sie vor diesem sogenannten Dispositionseffekt gewarnt. Ärzte gehen heute offener mit Fehlern um, damit sie nicht wiederholt werden.

Beim BER hingegen herrscht eine lausige Fehlerkultur. Schon 2012 schlug Dieter Faulenbach da Costa vor, das halbfertige Terminal mit einer Stange Dynamit zu entkernen und noch einmal neu anzufangen. Doch die Verantwortlichen haben nicht auf den Architekten und Ingenieur, der an der Planung von über 40 Flughäfen beteiligt war, gehört. Inzwischen sagt der derzeit amtierende Flughafenchef Lütke Daldrup, 2012 hätte man über einen Neustart nachdenken sollen. Aber jetzt sei man weit fortgeschritten. Also wird weitergewurstelt.

Faulenbach da Costa plädiert noch heute für ein Entkernen des Terminals. Sollte hingegen das derzeitige Gebäude irgendwann in Betrieb gehen, sagt er Chaos voraus - Probleme beim Einchecken, Probleme beim Gepäck. Mal sehen. Vielleicht werden Firmen irgendwann vor dem sogenannten BER-Effekt gewarnt und darauf hingewiesen: Profis machen Fehler und bekennen sich dazu. Eva Roth