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»Feiern wir diesen Tag«

Der Rocker: Wie Rex Joswig von Herbst in Peking gegen Ohnmacht in der DDR ansang und den Herbst ’89 erlebte

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 9 Min.

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»Wir leben in der Bakschischrepublik/ Und es gibt keinen Sieg./ Die Hoffnung ist ein träges Vieh/ und nährt sich an der Staatsdoktrin./ Man wird die roten Götter schleifen,/ viele werden es nicht begreifen .../ Wir leben in der Bakschischrepublik/ Und es gibt keinen Sieg./ Schwarz-Rot-Gold ist das System./ Morgen wird es untergeh’n.«

Der Song der DDR-Band Herbst in Peking war die Undergroundhymne des Umbruchs in der DDR. Und ist doch zeitlos, könnte gleichwohl ein Abgesang auf das ebenfalls an seine Grenzen geratene kapitalistische System sein, dessen Götzendiener sich vergeblich darum bemühen, es kosmetisch aufzuhübschen.

Frontman und Sänger von Herbst in Peking ist Rex Joswig, geboren 1962 in Anklam. Wir treffen uns in der Klubkneipe WATT im Berliner Prenzl’berg, wo er seit 1981 lebt. Nein, Rex sei kein Künstlername, für seine Mutter, eine Kriegswaise, war das Kind ein Prinz, berufen, ein König zu sein. Der Heranwachsende wird indes deshalb in der Schule und auf dem Fußballplatz gehänselt: »Hey, da kommt T-Rex.« Tyrannosaurus rex. »Irgendwann später hörte ich auf dem amerikanischen Soldatensender ›Children of the Revolution‹ von T-Rex. Und dachte: Wow!« Die 1967 in London gegründete Rockband gehört bald zu Joswigs Vorbildern.

Kurz vor dem Abitur in Neubrandenburg wird er von der Schule verwiesen, wegen Disziplinlosigkeit. Er arbeitet in einem Rehabilitationszentrum für geistig Beeinträchtigte bei Zittau, fühlt sich unter den zumeist gleichaltrigen Pflegern und Pflegerinnen aus der ganzen Republik, »die alle Schnauze voll hatten«, wohl. »Das war mein Einstieg in die Parallelwelt. Wir haben Frank Zappa und Roxy Music gehört.«

Joswig holt das Abitur an einer Volkshochschule in Berlin nach, trifft dort auf Torsten Ratheischak, bekannter als Dr. Totenhöfer, mit dem er zu musizieren beginnt. Mit 21 begleitet er als Roadie einen Jazzmusiker. »Da gab es richtig viel zu tun. Wir waren ständig auf Tour, nicht nur in der DDR, auch im sozialistischen Ausland. In den Westen durften wir nicht. Wie ich später aus meiner Stasi-Akte erfuhr, hat mich irgendjemand denunziert: Der will abhauen.«

»Abhauen« will Joswig nicht. Aber auch nicht den Wehrdienst bei der NVA antreten. Ihm wird mit Haft in Schwedt gedroht, im DDR-Militärgefängnis. Joswig lässt sich nicht einschüchtern, reist nach Polen zu einem Jazzfestival, im Bewusstsein, jederzeit von der Militärpolizei abgeholt zu werden. Zehn Tage Ungewissheit. Er wird nicht verhaftet. »Vielleicht haben sie sich ’86 gesagt: Wegen der paar Totalverweigerer machen wir kein Fass mehr auf.«

Für Joswig steht fest: Er will seine eigene Band gründen. Im Frühjahr ’87 setzt er seinen Entschluss gemeinsam mit Dr. Totenhöfer, dem Gitarristen Alexander Istschenko, dem Bassisten Hans Tomato (der eigentlich Torsten Müller-Fornah heißt) und dem Schlagzeuger Benno Verch in die Tat um. Der Name der Band ist dem gleichnamigen Buch des französischen Dichters Boris Vian entlehnt, »einem großartigen Autor, Jazztrompeter und Pataphysiker. Sein ›Herbst in Peking‹ spielt weder im Herbst noch in Peking. Das fanden wir total cool.«

