Klimawandel

Beunruhigendes Szenario

BUND-Landeschef Tilmann Heuser warnt vor den Folgen des Klimawandels

Von Jérôme Lombard

In Berlin und Brandenburg hat der Sommer heiß begonnen. In der vergangenen Woche hat das Thermometer in der Region an der 40-Grad-Marke gekratzt. Müssen wir uns an solche Wetterextreme gewöhnen?

Das müssen wir wohl oder übel. Extreme Wetterlagen hat es zwar immer schon gegeben, aber durch den Klimawandel werden sie weiter zunehmen und an Intensität gewinnen. Als Wetterextrem kann ja nicht nur Hitze auftreten, sondern auch Starkregen und heftige Gewitter mit Hagelstürmen. Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasser kann sie aufnehmen. Dieses Szenario ist überaus beunruhigend.

Die Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sagen, dass die Zunahme an Hitzewellen hierzulande dem entspricht, was die Klimawissenschaft als eine Folge der globalen Erwärmung vorhergesagt hat. Nur die Reduzierung der CO2-Emissionen kann die Wetterextreme ausbremsen. Ist das noch realistisch?

Es ist realistisch, weil wir keine andere Wahl haben. Wenn wir jetzt nicht schnell handeln und den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduzieren, müssen wir - und alle Generationen nach uns - mit den Folgen des Klimawandels leben. Jeder kann bereits jetzt am eigenen Körper spüren, wie belastend die Hitze ist. Wenn wir der Zerstörung unserer Umwelt nichts entgegensetzen, werden sich die Ereignisse verstärken. Die Leitragenden von extremer Hitze und Trockenheit in der Stadt sind in erster Linie Kinder, kranke und ältere Menschen. In Brandenburg ist auch die Landwirtschaft stark betroffen.

Berlin ist mit seinen hoch verdichteten Stadtvierteln besonders anfällig für extreme Hitze, Starkregen oder Trockenperioden. Was kann eine einzelne Stadt angesichts des sich weltweit verändernden Weltklimas überhaupt tun?

Berlin kann in vielen Bereichen konkret zeigen, wie Klimaschutz funktioniert. In der Großstadt besteht nämlich nicht nur Handlungsbedarf, sondern auch die konkrete Handlungsmöglichkeit, Treibhausgasemissionen effizient zu mindern. Dazu muss der Senat die klimapolitischen Ziele etwa in der Verkehrs- und Wohnungspolitik konsequent umsetzen. Im Bereich Verkehr geht es nicht nur um die Zurückdrängung des Autos und die Förderung des ÖPNVs sowie des Rad- und Fußverkehrs, sondern auch darum, Mobilität neu zu definieren. In der Wohnungspolitik darf es nicht nur um die Schaffung von neuem und bezahlbarem Wohnraum gehen, sondern auch um die energetische Sanierung von Bestandsbauten. Doch gerade hier fehlt es viel zu häufig an integrierten Ansätzen. Ich nenne zum Beispiel den von Rot-Rot-Grün angestrebten Mietendeckel. Die ökologische Komponente wurde hier nicht ausreichend berücksichtigt.

Sie meinen, der Mietendeckel konterkariert das Ziel der energetischen Gebäudesanierung?

Nein, energetische Modernisierung ist auch mit dem Mietendeckel möglich, der zudem dafür sorgt, dass die Kosten nicht in unzumutbarer Höhe auf den Mieter übergewälzt werden. Damit Berlin mit der klimaneutralen Gebäudesanierung schneller vorkommt, müssen aber die bestehenden Förderprogramme konsequent weiterentwickelt werden, damit sie von den Hauseigentümern in Anspruch genommen und die Klimaziele im Gebäudesektor erreicht werden.

Mit dem Energiewendegesetz (EWG Bln) hat Berlin eine rechtliche Grundlage für den Anpassungsprozess an den Klimawandel gelegt. Das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm soll den Ausstoß von Treibhausgasen verringern. Ziel ist die Klimaneutralität bis 2050. Ist die Hauptstadt auf einem guten Weg, zur klimaresilienten Metropole zu werden?

In Berlin gibt es bereits eine Menge guter Ansätze und Konzepte, um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Allerdings ist Papier geduldig und es kommt entscheidend darauf an, welche guten Vorsätze tatsächlich umgesetzt werden. Die Problemlagen sind ja sehr unterschiedlich. Es braucht dabei gar nicht immer das große Gesamtkonzept. Schon vergleichsweise kleine Maßnahmen wie das Gießen von Straßenbäumen - zu dem wir aktuell wieder alle Berlinerinnen und Berliner aufrufen - können einen Unterschied machen.

