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  • Film Eine moralische Entscheidung

Wenn die Wahrheit nicht mehr hilft

Ein sozialrealistisches Drama um Schuld und Verantwortung: der iranische Film »Eine moralische Entscheidung«

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Dem Jungen ist nichts passiert, er hat nur eine Beule und einen Kratzer am Arm. Als Gerichtsmediziner ist Dr. Nariman (Amir Agha›ee) sachkundig genug, das beurteilen zu können - so glaubt er zunächst. Auf der nächtlichen Heimfahrt hat ihn ein anderer Autofahrer geschnitten, er musste ausweichen und hat ein Motorrad gerammt, auf dem eine vierköpfige Familie saß. Die Polizei will er nicht rufen, da seine Versicherung abgelaufen ist, aber er besteht darauf, dass die Familie sich im Krankenhaus untersuchen lässt, und gibt Moosa (Navid Mohammadzadeh), dem Vater des Jungen, Geld. Der aber fährt nicht ins Krankenhaus.

Wenige Tage später erfährt Nariman, dass der Junge gestorben ist. Todesursache: unbekannt. Nariman wird unruhig. Hat er womöglich einen Fehler gemacht? Er interessiert sich für die Obduktion, beobachtet unerkannt die Eltern im Gespräch mit einer Gerichtsmedizinerin, verrät aber zunächst niemandem etwas von dem Unfall.

Nariman, im Beruf ein Perfektionist, der seinen Kollegen keine Fehler durchgehen lässt, hat zwei nicht ganz korrekte Entscheidungen getroffen. Aber die Polizei hätte am Unfallort ja niemandem helfen können. Und der Unfall scheint mit dem Tod des Jungen nichts zu tun zu haben, die Obduktion ergibt, dass er an Botulismus starb, einer Lebensmittelvergiftung. Doch Narimans Verhalten löst Ereignisse aus, die einen weiteren Menschen das Leben kosten werden.

Denn auch Moosa hat eine nicht ganz korrekte Entscheidung getroffen. Die Familie ist arm, er hat unter der Hand billiges Hühnerfleisch gekauft, von dem man ihm versicherte, es sei noch genießbar. Aber durfte er das glauben? Seine Frau gibt ihm die Schuld am Tod ihres Sohnes und will ihn nicht einmal mehr ansehen. Schließlich stellt er in der Fleischverarbeitungsfabrik den Verkäufer des Hühnerfleischs zur Rede und greift ihn an, dieser stürzt und stirbt einige Tage später im Krankenhaus.

In Vahid Jalilvands Drama »Eine moralische Entscheidung« geht es zwar nicht um ein gänzlich schuldloses Verhängnis wie bei Franz Kafka, aber auch nicht um die Folgen bösen Willens. Eine falsche Einschätzung, ein Zögern im falschen Moment - es ist nicht wieder gutzumachen. Nariman steht schließlich vor einer Situation, in der er es nicht mehr richtig machen kann. Dass er womöglich doch für den Tod des Jungen verantwortlich sein könnte, lässt ihm keine Ruhe.

Das Kind könnte auch an einem nicht erkannten Genickbruch gestorben sein, den die obduzierende Kollegin übersah, weil sie nichts von einem Unfall wusste. Die Exhumierung für eine erneute Obduktion aber, die Nariman schließlich anordnet, fügt der Familie nur weiteren Schmerz zu. Und was würde es für den mittlerweile inhaftierten Moosa bedeuten, wenn sich herausstellt, dass der Mann, den er getötet hat, nicht für den Tod seines Sohnes verantwortlich war? Wem kann die Wahrheit jetzt noch helfen?

»Eine moralische Entscheidung« ist ein intensiv gespieltes Drama (besonders beeindruckend: Navid Mohammadzadeh als Moosa) mit sozialrealistischem Hintergrund. Die Welten der oberen Mittelschicht Narimans und der städtischen Armen, zu denen Moosas Familie gehört, kollidieren nur zufällig durch einen Unfall. Die Welten der Armen, zu denen ja auch der Hühnerfleischverkäufer gehört, kollidieren mit tödlichen Folgen, weil man mit kleinen Schummeleien versucht, seine Not zu lindern. Moosa erfährt von Arbeitern in der Fabrik auch Anteilnahme, die aber nicht so weit geht, dass jemand seinen Job riskieren möchte, um die offenbar systematischen Betrügereien beim Fleischverkauf zu enthüllen.

Jalilvand entwickelt die Erzählung hin zum unauflösbaren Dilemma psychologisch überzeugend. Er kontrastiert leise, beherrschte Töne mit Zorn, Trauer und Verzweiflung, zeigt aber alles in unterkühlten, fast farblosen Bildern, als liege ein Grauschleier über dem Iran und seiner Gesellschaft. Das Ambiente verstärkt den Eindruck der Trostlosigkeit - die kahlen Räume der Gerichtsmedizin, staubige Straßen, triste Fabrikgebäude und Lagerhallen, der Friedhof.

»Eine moralische Entscheidung« ist kein regimekritischer Film im üblichen Sinn, Jalilvand gehört zu den Regisseuren, die im Land arbeiten dürfen. Man darf annehmen, dass die Ayatollahs eine positivere Darstellung des Lebens in ihrem »Gottesstaat« bevorzugen würden, offenbar gilt ihnen die Duldung ernsthafter künstlerischer Arbeit aber als akzeptabler Preis dafür, sich im Ausland als weltoffen darstellen zu können.

Zu den Kompromissen, die Jalilvand machen musste, gehört möglicherweise, dass die Zuschauer rätseln müssen, ob Nariman nur ein freundschaftlich-vertrautes Verhältnis zu seiner Kollegin hat, die ihm mehrfach ins Gewissen redet und deren Autorität er respektiert, oder ob da mehr ist. Es geht in diesem Film um allgemeine Fragen von Moral und Verantwortung, die sich in Berlin, Buenos Aires oder Bangkok kaum anders stellen würden, aber dennoch in einer spezifisch iranischen Färbung - oder Farblosigkeit - behandelt werden.

»Eine moralische Entscheidung«, Iran 2017. Regie: Vahid Jalilvand. Darsteller: Navid Mohammadzadeh, Amir Agha‹ee, Hediyeh Tehrani, Zakiyeh Behbahani. 104 Min.

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