Moderne Kunst

Gewinnbringende Fliegenklatsche

Lee Wiegand ist Feuer und Flamme für zeitgenössische Kunst

Von Lee Wiegand

Moderne Kunst ist ein Graus. Darf man das sagen? Es sei gewagt: Nicht nur, aber vielleicht besonders in Berlin jagt eine furchtbare Ausstellung die andere. Darin finden sich die immer gleichen, gänzlich hässlichen und absolut nutzlosen »Kunstwerke«. Bildnisse absoluter Beliebigkeit, die, so erklären junge Künstler*innen dann unentwegt, auch noch für sich selbst sprechen sollen. Das wäre ja noch in Ordnung. Doch halten sich diejenigen, die das emphatisch von ihren »Werken« sagen, offensichtlich für die nächsten Pollocks oder Warhols. Tatsächlich haben sie den Anspruch, dass ihre Kunst hauptsächlich von ihnen spricht.

Von Roland Barthes haben diese Leute noch nie gehört. Schon 1968 rief der Philosoph und Kritiker den »Tod des Autors« aus. In unserer mit Bildern und Texten vollgestopften Welt, meinte er, sei die Kontrolle der Schriftsteller*innen über ihr Werk vorbei. Deren Absichten, wie hehr und nobel auch immer, verlören ihre Bedeutung. Und im Tode dieser Einen würden die Anderen als Macht geboren, nämlich die Leser*innen: Kunst, lässt sich das grob zusammenfassen, entsteht sozial, im Publikum, in und bei denen, die sie unter den Umständen ihrer gesellschaftlichen Leben betrachten und mit ihr umgehen.

Für die Wahrheit dieser These gab es jüngst in Basel ein Beispiel. Auf der dortigen Kunstmesse griff oder schlug, wie man berichtete, ein Kleinkind nach einer Fliege. Nicht nach einer echten, sondern einer mehr als echten Fliege, einem Kunstwerk aus Kunststoff, das zu Boden fiel und sich die Flügel abbrach: großes Entsetzen! Bei Mutter, Kind - und vor allem den Kunstmessenmenschen: Denn, so wurden diese zitiert, man könne nun die Flügel nicht einfach wieder ankleben. Die Fliege sei dann nämlich nicht mehr das »unberührte« Kunstwerk, nach dem das Kind gegrapscht hatte.

Dieses vorbarthesianische Denken wurde dann prompt und praktisch widerlegt. Der Name der Künstlerin Katharina Fritsch, zuvor vielleicht noch nicht so weltbekannt, ging nun kreuz und quer durch die Presse. Glossen wurden verfasst, Reflexionen, Zeitgeistessays. Die Fliege ist daher tatsächlich nicht mehr nur die Fliege. Sondern die Fliege, die herunterfiel und über die dann alle redeten. Ihr »Wert« wird mit Sicherheit steigen - wie jüngst bei jenem Bild des »Straßenkünstlers« Banksy, das sich bei seiner Auktion selbst zerschredderte.

Spätestens in dem Moment, als sie das realisierten, scheinen jene Kunstmessenmenschen theoretisch nachgerüstet zu haben. In der zweiten Wochenhälfte hieß es plötzlich, all das sei nie passiert! Das ist nun möglich oder auch nicht. Die nächste Staffel gegenwartsdiagnostischer Besinnungsaufsätze droht: War die Sache von Anfang an »fake« respektive »Kunst«? Eine Intervention in die postfaktische Gegenwart? Das kann man dann so oder so oder auch anders sehen und schreiben. Man kann freilich auch in die nächste Junge-Kunst-Galerie gehen und zum Beispiel etwas ankokeln. Man müsste das nicht einmal wirklich tun - auf jeden Fall aber sollte man das betreffende hässliche Dings vorher heimlich gekauft haben.