Anpassung oder Vermeidung, was muss im Angesicht der Risiken des Klimawandels Priorität haben?

Das eine wie das andere ist notwendig. Deshalb ist es richtig, dass sich Berlin beides vorgenommen hat. Häufig sind beide Herausforderungen auch nicht voneinander zu trennen. Ein Beispiel: Grüne Dächer dämmen gut gegen Hitze und Kälte und helfen damit, Energie einzusparen. Zugleich erhöhen sie die Energieausbeute von Solaranlagen auf dem Dach. Straßenbäume und Parks kühlen die Stadt insbesondere in warmen Nächten.

Lassen Sie uns über konkrete Maßnahmen sprechen. Immer wieder fällt der Begriff der »Schwammstadt Berlin«. Was bedeutet das?

Durch Entsiegelung und Begrünung, etwa von Häuserdächern und Innenhöfen, kann das Regenwasser wieder versickern, statt dass es in die Kanalisation eingeleitet wird. Das Wasser soll quasi von einem Schwamm aufgesogen werden und damit auch den Grundwasserhaushalt stabilisieren. Dies trägt dazu bei, dass bei Starkregenfällen die Kanalisation nicht so schnell überläuft und mit dem Schmutzwasser die Gewässer belastet werden. Um das zu vermeiden, muss zudem der Ausbau der Zwischenspeichermöglichkeiten im Berliner Kanalnetz ausgeweitet werden.

Die vielen Parks und Wälder sind Berlins grüne Oasen. Der anhaltende Zuzug erhöht den Druck zum Neubau von Wohnungen. Muss die Politik mehr tun, um das Stadtgrün zu schützen?

Als BUND fordern wir einen dauerhaft gesicherten Schutz der grünen Infrastruktur in Berlin. Umweltsenatorin Regine Günther hat zwar inzwischen eine Charta für das Berliner Stadtgrün vorgelegt, in der gute Absichten für den Schutz und die Entwicklung der Grünflächen enthalten sind. Es fehlt jedoch weiterhin ein verbindliches Sicherungskonzept für Flächen, mit dem diese dem Bebauungsdruck entzogen werden. Um neue Wohnungen zu bauen, muss der Fokus insbesondere auf die bereits bebauten Flächen gelegt werden - z.B. durch Aufstockung von Häusern oder die Bebauung von Parkplätzen und versiegelten Gewerbebrachen.

Nehmen wir ein Beispiel: das Tempelhofer Feld. Der BUND hat sich gegen eine Teilbebauung des Areals ausgesprochen. Wie vertreten Sie Ihre Position gegenüber Menschen, die im Innenstadtbereich keine bezahlbare Wohnung finden?

Ich sage ihnen, dass die angrenzenden Stadtviertel, allen voran Kreuzberg und Neukölln, bereits jetzt schon zu den am dichtesten bebauten in ganz Berlin gehören und dass eine Freifläche gerade in diesem Bereich dringend nötig ist. Die Frage ist doch folgende: Will ich mich über Jahre weiter darüber streiten, ob man den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld wiederholen sollte, oder will ich meine Energie für sofort umzusetzende Projekte aufwenden? Und hier komme ich zurück zu unserer Forderung, den Bestand stärker unter die Lupe zu nehmen. So hat etwa eine Studie ergeben, dass Berlin rund 50 000 neue Wohnungen bekommen könnte, wenn die Flächen von einstöckigen Supermärkten bebaut würden. Allein dies ist ein viel größeres Potenzial, als jede Teilbebauung des Tempelhofer Feldes bringen würde - es muss aber konsequent angegangen werden.

Als BUND-Landeschef gehören Sie zu den Erstunterzeichnern einer Petition, die sich für die Tunnelung der A100 im Bereich des Dreiecks Funkturm einsetzt. Sind Autobahndeckel eine Maßnahme für mehr Klimaschutz?

Ein Deckel an der A100 hat in erster Linie das Potenzial, ein durchschnittenes Stadtquartier wieder zusammenzuführen und Raum für neues Grün zu schaffen. Das würde in erster Linie mehr Lebensqualität für die Menschen vor Ort schaffen. Zugegebenermaßen ist der Bau eines Autobahndeckels eine sehr teure Angelegenheit. Ob es also tatsächlich dazu kommen wird, ist fraglich. Wenn die Bundesregierung aber weiterhin die geplanten Mittel für den Ausbau der Stadtautobahn nicht in stadtverträgliche Mobilitätskonzepte investieren will, ist ein Autobahndeckel eine bessere Investition als der Weiterbau der A100.