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Stramme Tänzer

AfD in Baden-Württemberg will die Staatsangehörigkeit von Künstler*innen an staatlichen Theatern wissen - dagegen regt sich Protest

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit der Kunstszene - per Tradition ziemlich queer und international - hat sich die AfD Baden-Württemberg noch nicht abgefunden. Rainer Balzer, ehemaliger Ingenieur und Hochschuldozent, sowie Klaus Dürr, ehemaliger Industriekaufmann und IT-Experte, scheint Multikulti in bunten Fummeln ein Dorn im Auge. Die beiden »Fachmänner« ihrer Fraktion, per Selbstverständnis verantwortlich für die schönen Künste, stellten am 7. Juni 2019 eine Kleine Anfrage im Landtag zu Stuttgart. Es sind sechs Fragen, von denen die Hälfte recht harmlos nach der Masse an »Ballett-Companien«, »Orchestern« und »Opernstudios« im Bundesland fragt. Doch zu jeder Auflistungsaufforderung gesellt sich noch ein verstörender Zusatz. Das liest sich so: »Welche Staatsangehörigkeiten haben die in Baden-Württemberg an staatlichen Theatern beschäftigten Tänzerinnen und Tänzer und wo haben sie ihre Ausbildung erhalten?«

Die Frage könnte auch heißen: »Wie viele Ausländer tanzen auf den Bühnen des schwäbischen Steuerzahlers und was koscht des?« - heißt sie aber nicht. Solche Fragen stellt die AfD nicht, aber sie impliziert sie bei denkenden Menschen, durch strengen Stallgeruch von rechts außen. Schließlich gibt sich beispielsweise Balzer im Internet als Beklatscher von Marine Le Pen und Viktor Orbán, auf Facebook solidarisiert er sich zudem mit HC Strache, den er als armes »Opfer einer Kampagne« sieht. Der Mann glänzt mit volksnahen Fragen wie: »Warum hat eigentlich noch kein Meinungsforschungsinstitut die Deutschen befragt, ob sie in direkter Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim haben wollen?« Balzer zielt mit seiner Anfrage zur Ausländerdichte im Kulturbetrieb laut eigenen Worten in der »Stuttgarter Zeitung« auf eine »Einschätzung der Qualität der eigenen Nachwuchskünstler im internationalen Vergleich«. Was diese Qualitätseinschätzung bringen soll und wer diese vornimmt, vielleicht der Ingenieur selbst oder sein Kollege, der Computermanager - man weiß es nicht.

Zu Recht regt sich Empörung oder mindestens Unverständnis. Der Intendant der Württembergischen Staatstheater, Mark-Oliver Hendriks, sieht sich und sein Publikum nicht in völkischer Pflicht und identitärem Willen. Das Ministerium für Wirtschaft, Forschung und Kunst muss allerdings den Rechten der Mitglieder des Landtags Folge leisten und lässt nun, unter großem finanziellen wie personellen Aufwand, die Listen anfertigen. Man weiß dann endlich, wer wie deutsch ist und wo er wie deutsche Sachen für deutsche Bühnen gelernt hat. Für Samstag, den 29. Juni um 14 Uhr ist bereits eine Demonstration gegen die Migrantenzählung vor der Stuttgarter Oper angekündigt.

Was die AfD - außer dem von ihr offensichtlich so innigst herbeigewünschten deutschen Volkszorn - mit dieser Aktion bezweckt, bleibt schleierhaft. Ob die Antragsteller einst selbst nicht an der Kunstakademie angenommen wurden oder einfach lieber Verdi mit konsequent deutschem Akzent hören, französische Folklore gern mit rollendem »R«, ob sie lieber mit Schuhcreme als Schwarze dekorierte Weiße in heiteren Operetten der 30er-Jahre sehen, das ist reine Spekulation. Es geht bestimmt wieder um irgendeine Gerechtigkeit, die sich nur durch eine Staatsangehörigkeit lösen lässt: Das Deutschsein allein rückt dem Rechtsradikalen sämtliche Ästhetik ins Wohlgefallen.

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