Fußball-WM

Das Warten hat ein Ende

Die deutschen Fußballerinnen treffen im Achtelfinale der Fußball-WM auf Nigeria

Von Frank Hellmann, Grenoble

Nein, niemand im deutschen Quartier hat um kurz nach Mitternacht Türen aufgerissen, ist im Hotelflur herumgesprungen und hat Freudentänze aufgeführt. Die nigerianischen Fußballerinnen haben hingegen schon das Erreichen des Achtelfinals in der Nacht auf Freitag auf diese Weise gefeiert wie einen WM-Titel. Weil es sich nach nervenaufreibenden Tagen des Wartens wie eine späte Gerechtigkeit anfühlte, diesem Turnier noch nicht den Rücken kehren zu müssen.

Als im Gegenzug die deutsche Nationalmannschaft endlich Gewissheit hatte, dass es an diesem Sonnabend in Grenoble zum Duell gegen Nigeria (17.30 Uhr im ZDF) kommt, wurden keine Karnevalslieder geträllert, obwohl die Frauen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegen den Weltranglisten-38. in bislang sieben Vergleichen siebenmal gewonnen haben. Die anderen Gäste in der vornehmen Herberge im Kurort Uriage-les-Bains am Fuße des Skigebiets von Chamrousse hätten vermutlich auch sofort Beschwerde wegen Störung ihrer Nachtruhe vorgetragen.

Immerhin hatte sich die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg am späten Donnerstagabend noch mal ins Freie begeben, um unverzüglich eine Einschätzung zum ersten Gegner der K.o.-Phase anzubringen: »Wir wissen, dass Nigeria ein starkes Team ist. Speziell im letzten Spiel gegen Frankreich haben sie gezeigt, wozu sie in der Lage sind. Wir wissen, dass da ein Brocken auf uns zukommt«, sagte die 51-Jährige. »Afrikanische Teams sind immer schwer zu bespielen, sie haben eine gute Mentalität, viel Tempo und körperliche Präsenz in der Mannschaft. Wir freuen uns auf ein spannendes Achtelfinale, das wir natürlich gewinnen wollen.«

In der Partie im Stade des Alpes können die zweifachen Weltmeisterinnen immens viel verlieren, Nigeria dagegen hat rein gar nichts mehr zu verlieren. Wer sich schon im Flieger auf der Heimreise wähnte und plötzlich in den französischen Alpen weiterspielen darf, ist mental wohl nicht im Nachteil.

Ausgerechnet in dieser Phase kann Birgit Prinz nicht helfen, denn die Teampsychologin ist vorübergehend abgereist. Die 41-Jährige würde zu einem möglichen Viertelfinale in Rennes wieder zum Team stoßen, hieß es vom DFB am Freitag. Warum Prinz fehlt, bleibt geheim. Über ihr Wirken hinter den Kulissen darf ohnehin gerätselt werden: Die meisten Spielerinnen haben zuletzt zwar die Präsenz von Prinz gelobt, doch von einer intensiven Unterredung hat kaum jemand erzählt. Im Gegenteil.

Die Ikone des deutschen Frauenfußballs verbindet mit einer WM-Begegnung gegen Nigeria selbst die denkbar schlechtesten Erinnerungen: Ihre Auswechslung bei der Heim-WM 2011 im zweiten Gruppenspiel (1:0) sollte zum unrühmlichen Schlussakt einer einmaligen Länderspielkarriere (214 Spiele, 128 Tore) werden. In dem damaligen Abnutzungskampf voller Fouls mündete das Abklatschen mit der Bundestrainerin Silvia Neid in ein Frustschlagen um.

Der Vorfall in der Frankfurter Arena sollte zum Symbol werden, wie überbordender Druck und missverständliche Erwartungen in einen Eklat münden können. Beim Viertelfinalaus gegen Japan kam Prinz schon nicht mehr zum Einsatz. Der Bruch zwischen Trainerin und Torjägerin konnte nur mühsam gekittet werden.

Und alles kam nur, weil die Nigerianerinnen so überraschend viel und harten Widerstand geleistet hatten. Aktuell werden sie von Thomas Dennerby trainiert. Der Schwede freute sich besonders über das Erreichen des Achtelfinals, hatte im Anschluss an die Niederlage gegen Gastgeber Frankreich (0:1) doch zu Recht die unrühmliche - und fast das Aus bedeutende - Rolle des Videoschiedsrichters (VAR) bei einem Elfmeter angeprangert. Weil seine Torhüterin Chiamake Nnadozie nur sechs Zentimeter vor der Linie gestanden hatte, wurde der neben das Tor geschossene Versuch von Wendie Renard wiederholt. Und weil der Weltverband FIFA auch weiterhin auf der VAR-Unterstützung inklusive Gelber Karte für die Torfrau besteht, kündigt sich bei einem Elfmeterschießen das große Chaos an. Bezeichnend, dass die Deutschen tatsächlich darüber nachdenken, wer im Fall einer Gelb-Roten Karte gegen Torhüterin Almuth Schult zwischen die Pfosten gehen würde: Es wäre wohl Kapitänin Alexandra Popp, wie Vizekapitänin Svenja Huth verraten hat.

Um das vierte WM-Spiel möglichst ganz ohne Elfmeterschießen erfolgreich zu gestalten, sind neben mehr Durchsetzungsvermögen und Zielstrebigkeit ein besserer Spielaufbau und eine höhere Passqualität gefragt. In der Vorrunde leistete sich das deutsche Team zu viele Fehlpässe, obwohl es gar keinen Gegnerdruck gab. Der dürfte von den Nigerianerinnen sicher kommen. Sie feierten schließlich nicht frenetisch auf dem Hotelflur, um sich nun kampflos zu verabschieden.