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Checkpoint Charlie forever

Investorenpläne gefährden historische Lesbarkeit des einstigen Grenzübergangs

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Zeit läuft. Noch bis 14. Februar 2020 gilt die von der Stadtentwicklungsverwaltung erlassene Veränderungssperre für die noch unbebauten Grundstücke am Checkpoint Charlie, dem einstigen Grenzübergang zwischen Ost- und West-Berlin an der Friedrichstraße in Mitte. Wenn bis dahin kein Bebauungsplan vorliegt, kann Investor Trockland mit Berufung auf Paragraf 34 des Baugesetzbuches eine sich in die Umgebung einfügende Bebauung beantragen. Die durch den Zweiten Weltkrieg geschlagene Lücke im hochverdichteten Quartier, die später für den im Kalten Krieg berühmten Grenzübergang genutzt wurde, könnte also endgültig verschwinden.

Am Samstag lädt die Stadtentwicklungsverwaltung von 12 bis 18 Uhr zum Bürgerdialog zum aktuellen Stand des Bebauungsplans. »Ausgerechnet in den Sommerferien«, heißt es in der Einladung zu einer Pressekonferenz im Vorfeld, zu der Beteiligte der Stadtgesellschaft gebeten haben.

Eine davon ist die Architektin Theresa Keilhacker vom Berliner Rat für Stadtentwicklung. »Die Freifläche ist ebenso wichtig wie die Bebauung«, sagt sie am Montagmorgen bei dem Gespräch im Atelier des Malers Ulrich Baehr direkt an der Ecke Friedrich- und Zimmerstraße. Er ist einer der beiden letzten nicht verdrängten Künstler aus dem einst mit Lottomitteln hergerichteten Atelierhauses und lebt seit 1987 dort.

»Wir sind nicht an irgendeinem Ort, sondern an einem, der die Geschichte schon in sich trägt«, erklärt Christoph Rauhut, Leiter des Berliner Landesdenkmalamtes. Es sei bisher nicht darüber gesprochen worden, wie sich das geplante Bauvolumen mit dem Ort vertrage. So wie Keilhacker möchte er letztlich, dass die Brandwände der Häuser auch weiterhin erkennbar sind und ein wahrnehmbarer Freiraum verbleibt, um den historischen Ort entsprechend zu würdigen.

Mehr oder minder offen zweifeln sie die Sinnhaftigkeit des geplanten Volumens für ein Museum der Stiftung Berliner Mauer an. 3000 Quadratmeter Nettoausstellungsfläche bei einer Gesamtgeschossfläche von rund 4500 Quadratmetern hat Stiftungsdirektor Axel Klausmeier inzwischen dafür rausschlagen können. Auf dem Bebauungsplan vorgesehene 950 Quadratmeter große Grundstück würden also fast fünf Geschosse die komplette Fläche einnehmen, mindestens eines davon würde im Untergrund verschwinden. Für 25 Euro pro Quadratmeter und Monat würde der Senat die Fläche von Investor Trockland anmieten, soll vereinbart worden sein, rund eine Million Euro pro Jahr würde das kosten.

Der Architekturhistoriker und ehemalige Kultursenator Thomas Flierl (LINKE) nennt es das »Grundproblem in dem Verfahren«, dass genau diskutiert werde, wie der Investor seine Flächenentwicklung realisieren könne, über das Bauvolumen des Museums gebe es aber keine Diskussion. »Es ist eine unheilige Allianz zwischen Privatinvestor und Museum.« Denn je mehr Flächen für die Ausstellung gewonnen würden, desto mehr Fläche habe der Investor. In Flierls Amtszeit wurde 2006 das Gesamtkonzept für das Mauergedenken verabschiedet.

»Ich bin der Letzte, der gegen den Rückkauf der Fläche ist«, sagt Stiftungsdirektor Klausmeier. Wenn Berlin nur die Fläche für das Museum von den mit zusammen 90 Millionen Euro Grundschulden belasteten Grundstücke kaufe, müsse das Land dann auch noch das Gebäude errichten. Klausmeier nennt für alles zusammen eine Summe von 40 Millionen Euro. »Das sind die ersten 40 Jahre Miete«, erklärt er.

»Man muss abgleichen und sagen, was braucht man«, fordert Landeskonservator Rauhut. Es müsse schließlich ein Ergebnis produziert werden, das in den nächsten 30 Jahren akzeptiert wird.

»Nach Aussage meines Anwalts ist die komplexe Situation vor Ort nicht allein mit einem Bebauungsplan zu regeln, sondern erfordert zusätzlich einen städtebaulichen Vertrag«, sagt Boris Bonczyk von der Initiative »Checkpoint Charlie erhalten!«. Er fordert die Wahrnehmung des Vorkaufsrechts durch das Land Berlin, einen offenen Architekturwettbewerb und eine Reduzierung der Museumsfläche.

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