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Prenzlauer Berg für 5,85 Euro kalt

Im Haus des Strassenfegers können Menschen in Not zu sozial verträglichen Mieten leben

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 3 Min.

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Marola M. Lebeck überließ 1999 das Haus in der Oderberger Straße 12 dem in der Obdachlosenhilfe aktiven Verein »Strassenfeger e.V.«
Marola M. Lebeck überließ 1999 das Haus in der Oderberger Straße 12 dem in der Obdachlosenhilfe aktiven Verein »Strassenfeger e.V.«

Transporter halten auf der Straße und beliefern die zahlreichen Restaurants, ein Modeladen präsentiert sein Angebot auf dem Gehweg und nebenan wird die Fassade eines der bunten Gründerzeithäuser aufgehübscht, in denen man heute bis zu 16 Euro Kaltmiete zahlt. Soweit nicht ungewöhnlich für die beliebte Oderberger Straße im hochpreisigen Viertel Prenzlauer Berg. Ein Haus allerdings ist diese Entwicklung in den letzten Jahren nicht mitgegangen. In den Wohnungen hinter der Hausnummer 12 leben seit Anfang der 2000er Jahre in Not geratene Menschen. Insgesamt 18 Wohneinheiten gibt es hier für maximal 5,85 Euro pro Quadratmeter.

Dass mitten im Szeneviertel Prenzlauer Berg ehemalige Obdachlose, Künstler und finanziell schwache Menschen wohnen können, verdanken sie vor allem Marola Lebeck. Nachdem die gebürtige Spandauerin nach der Wiedervereinigung das Wohnhaus im früheren Ostteil der Stadt im Zuge eines Restitutionsverfahrens erhalten hatte, wollte sie dort ein soziales Projekt ermöglichen. Dem in der Obdachlosenhilfe aktiven Verein »Strassenfeger e.V.« vermachte sie 1999 in Erbbaupacht für 50 Jahre das stark sanierungsbedürftige Gebäude.

Vier Jahre lang wurde das Gebäude vom Verein zusammen mit Obdachlosen entkernt und wieder aufgebaut, bis 2003 die ersten von ihnen das selbst sanierte Haus beziehen konnten. Dadurch bekamen sie mehr als nur wieder ein Dach über dem Kopf, glaubt Lebeck: »Damit hatten mehr als 20 Leute auch wieder eine sinnvolle und wichtige Arbeit.«

Am Dienstag wurde ihr Engagement mit einem Festakt und der Enthüllung einer Gedenktafel in der Oderberger Straße 12 gewürdigt. »Dieses Projekt strahlt auf Berlin aus und ist ein Hotspot für nachbarschaftliches Engagement, das ohne Frau Lebeck nicht entstanden wäre«, sagt Sawsan Chebli, SPD-Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement. Auch die Menschen vom Verein Strassenfeger bedanken sich bei der Mäzenin. Für Tanja Schmidt zeigt das Engagement von Lebeck, dass »nicht nur der Staat zuständig ist, sondern man auch als Privatperson andere Menschen unterstützen kann.«

Basti Uliszka ist einer der Mieter der Oderberger Straße 12, die zu dem Festakt gekommen sind. »Durch das Haus konnte ich in dem Viertel bleiben, in dem ich schon vorher gelebt habe«, sagte er. Vor drei Jahren ist Uliszka hierher gezogen, nachdem er aus seiner alten Wohnung ausziehen musste, weil er die im Zuge einer Sanierung gestiegenen Mietkosten nicht mehr bezahlen konnte. Seine neue Wohnung musste Uliszka selbst renovieren. Dass er dafür auch nur halb so viel Miete zahlt, wie seine Freunde aus dem Nachbarhaus, ist dabei nicht das Einzige, was Uliszka schätzt: Die Oderberger Straße 12 unterscheide sich auch durch ihr »soziales Miteinander« von anderen Mietshäusern, findet er. Hier gebe es nicht nur einen Garten, in dem gemeinsam gegrillt werden könne. Auch wäre immer jemand da, der auf die eigene Wohnung aufpasse, wenn man mal unterwegs sei.

Auch über den Laden, den der Strassenfeger seit April im Erdgeschoss des Wohnhauses betreibt, freut er sich. Zwei Fotoausstellungen werden hier momentan gezeigt. In einer von ihnen hat der Fotograf Jörg Steinbach einige Bewohner des Hauses sowie Nachbarn aus der Straße porträtiert. Ein Teil des Verkaufspreises der Bilder geht dabei an den Straßenfeger, der in seiner Notübernachtung in der Storkower Straße täglich bis zu 31 Menschen Obdach bietet.

Seit die gleichnamig Straßenzeitung des Vereins im letztem Jahr eingestellt wurde und der Obdachlosen-Treffpunkt »Kaffee Bankrott« schließen musste, konzentriert sich der Verein verstärkt auf das Angebot von Notübernachtungen für Familien. Das Haus in der Oderberger Straße 12 soll auch ein »Appell« an Berliner Immobilienfirmen seien, meint Franziska Sänger vom Strassenfeger: »Wenn ein bis zwei Prozent der Häuser an soziale Vereine verpachtet werden würden, bräuchten wir keine Debatte über Enteignungen.«

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