Gefüchtete in Berlin

Hilfsarbeiter mit Doktortitel

Geflüchtete landen meist in einer niedrigeren beruflichen Stellung als vor ihrer Flucht

Von Marie Frank

Zakiy Ademonla Adeyemi versteht die Welt nicht mehr: Der 29-jährige Geflüchtete aus dem westafrikanischen Benin möchte eine Ausbildung machen, darf aber nicht. Und das, obwohl er sogar Ausbildungsbetriebe gefunden hat, die ihn einstellen würden. »Ich lege der Ausländerbehörde ständig Verträge vor, bisher vergebens«, klagt er.

Seit fünf Jahren ist Adeyemi mittlerweile in Deutschland, vor drei Jahren ist er aus einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt nach Berlin gezogen, um eine Ausbildung als Glaser zu machen. Dabei hat Adeyemi einen Bachelor in internationale Beziehungen, der Abschluss des 29-Jährigen wurde jedoch nicht anerkannt, lediglich sein Abitur akzeptierten die Behörden. Die Ausbildung zum Glaser machte dem überqualifizierten Adeyemi wenig Spaß, auch weil er in seinem Betrieb mit Diskriminierungen zu kämpfen hatte: »Wir waren zwei Schwarze dort. Wir wurden nicht gut behandelt«, sagt Adeyemi rückblickend. Als er sich beschwert habe, sei er beim nächsten kleinen Fehlverhalten rausgeworfen worden, da er noch in der Probezeit war, kein Problem.

Drei Jahre ist das nun her. Mittlerweile ist der Asylantrag von Adeyemi abgelehnt worden und er hat eine Duldung erhalten. Alle sechs Monate muss er diese bei der Ausländerbehörde verlängern. Eine Arbeitserlaubnis hat der studierte Sozialwissenschaftler nicht, die braucht er aber, um eine Ausbildung anfangen zu können. Vorher muss er jedoch erst einmal seine Ausweispapiere vorlegen, habe man ihm in der Ausländerbehörde gesagt. »Wenn ich die aber doch von meiner Botschaft nicht bekomme, was soll ich denn machen?«, fragt Adeyemi verzweifelt. Auch mit den Behörden in Benin habe er schon Kontakt aufgenommen, um seine Dokumente zu erhalten - vergeblich. »Ich möchte gerne endlich ankommen«, sagt Adeyemi. »Ich bin gut integriert. Mit meiner Freundin bin ich bald drei Jahre zusammen und habe hier Freundschaften geschlossen«, erzählt er in flüssigem Deutsch.

Hilfsjob, und helfen zu können

Adeyemi ist kein Einzelfall. Wer geflüchtete Menschen fragt, was sie in ihrem Herkunftsland gelernt oder gearbeitet haben, wird oft überrascht: Nicht selten haben die Menschen, die hier als Taxifahrer, Kellner oder Putzkräfte tätig sind, zuvor als Ärzte, Lehrer oder Wissenschaftler gearbeitet. In Deutschland angekommen, landen viele jedoch in einer niedrigeren beruflichen Stellung als vor ihrer Flucht. Während nicht einmal jeder sechste Geflüchtete aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern* in seiner alten Heimat eine Helfertätigkeit verrichtet hat, arbeitet in Deutschland jeder zweite von ihnen an- oder ungelernt. Das hat auch Auswirkungen auf die Dauer der Anstellungen: Zwar hatte laut des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Februar ein knappes Drittel dieser Geflüchteten eine sozialversicherungspflichtige Arbeit gefunden, mehr als jeder Dritte, der zwischen Februar 2018 und Januar 2019 angestellt wurde, kam jedoch in der Leiharbeitsbranche unter. Und die ist für Geflüchtete alles andere als ein Sprungbrett in den Arbeitsmarkt: Für mehr als 80 Prozent der Syrer, Afghanen und Iraker enden die Jobs spätestens nach neun Monaten, also sobald sie vergleichbare Löhne wie die Stammbelegschaft erhalten müssten. Bei Deutschen ist es nicht mal ein Drittel. Drei Monate später ist mehr als die Hälfte von ihnen immer noch arbeitslos, 20 Prozent sind erneut in der Leiharbeit tätig.

Dass viele Geflüchtete in Helfertätigkeiten landen, erklärt sich für Reiner Klingholz, Direktor des Berlin Instituts, unter anderem dadurch, dass viele Geflüchtete schnell Geld verdienen müssen, etwa um es an zurückgebliebene Familienmitglieder zu schicken oder um ihre durch die Flucht entstandenen Schulden bei »Schleppern« abzubezahlen. Die Anerkennung bestehender Berufsabschlüsse sei dabei zu unflexibel und aufwändig. »Langwierige Verfahren zur Anerkennung beruflicher Qualifikationen sind vor diesem Hintergrund hinderlich«, konstatiert Klingholz. Auch eine jahrelange berufliche Ausbildung mit geringen Verdienst sei daher für viele unattraktiv.

