Hakenkreuz

Es ist ja eigentlich ein indisches Zeichen

Paula Irmschler über Typen mit fragwürdigen Tattoos an Seen oder in Freibädern

Von Paula Irmschler

Es sind herrliche 86 Grad draußen und drinnen sowieso, wieso also nicht an einen schönen See und den Nischel ausschalten? Wer will bei so einem Wetter schon arbeiten, wer kann das überhaupt, wer will Kolumnen schreiben und wer will sie lesen? Wir liegen an einem See irgendwo außerhalb von Berlin, glotzen in die Botanik, werden unablässig von Mücken angezapft, und ich denke mir: Ach, schön. Hier sind die unterschiedlichsten Menschen, uns ist allen heiß, unsere Körper sind neutral geworden, weil sie alle in dem gleichen erschöpften Zustand sind, einige sind nackt, andere nicht, wir fließen ineinander, nichts zählt, alles ist egal, Heute, morgen, nichts bedeutet etwas ... Moment mal. Trägt der Typ, der da im Wasser steht, echt ein Hakenkreuz auf der Brust?

Es ist gar nicht mal so schockierend. Es gibt immer diesen einen Typen mit fragwürdigem Tattoo an Seen oder in Freibädern. Dennoch sind wir selbstverständlich empört, wie so viele andere auch, und der Typ weiß das auch. Er will das so. Er ist einer dieser esoterischen Aggro-Hippies, die sich mit ihrem Hakenkreuz-Tattoo hinstellen und provozieren wollen und die vor allem gefragt werden wollen, weshalb sie sich ein verdammtes Hakenkreuz zwischen die Titten haben eingravieren lassen. Er will und wird dann erklären, dass es ja eigentlich, ursprünglich mal was Indisches war. Was mit Buddhismus, Hinduismus, Glück, Sonne, exotisch, lecker. Er will das Zeichen für sich reklamieren, nicht den Nazis überlassen, seiner ursprünglichen Bedeutung zuführen. Und er will sich nichts verbieten lassen!

Natürlich will er, dass es Aufmerksamkeit erregt, und diese Aufmerksamkeit bekommt er, weil er weiß, dass man das Symbol nicht mit Sonne und Glück, sondern mit der beschissenen Ermordung von Millionen von Menschen assoziiert. Er befindet sich nun mal gerade in Deutschland, selbst wenn er schon mal in Goa interessante Pilze ausprobiert und mit authentischen Menschen gesprochen hat, denen er den Satz abgerungen hat, dass Deutsche immer viel zu verkrampft sind. Er nimmt bewusst die Doppeldeutigkeit mit. Er will gut werden lassen, was nie mehr gut werden kann. Und er will reden, und er will, dass es um ihn geht, während er nicht checkt, wie viele um ihn herum betroffen sind von neonazistischen Gefahren. Das ist egal, weil er seine Mitte hat. Und die ist eben bemalt mit einem großen fetten Hakenkreuz. Ginge es ihm um Glück, Sonne, Emphatie und Mitmenschen, hätte er sich auch die Sonne der Teletubbies oder ein Herz oder von mir aus »Free Hugs« tättowieren lassen können. Hat er aber nicht. Es wird dringend Zeit für einen wichtigen gesellschaftlichen Pakt. Wir baden zusammen, wir schwitzen zusammen, wir sind zusammen, wir tätowieren uns keine Hakenkreuze. Ich glaube, das schreib ich mir vorm nächsten Seebesuch genau so auf den Bauch.