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Ein Fall für Zwei auf Polnisch

In »1983« findet die Volksrepublik Polen zu neuer alter Stärke zurück

  • Von Lew Levenstein
  • Lesedauer: 3 Min.

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Man nehme vier der renommiertesten polnischen Regisseurinnen, gebe ihnen einen großen Batzen Geld, die sogenannten Netflix-Millionen, in die Hand und lasse sie eine Serie produzieren. Genauso geschehen im Nachbarland Polen: Agnieszka Holland, Kasia Adamik, Olga Chajdas und Agnieszka Smoczyńska bekamen den Auftrag das erste polnische Netflix-Original zu drehen. Muss doch quasi automatisch geil sein, oder?

Weit gefehlt. Doch schauen wir uns erst einmal die Handlung aus der Nähe an: 1983 zünden Terroristen Bomben in Warszawa, Kraków und Gdańsk. Alle sind erschüttert, vor allem betroffene Gebäude - Partei, Staat und die Bevölkerung rücken infolgedessen ganz schön dicht zusammen und retten gemeinsam den polnischen Sozialismus ins Jahr 2003. Ganz richtig gehört, in der Fiktion erfüllt sich der feuchte Traum eines jeden Altkommunisten: Der Eiserne Vorhang bleibt bestehen und sorgt für Recht und Ordnung, Frieden und Sozialismus. Außerdem ist Polen statt zur Militärdiktatur unter Wojciech Jaruzelski zur astreinen Weltmacht geworden und baut Freundschaftseisenbahnen von Słubice nach Hanoi; lässt sogar Sowjetunion und Rotchina links liegen.

Weitere Texte über neue Serien im nd-Dossier Streamingkiller.

Polnischer Größenwahn vom Allerfeinsten. Die Serie ist aber auch kritisch. Schließlich verliert man beim Streamen das Gefühl dafür, ob nun die Fiktion von der Realität abguckt, oder umgekehrt, wenn beispielsweise auf dem Bildschirm die Propaganda flimmert. Die Parolen von Einheit und Stärke der Partei an die Bevölkerung könnten auch als realer Content der PiS oder anderer Nationalisten durchgehen. In »1983« müssen dann ein Rotzlöffel von Jurastudent (Maciej Musial) und ein abgehalfterter Polizeiinspektor (Robert Wieckiewicz) - man kennt das Prinzip ja von »Ein Fall für Zwei« - das System zu Fall bringen. Oder so ähnlich. Um ehrlich zu sein, halte ich das kaum bis zum Ende aus. Egal, wie bildgewaltig es auch sein mag.

Obwohl die vier Regisseurinnen Meisterinnen ihres Fachs sind, scheinen die vielen Köchinnen den Brei zu verderben. Oder liegt es gar am Drehbuchschreiber Joshua Long, der sich die Serie ursprünglich auch ausgedacht hat? Seine Vorlage musste aber einige Mängel in sich getragen haben, eine Köchin ist schließlich nur so gut wie das zugrunde liegende Rezept und von den Vieren ist man sonst deutlich Besseres gewohnt.

Dennoch ist es irgendwie ein gutes Signal, dass beim ersten polnischen Netflix-Original gleich vier Frauen sich austoben konnten, statt dem einen polnischen Regisseur, der sonst auch alle Filme dreht (Jan Kowalski). In Deutschland hat es beim neuesten Original »Wie verkauft man Drogen (schnell) im Internet« leider nicht für weibliche Regisseure, sondern nur für den Urheber des Mediamarkt-Spots »Saubillig« und den Urheber von Qualitätskomödien wie »Küssen verboten, Baggern erlaubt«, »Klassenfahrt - Geknutscht wird immer« oder »Nur ein kleines bisschen schwanger« gereicht, Namen egal. Stellen Sie sich also einfach vor, wie ich erneut über die Fernsehindustrie in Deutschland herziehe. Sie sind es schließlich gewohnt.

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