»Wenn deine Frau in der Türkei im Flüchtlingslager sitzt, machst du keine Ausbildung, sondern suchst dir Arbeit, um sie nachholen zu können«, weiß auch der Leiter der Berliner Ausländerbehörde, Engelhard Mazanke. Für ihn ist daher der Familiennachzug ein wesentlicher Faktor der Arbeitsmarktintegration: Erst danach könnten die Menschen mit Ruhe einen qualifizierten Job suchen.

Welche Schwierigkeiten Geflüchtete auf ihrem Weg in Arbeit haben, hat das Berlin Institut in seinem neuen Diskussionspapier untersucht. In zahlreichen Einzelinterviews mit Geflüchteten sowie Experten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wurden individuelle und institutionelle Hürden bei der Arbeitsmarktintegration Geflüchteter analysiert. Die individuellen Hürden bestehen demnach vor allem in einem Defizit hinsichtlich sozialer Integration, Sprachkenntnissen, Schul- und Fachkenntnissen, Kenntnissen des deutschen Arbeitsmarktes sowie psychischen Problemen. Während für die meisten dieser mitgebrachten Hürden mittlerweile bewährte Hilfsangebote und -strukturen existierten, seien die bürokratischen Hürden durch Politik und Verwaltung hausgemacht und damit vermeidbar, so Klingholz.

Sein Fazit: Die Zuständigkeiten sind über zu viele Akteure verteilt, die Gesetzeslage ist zu komplex und die Anforderungen an die Geflüchteten zu restriktiv. Allein die Verfahrenshinweise der Berliner Ausländerbehörde umfassen über 800 Seiten. Für Leiter Mazanke ein riesen Problem: »Je komplexer die Gesetze, desto weniger Spielraum habe ich gegenüber dem Einzelfall«, erklärt er.

Restriktion und Drogenhandel

Besonders kritisch sehen die Experten die Ausbildungsduldung, die in jedem Bundesland anders gehandhabt wird und sich in der Praxis oft schwierig gestalte. Viele Betriebe wüssten nicht, ob ihnen die geduldeten Flüchtlinge dauerhaft als Angestellte erhalten bleiben und würden sich im Zweifel gegen eine Anstellung entscheiden - und das, obwohl Fachkräfte dringend benötigt werden, kritisiert Frederick Sixtus vom Berlin Institut. Das Gesetz sei ein »halbgarer Kompromiss«, von dem in Berlin bis heute gerade einmal 220 Personen profitierten. Für die anderen knapp 11 000 Geduldeten in der Hauptstadt sei die Situation weiterhin unklar. Ein klares Signal zur Integration wäre hingegen eine echte Aufenthaltserlaubnis für den Zeitraum der Ausbildung mit Aussicht auf Verlängerung, heißt es in dem Diskussionspapier. Auch dass Geduldete keine Aufenthaltserlaubnis zu Erwerbszwecken beantragen können, ist für die Experten unverständlich: »Dazu müssten sie erst zurück in ihr Herkunftsland reisen, um dann von dort aus einen entsprechenden Antrag zu stellen. Das ist teuer, zeitaufwendig, umständlich und mitunter gefährlich.«

Das Berlin Institut hat gleich eine Reihe von Vorschlägen im Gepäck, wie es besser gehen könnte: So sollte die Wohnsitzauflage abgeschafft und Fördermaßnahmen von Anfang an allen Geflüchteten zur Verfügung stehen. Dies sei nicht nur integrations- und sozialpolitisch sinnvoll, sondern auch als Maßnahme der Entwicklungszusammenarbeit zu begreifen: Die in den Kursen erlernten Inhalte dürften schließlich auch dann von Nutzen sein, wenn die Menschen wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren, heißt es. Nicht zuletzt sprechen sich die Experten dafür aus, dass es Geduldeten generell erlaubt sein sollte, einer Arbeit nachzugehen.

Davon würde auch Zakiy Ademonla Adeyemi profitieren. In welchem Beruf ist dem 29-Jährigen mittlerweile egal, Hauptsache, er kann damit seinen Lebensunterhalt finanzieren: »Hotel, Gastronomie, egal, ich nehme alles, was kommt.« Dass er und viele andere Geflüchtete nicht arbeiten dürfen, ist für Adeyemi ein strukturelles Problem, das mitunter fatale Konsequenzen haben kann: »Sie beschweren sich, dass die Leute Drogen verkaufen, aber was sollen sie denn machen, wenn sie keine Arbeit finden?«

*Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. 70 Prozent der Geflüchteten stammen aus diesen Ländern.