Monsanto

Wahrscheinlich dämlich

In der klassische Form der Manager-Kritik an dem Monsanto-Deal von Bayer zeigt sich das Elend der Wirtschaftsberichterstattung

Von Stephan Kaufmann

Der Bayer-Konzern hat seinen Konkurrenten Monsanto übernommen, und das ist ihm bislang nicht gut bekommen. Denn Monsantos Unkrautvernichter stehen im Verdacht, Krebs zu erregen. Geschworenengerichte in den USA haben Bayer daher auf millionenschwere Zahlungen verurteilt. Da dies den Aktienkurs drückt, zieht das Bayer-Management die Kritik von Investoren und professionellen Wirtschaftsberichterstattern auf sich: Die Manager hätten die Risiken unterschätzt. Ein eigenartiger Vorwurf.

»Die Annahmen für die Rechtsrisiken waren zu niedrig, das haben sie definitiv unterschätzt«, kritisierte zum Beispiel Ingo Speich vom Sparkassen-Investmenthaus Deka das Bayer-Management. Laut »Spiegel« hat Bayer auch »den gesellschaftlichen Widerstand gegen Übernahme von Monsanto unterschätzt«. Die Tagesschau zieht daher den Schluss, Bayer habe sich seine Probleme »leichtfertig ins Haus geholt«.

Diese klassische Form der Manager-Kritik lautet also, die Bayer-Chefs hätten eine falsche Einschätzung des Risikos vorgenommen, sprich: dem Schadensfall eine zu geringe Eintrittswahrscheinlichkeit zugeordnet. Das kann man auf den Alltag übertragen: Wenn eine Fußgängerin von einem Auto angefahren wird, hat sie dann das Unfallrisiko unterschätzt? Hätte sie unter Abwägung aller Szenarien und Wahrscheinlichkeiten einen anderen Weg nehmen sollen? Hat jemand, der seinen Job verliert, diesen Job nicht leichtfertig angetreten, ist also irgendwie selbst schuld? Was im Alltag absurd erscheint, ist in der Wirtschaftsberichterstattung normal: Jede Pleite und Krise wird auf einen Irrtum der Entscheider zurückgeführt: Risiko unterschätzt!

Um diese Aussage zu treffen, müssten die Kritiker eigentlich erstens wissen, für wie wahrscheinlich die Manager den Schadensfall gehalten haben. 10 Prozent? 30 Prozent? Das wissen sie natürlich nicht, und die Manager am Ende auch nicht. Zweitens müssten die Kritiker wissen, wie hoch die Eintrittswahrscheinlichkeiten verschiedener Szenarien objektiv waren. Beim Roulette mag man das noch berechnen können. Bei Investitionen oder Prozessrisiken aber nicht.

Den Begutachtern des Wirtschaftsgeschehens ist das aber egal. Nach ihrer Logik ist ein Ereignis, das eintritt, sehr wahrscheinlich, ja geradezu sicher gewesen, schließlich ist es ja eingetreten. Dabei sagt der Eintritt eines Ereignisses rein gar nichts über seine Wahrscheinlichkeit aus - auch das unwahrscheinlichste Dinge können ja passieren.

Mit ihrer überlegenen Haltung können die Kritiker zum einen ihren eigenen Sachverstand demonstrieren. Zum anderen nähren sie die Mär vom Kapitalismus, dessen Ergebnisse prinzipiell berechenbar und dessen Pleiten und Krisen daher vermeidbar sind - eine Kontrollillusion, die integraler Teil jeder Religion ist.