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Fahrradfahren Fehlanzeige

In Weißensee engagieren sich Anwohner gegen donnernden Schwerlastverkehr

  • Von Tim Zülch¶
  • Lesedauer: 4 Min.

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Weißensee blüht auf – wenn weniger Autos fahren.
Weißensee blüht auf – wenn weniger Autos fahren.

Eine Seifenblasenmaschine pustet Blasen in die Sommerluft, junge Paare schieben Kinderwagen auf den Straßenbahnschienen, ein Radfahrer fährt einfach immer im Kreis: Für vier Stunden war die Kreuzung Berliner Allee und Smetanastraße in Weißensee am Samstagnachmittag für Straßenbahn und Autos gesperrt und bot Platz für ganz andere Aktivitäten. »Wir wollen, dass die Eltern einmal keine Todesängste um ihre Kinder haben müssen, wenn sie hier langgehen«, sagt Jens Herrmann vom Bündnis Prima Klima Weißensee, das sich im Bezirk für lokalen Klimaschutz einsetzt.

»Transkontinentalen Verkehr« nennt Herrmann die Last- und Lieferwagen, die hier täglich zu Tausenden entlangdonnern. Insgesamt um die 30 000 Fahrzeuge seien es am Tag, sagt der Verkehrsatlas Berlin von 2014. Zehn Prozent davon seien Lastkraftwagen, so Herrmann. Das ist viel, aber manche Straßen wie die Frankfurter Allee in Lichtenberg oder der Mühlendamm in Mitte nehmen durchaus die doppelte Anzahl Fahrzeuge auf. Aber die Berliner Allee ist hier nur 24 Meter breit. Viele Hauptverkehrsstraßen in Berlin sind breiter, die Frankfurter Allee an manchen Stellen um die 100 Meter.

»Mit dem Fahrrad kann man hier gar nicht einkaufen«, sagt Gudrun Holtz, die an der Kreuzung wohnt. Sie traue sich mit dem Fahrrad hier nicht auf die Straße, erzählt sie. Fahrradstellplätze gibt es auf dem schmalen Bürgersteig keine, also meide sie auch die Geschäfte in der Berliner Allee – »Bis auf den Fahrradladen, der ist der einzige hier im Kiez«, gibt sie zu. »Aber das mache ich nur, wenn es unbedingt nötig ist.« Gudrun Holtz ist aktiv beim BUND. Seit Jahren versucht sie zusammen mit der Bürgerinitiative Prima Klima und anderen Vereinen, den Bezirk und Senat zu überzeugen, die Straße fußgänger- und fahrradfreundlicher zu gestalten. »Wir fordern mehr Fußgängerüberwege. Da wurden wir vom Bezirk unterstützt, aber die Verkehrslenkung Berlin hat es abgelehnt. Auch haben wir auf eine Tempo-30-Zone geklagt, was sogar vom Verwaltungsgericht bestätigt wurde. Gegen das Urteil hat nun aber die Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) Einspruch eingelegt«. Gudrun Holtz ist enttäuscht vom mangelnden Erfolg des bürgerschaftlichen Engagements. Ihre Hoffnungen setzen sie und ihre Mitstreiter*innen jetzt auf die grundständige Sanierung der Straße, die für den Zeitraum von 2018 bis 2022 geplant ist. »Alle 40-50 Jahre muss eine solche Straße saniert werden, das ist für uns ein historischer Moment und wir wollen von Anfang an mitreden«, sagt Jens Herrmann.

Doch seit zwei Jahren tue sich hier gar nichts. Auf eine schriftliche Anfrage des SPD-Abgeordneten Tino Schopf im Februar dieses Jahres hieß es vom Senat, die Verkehrs- und Machbarkeitsuntersuchung werde »voraussichtlich« im vierten Quartal 2019 ausgeschrieben. Weitere Angaben zu den Rahmenbedingungen der Planungen konnte die Senatsverwaltung nicht machen. Sowohl Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn, als auch Harald Moritz, für Die Grünen im Abgeordnetenhaus, nahmen an einer Diskussion mit Bürger*innen und Anwohner*innen teil. Kuhn bestätigte die Missstände: »Hier kann man nicht Fahrrad fahren. Das ist katastrophal.« Moritz sieht ein Problem mit Verschleppungen bei autogerechter Planung in der Verwaltung: »Zuständig ist die Verkehrslenkung. Die steht seit Jahren in der Kritik. Inhalte des Berliner Mobilitätsgesetzes müssen dort erst noch ankommen«.
Auf der autofreien Kreuzung ist es unterdessen sehr heiß, viele Gäste sind, vielleicht auch deshalb, nicht gekommen. Auf einer Bühne trägt die junge Autorin Alma Maja Gedichte vor, man kann Lastenräder Probe fahren oder sich über die Gefährdung des Malchower Luchses durch eine Umgehungsstraße informieren. Passant*innen nutzen die Straße statt des Gehwegs zum flanieren, sind aber auch schnell wieder weg.

Dafür laufen drei Frauen zielstrebig Richtung Straßenrand. Im Schatten einer Linde lassen sie sich nieder und breiten Blumentöpfe, Schaufeln und Blumenerde vor der Baumscheibe aus. Beherzt setzen sie Margeriten, Nelken und andere Blumen hinein. »Gestern haben wir schon vier Stunden umgegraben«, erzählt Anka Büchler, »und vorhin haben wir an der Apotheke Salbei, Thymian und andere Kräuter gepflanzt«. Weißensee blüht auf, nennt sich die kleine Gruppe, die hier schon mal Fakten schafft.

Auch auf der Oberbaumbrücke und der Schlesischen Straße in Kreuzberg-Friedrichshain sorgten Aktivist*innen der Blockparade »berlin autofrei« mit Skateboards und Fahrrädern für kurzzeitige Sperrungen.

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