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Der Rassismus der anderen

Auf der Frankfurter Konferenz »Säkularer Islam und Islamismuskritik« ging es um Feindbilder, »Identität« und »Meinungstabus«

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 5 Min.

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Islam: Der Rassismus der anderen

Dass laut Hegel »alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen«, heißt es bei Marx. »Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.« Nach der zweiten Konferenz der Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter gleicht sie eher dem sich geschickt auf den Thron der Meinungsführung aufschwingenden Napoleon III. als einer seriösen Wissenschaftlerin.

Doch langsam. »Ich liebe Deutschland«, sagte eine Frau im Publikum und erzählte, sie habe Migrationsgeschichte und fühle sich »hier« wohl. Die überwiegend weißhaarigen und -häutigen Herren und Damen im Publikum zeigten sich bewegt, so etwas hören sie gerne; auch der »Islamismuskritiker« Hamed Abdel-Samad schaute gerührt. »Islam und Demokratie sind nicht vereinbar«, hatte er vorher geraunt. Man solle sich nicht darüber wundern, dass die AfD so stark sei. Eine, in den Worten der vier Wochen vorher da gewesenen Alice Schwarzer, »falsche Toleranz« sei schuld daran. Die einzige kritische Publikumsfrage wurde sofort niedergebrüllt mit dem Zwischenruf: »Kopftuch - kleine Kinder - Zwangsehe - Ehrenmord!« Kurz: Die Tagung »Säkularer Islam und Islamismuskritik« in Frankfurt war ein voller Erfolg.

Auf der Vorgängerveranstaltung »Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?« hatte noch etwa ein Dutzend Mitglieder der Gruppe »Uni gegen Antimuslimischen Rassismus« demonstriert, gegen deren Instagram-Hashtag schröterraus sich eine ganz große Koalition aus konservativer Presse, »Bild«-Zeitung, Universitätspräsidium, Asta und Habermasianern formiert hatte.

Am vorletzten Freitag nun blieben die Demonstranten fern. Auf Anfragen reagieren sie nur mit einer kurzen Antwort: »Wir sind uns nicht sicher, ob wir den Menschen, die sowieso schon viel Raum bekommen, noch mal so viel Aufmerksamkeit schenken wollen«, schreiben sie. Und dass sie eine eigene Tagung planen wollten. Zu einem Treffen sind sie nicht bereit. Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist ihnen entglitten.

Anders als der Gegenseite. Zuerst redete der Bildungsstaatssekretär Michael Meister (CDU), dessen Vorgesetzte, Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die Schirmherrschaft übernommen hatte für den Tag. Die »Kampagne« gegen die »Kopftuch-Konferenz« reihte er ein in ein Narrativ aus bedrohter »Meinungsfreiheit« (Herfried Münkler, Jörg Baberowski, Rainer Wendt - Letzterer war ein- und wieder ausgeladen worden von - Bingo! - Susanne Schröter). Aber Moment: Sind diese »Vorfälle« nicht gerade Zeugen für das Bestehen von »Meinungsfreiheit«? Soll hier etwa nach US-amerikanischem Vorbild ein Konflikt zwischen »free speech« und angeblicher »political correctness« inszeniert werden?

Es waren auch Polizisten da, für das richtige Opfergefühl. Bei denen bedankte sich Meister dann auch artig. Schließlich beschützten sie ihn. Dass es Gruppen gibt, von denen die Polizei womöglich nicht als schützende Organisation wahrgenommen wird, kam ihm nicht in den Sinn.

So durfte dann endlich Schröter ran und sagen, dass sie »mundtot« gemacht werde. Sie stellte verschiedene islamistische Bewegungen vor und behauptete, diese würden stärker. Solche Bewegungen konstruierten »die Muslime« als »identitäre« Gruppe und benutzten »Rassismus« als Argument gegen alle Kritik.

Aber von wo aus sprach Schröter, dass sie selbst keine »Identität« in Anspruch nehmen musste? Aus der Position der vermeintlich neutralen Ethnologin? Werden »Muslime« nicht viel stärker von der deutschen Mehrheitsgesellschaft identitär konstruiert? Ist Rassismus nicht real? Hätte nicht Schröter - als Vertreterin der Diskursethik - Verantwortung übernehmen müssen für das, was sie sagte, und eingestehen, dass sie ihre Rede und deren Aneignung in einem Deutschland, dessen Staatsinstitutionen rassistische Mordserien zulassen, nicht völlig kontrollieren kann? Und folgt aus ihrer Weigerung genau dazu nicht, dass sie ihre Unterstützung durch »Tichys Einblick« und Co. in Kauf nimmt oder sogar gutheißt?

»Rechtsradikalismus im religiösen Gewand« finde da statt, sagte sie zum Schluss. Das Publikum jubelte. Der Rassismus der anderen war immer schon besonders schlimm.

Die gerierten sich außerdem als Opfer, wie alle Referentinnen und Referenten ihnen vorwarfen. Selbst der Theologe Mouhanad Khorchide, der sich als Einziger intensiver mit den tatsächlichen Texten beschäftigte, sogar forderte, auch die »Mehrheitsgesellschaft« müsse die Pluralität islamischen Glaubens anerkennen, gab zugleich den Muslimen die Verantwortung: Sie sollten sich mehr mit ihrem Glauben beschäftigen, verschiedene Lesarten des Koran tolerieren, sich nicht nur über das Feindbild Islam definieren und sich eben weniger als »Opfer« sehen.

Was aber, wenn sie wirklich Opfer sind? Und wenn sie nun, statt zu schweigen, sich äußern? Man fühlte sich erinnert an die Forderung der »Philosophie-Magazin«-Chefin Svenja Flaßpöhler, Frauen mögen doch bitte weniger über Sexismus reden, weil sie sonst ihre Opferrolle perpetuierten. Die »Postmoderne« ist natürlich an dem allem schuld - auch für Khorchide. Muslimische Jugendliche fielen den islamistischen Hetzern aus lauter Orientierungslosigkeit in die Hände.

Bei Hamed Abdel-Samad kippte Khorchides Bemühen um Ausgleich schließlich ins selbstzufriedene Raunen des Ohnehin-schon-alles-Wissenden. Obgleich der Referent in den vergangenen Jahren wohl in mehr Talkshows gewesen sein dürfte als Wolfgang Bosbach und Sahra Wagenknecht, beklagte er ein »Meinungstabu«. Und selbst wenn seit mehr als 50 Jahren über »Integration« und ihre Verweigerung geredet wird, hat es eine rechtsradikale Partei in den Bundestag geschafft.

Daraus schloss Abdel-Samad nicht etwa, dass es langsam mal reicht mit derlei Reden; sondern vielmehr das Gegenteil. Neben Fernsehbildschirmen und Pensionärshirnen will er nun also auch noch die Universitäten einnehmen, und die anwesenden Linken und Liberalen durften dafür endlich selbst ein bisschen reaktionär sein. Die Lust am eigenen Opfersein obsiegte. Der Kriegszustand muss schließlich rhetorisch aufrechterhalten werden als symbolische Reserve für die eigene Argumentation. Und dass er von Bodyguards beschützt wird, scheint Abdel-Samad in dem Sinne gar nicht so sehr einzuschränken.

»Der Umgang mit Islamkritik sagt mehr aus über Deutschland als über die Muslime«, befand Abdel-Samad zum Schluss. Er weiß nicht, wie recht er hat.

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