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Englands kickende Vorbilder

Mit dem WM-Halbfinale bekommt der britische Frauenfußball die Anerkennung, die er für seine Entwicklung braucht

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Sogar Wetten soll es schon geben. Fällt auf der Insel die Marke von zehn Millionen Fernsehzuschauern? Es könnte gut sein, dass so viele Fußballfans einschalten, wenn am Dienstag das Halbfinale der Frauen-WM zwischen England und USA bei der BBC läuft. Von einem »game-changing moment« sprechen Blätter wie der »Guardian«, wobei sich die Frage stellt, ob sich gerade so viel ändert oder ob nicht eine kontinuierliche Entwicklung auf einen neuen Gipfel zusteuert.

Bislang haben sich bereits 22,2 Millionen Menschen die fünf WM-Partien der »Three Lionesses« angesehen. Sechs Millionen beim souveränen 3:0 im Viertelfinale gegen Norwegen - und damit mehr als die EM-Qualifikationsspiele der Männer im März. In Le Havre spielte das Team um Kapitänin Steph Houghton passenderweise erstmals so adrett wie Trainer Phil Neville am Spielfeldrand stets gekleidet ist. Die englische Effektivität wirkt weltmeisterlich, und nicht wenige sind überzeugt, dass der Rekordweltmeister USA sich nur noch von diesem Gegner aufhalten lässt, der die Unterstützung aus der Heimat spürt, wie Jade Moore versicherte. »Kanada war wirklich sehr, sehr weit weg, aber jetzt spielen wir direkt vor unserer Tür«, sagt die Mittelfeldspielerin des FC Reading.

Abbie McManus, die Verteidigerin von Manchester City, sieht eine Chance, dass Mädchen auf dem Schulhof bald Trikots tragen, »auf denen Namen wie McManus oder Williamson stehen und nicht mehr Rooney oder Ronaldo«. Für konservative Politiker sind diese Nationalspielerinnen bereits Idole. »Ich möchte, dass jedes Kind die Ausdauer, den Mut und die Entschlossenheit der Lionesses hat«, schrieb Bildungsminister Damian Hinds. Mit Kampagnen wie »This girl can« sollen an Schulen die Hürden abgebaut werden, dass Mädchen Sport treiben - und dafür sind jetzt kickende Idole da.

Teammanager Neville verlangt, dass seine Spielerinnen gegen die USA über die Schmerzgrenze gehen. Sie müssten ihr »bravery level«, das Tapferkeitslevel, um 20 Prozent erhöhen, fordert der Coach, der zusammen mit seinem Bruder Gary lange für Manchester United spielte. Die ihm dort vermittelte Siegermentalität möchte der 42-Jährige übertragen: »Wir müssen verstehen, dass es nicht okay ist, ein Halbfinale zu verlieren.« Nur weil prägende Figuren wie Karen Bardsley, Lucy Bronze, Jill Scott oder Ellen White jetzt dreimal in Folge unter den letzten Vieren der großen Turniere standen.

Aber sollte die Energie der US-Frauen doch obsiegen, hätte sein Ensemble wenigstens die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 sicher, nachdem - im Gegensatz zu den Männern - eine Einigung mit dem schottischen, walisischen und irischen Fußball-Verband zustande kam. Die Präsenz beim Olympischen Fußballturnier sei »absolut fundamental« für die Entwicklung, findet Neville.

Einig sind sich Verband und Vereine auf der Insel, dass ihr Doppelpass zur Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs ruhig ein bisschen was kosten darf. Und so sind die Frauen aus dem Mutterland des Sports nun im Eiltempo auf der Überholspur unterwegs. Spielerberater wie Dietmar Ness, der mehr als zwei Dutzend WM-Teilnehmerinnen betreut, berichten zudem von einer anhaltend hohen Nachfrage nach ausländischen Topspielerinnen. »Wir haben so viele Schritte in den vergangenen Jahren gemacht«, sagt Emma Hayes, die umtriebige Managerin der Chelsea Ladies, »da ist eine internationale Trophäe das letzte fehlende Teil.«

Ihr Klub scheiterte in diesem Jahr noch im Halbfinale der Champions League am Seriensieger Olymique Lyon, aber irgendwann soll die Women’s Super League (WSL) die weibliche Königsklasse mal so dominieren wie das männliche Pendant. Der deutsche Markt darf ruhig als Vehikel dienen. Der FC Arsenal hat erst dem FC Bayern drei weitere Nationalspielerinnen abgeluchst - die Deutsche Leonie Maier, die Niederländerin Jill Roord und die Österreicherin Manuela Zinsberger, um sich dann die Bayern-Frauen zur Saisoneröffnung einzuladen. Am 28. Juli kommt es nämlich im Emirates-Stadium zur ersten Gemeinschaftsveranstaltung von Männer und Frauen: Erst spielen die Arsenal Ladies, dann kicken Pierre-Emerick Aubameyang und Mesut Özil.

Aber manchmal braucht es die männlichen Zugpferde auch gar nicht mehr. Das Wembleystadion soll nach Willen der Football Association (FA) allein mit dem Frauen-Länderspiel England gegen Deutschland am 9. November gefüllt werden. Ob die DFB-Frauen dann vielleicht sogar bei einem Weltmeister oder Vizeweltmeister antreten, entscheidet sich am Dienstagabend im ausverkauften Stade de Lyon. Vor einer Rekordkulisse. Wie es sich gehört, wenn Englands Frauen spielen.

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