Allein ob des Namens hat die Band von Anfang an »Stress mit der Obrigkeit«. Es werden Copyright-Bedenken vorgebracht. Joswig ruft beim Verlag Zweitausendeins in Frankfurt am Main an, der Vians Buch in deutscher Übersetzung herausgebracht hatte. Das Editionshaus empfindet es als eine »super Werbung«, wenn sich eine Ostberliner Band Herbst in Peking nennt. Doch die Kulturfunktionäre wenden nun ein: »Unsere chinesischen Freunde könnten sich in ihrer Würde verletzt fühlen.« Auch diesen Vorwand kann Joswig entkräften. Er sucht die chinesische Botschaft in Pankow auf, wird vom stellvertretenden Kulturattaché empfangen. »Wir haben lecker Tee getrunken. Er war sehr interessiert und höflich: ›Aha, Sie wollen Gruppe Herbst in Peking nennen? Ein großes Kompliment für unser Land.‹« Trotzdem wittert man im Kulturministerium »die blanke Provokation«. Joswigs Kompromiss: »Auf unserem Label kürzen wir den Namen ab: h. i. p.«

Das Logo der Band ist dem sowjetischen Orden der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution entlehnt, im Stern das Motto der Band: »To be hip«. Darunter Ährenkranz, Hammer und Sichel. »Die Sichel war für uns, als ambitionierte Hanfgärtner, besonders wichtig.« Die Idee mit dem Logo kam Aram Radomski, »unser Artdirector«. Am 9. Oktober 1989 wird er gemeinsam mit Siegbert Schefke die Montagsdemonstration der Hunderttausenden in Leipzig von einem Kirchturm filmen. Ein waghalsiger Akt in schwindelnder Höhe.

Doch zurück ins Jahr ’87. Endlich kann es also losgehen. Und es geht knallig, krawallig, keck und kritisch los, laut, launig und lebenslustig. »Wir wollten nicht nur super schwierige Sachen machen, auch Fun bieten.« Es durfte auch Nonsens sein. Eine Punkband, wie mitunter zu lesen, seien sie nicht gewesen, betont Joswig, »sondern eine Mischung aus allem«: ein bisschen Velvet Underground, The Doors, Kurt Schwitters ... Herbst in Peking ist ein Magnet in der alternative Musikszene der DDR und gut vernetzt. Sie treten mit den sogenannten »Anderen Bands« auf, etwa mit Feeling B von Arthur Alexander »Aljoscha« Rompe. Sie singen gegen die bleierne Langeweile und Resignation in der DDR an. »Respektiere keine Autoritäten und mach dein Ding«, ist ihr Credo. Sie sind nonkonform in jeder Hinsicht. »We need a Revolution«, fordern sie: »The system ain’t gonna change, unless we make it change.« (Das System wird sich nicht ändern, wenn wir es nicht ändern.) Joswig eröffnet Konzerte auch mal mit dem Satz: »Heute ist der Tag, an dem das System zusammenbricht. Feiern wir diesen Tag.« Sie feiern jedenfalls jeden Tag nach ihrer Façon.

Die Band besingt Leo Trotzki, spielt Bob Dylan und vertont Gottfried Benn. Die Zeitschrift »Melodie & Rhythmus« ist voll des Lobes über ihre Interpretation von dessen Gedicht »O Nacht«: »Schöne, düstere, schwere Songs, gestochen scharf produziert und von Joswigs warmer, tiefer Stimme getragen, die sich wie ein mattschwarzer Kokon um die Musik legt. Zur Joswig’schen Rezitation des Benn-Poems ›O Nacht‹ möchte man Kinder zeugen oder aus dem Fenster springen.«

Den Text zu »Doors of Terror« verfasst Bert Papenfuß. Die Kreativität des 1956 in Stavenhagen geborenen Lyrikers und ehemaligen Bausoldaten kollidiert mit den begrenzten Publikationsmöglichkeiten in der DDR. Selbstredend verfasst auch Joswig Songs, komponiert nicht nur. »Die Muse ist nicht berechenbar. Ich bin immer am Rotieren, beziehe viel aus den Medien, die mich umschwirren, greif mir da und dort eine Zeile raus und formuliere weiter. Das Collagen-Prinzip ist unser Ding.«

Im März ’89 spielt Herbst in Peking in einer sowjetischen Garnison in Weimar, nahe der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald. »Vor 800 Offizieren, deren Gattinnen und den Mannschaften. Wahnsinn. Uns wurde wohlwollend applaudiert, wir bekamen Blumen und eine Urkunde, die uns auf Russisch bescheinigte: Das Kollektiv der Gruppe Herbst in Peking wird für hohe künstlerische Meisterschaft und die Vertiefung der sowjetisch-deutschen Freundschaft ausgezeichnet‹.« Und dies, obwohl sie auch ihre Trotzki-Songs intonierten? »Der war unter Gorbatschow keine Unperson mehr.« Joswig erinnert sich amüsiert: »Im Frühjahr 1990 haben wir sogar auf dem Weltkongress der Trotzkisten in Paris ein Konzert gegeben. Da haben wir die Aufnahmen für unser erstes Live-Album gemacht. Das war irre, total irre.«

Noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs erhalten sie eine Einladung ins westliche Ausland. Offiziell gibt es da Herbst in Peking nicht mehr. Im Juni ’89 wird der Band die Auftrittserlaubnis entzogen. Bei einer Rocknacht der FDJ in der Stadt Brandenburg, »einem Open-Air-Konzert vor Tausenden«, bittet Joswig das Publikum um eine Schweigeminute »für die Opfer des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking«. Über die Monitorboxen wird er vom Bühnentechniker angeraunzt: »Hör auf, so eine Scheiße zu erzählen!« Joswig räumt ein: »Vielleicht glaubte er, es sagen zu müssen, um sich abzusichern.« Die Tausenden schweigen. »Es gab aber auch einige Buh-Rufe.«

Nach dem Konzert erhält die Band Zuspruch von Kollegen. »Klasse, was ihr euch getraut habt. Wir können uns so etwas leider nicht erlauben.« Die Band muss vorzeitig abreisen. »Mit Bulleneskorte bis zur Autobahn.« Herbst in Peking hat die Staatsmacht herausgefordert. Die reagiert per Telegramm: »Spielerlaubnis mit sofortiger Wirkung entzogen. Erscheinen im Magistrat, Abteilung Kultur.«

Die Band folgt der Aufforderung, nicht ohne sich vorher einen Fisch besorgt zu haben, »der wirklich nicht mehr gut war«. Joswig wickelt diesen in Zeitungspapier ein, natürlich »Neues Deutschland«, und steckt ihn in eine geruchsdichte Plastiktasche. »Dann saßen wir da auf der Anklagebank. Inquisition. Es wurde aufgelistet, was wir uns alles erlaubt hätten.« Zum Umsturz aufgerufen mit »Morgen ist der Film zu Ende«. Das Staatsoberhaupt eines sozialistischen Bruderlandes mit einem Spottlied verunglimpft: Ceausescu in Rumänien. Die Konterrevolution in Peking gefeiert. »Staatsfeindliche Äußerungen en masse.« Unbefristeter Entzug der Spielerlaubnis. Joswig fragt: »War’s das jetzt?« Ja. Er nimmt den stinkenden Fisch aus der Tasche und knallt ihn den Funktionären auf den Tisch: »Ihr Fisch stinkt vom Kopfe her. Denken Sie mal darüber nach.« Die Band bettelt nicht, wieder auftreten zu dürfen. Sie bleibt ihren Fans treu und diese ihr. »Kurz darauf machte der ganze Landen sowieso dicht.«

Bevor dies geschieht, kommt im Oktober ’89 die Einladung nach Bern, von der Bürgerinitiative »Für eine Schweiz ohne Armee«. Joswig empfiehlt seinen Kombattanten: »Jeder holt sich ein Visum für Ungarn. Wir schlagen uns von dort aus durch.« Hunderte DDR-Bürger haben das Schlupfloch durch den Eisernen Vorhang an der ungarisch-österreichischen Grenze bereits genutzt. Doch letztlich gelangt nur Joswig bis nach Bern. Bei der Rücktour bleibt er in Westberlin hängen. »Vier Wochen. Dann ging die Scheißtür auf.« Spät abends, am 9. November ’89, ruft seine Band an: »Hey, wir sind hier beim Rock’n’Roll-Peter.« Ein Klub am Westberliner Nollendorfplatz, unweit von Joswigs Nachtquartier. Er eilt los.

»Die Revolution blieb aus, es folgte die Restauration«, resümiert der Musiker nachdenklich. »Wir bekamen ein uninspiriertes Registrierkassen-, geldzählendes System vor den Latz geknallt. Ich bin kommunistisch erzogen, hätte mir echten Kommunismus gewünscht. Aber wir hatten das falsche Personal, um die Sache durchzuziehen. Das heißt aber noch lange nicht: Das war’s. The Future is unwritten.« Die Zukunft ist offen.

Mit der Band arbeitet Rex Joswig derzeit an einer neuen Version der »Bakschischrepublik«. Diesmal als Entlarvung des räuberischen Systems, das für schnöden Profit über Leichen geht. Im Mai erschien die CD-Koproduktion »Muspilli Rökrökr Mashup«. Papenfuß hat das althochdeutsche Wort für Weltenende in die apokalyptische Gegenwart geholt. Er schrieb auch für die jüngste Platte von Herbst in Peking, »Maritim Noir«, darunter - frei nach Marx und Engels - die Kritik: »Die Freiheit ist eine Schimäre,/ schwelgt stets in einer Affäre./ Die Freiheit wird nicht kommen,/ Freiheit wird sich rausgenommen.«

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