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»Wir dürfen die Region nicht aufgeben«

In Chemnitz findet ein Festival gegen Rassismus statt - in diesem Jahr ist auch die Clubszene dabei

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 3 Min.

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Eine Zuschauerin beim Konzert unter dem Motto «#wirsindmehr» 2018 in Chemnitz.
Eine Zuschauerin beim Konzert unter dem Motto «#wirsindmehr» 2018 in Chemnitz.

Dr. Motte ist wütend. »Ich hätte nicht gedacht, wieder in einem Land zu leben, in dem Menschen angegriffen und ermordet werden, weil sie anders sind oder anders denken«, sagt der Berliner Techno-Veteran dem »nd«. Dr. Motte heißt eigentlich Matthias Roeingh, ist seit 35 Jahren DJ und als Gründer der Loveparade eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Technoszene. Am Donnerstag wird er zusammen mit Kolleg*innen nach Chemnitz reisen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

Dort findet das eintägige Festival »Kosmos Chemnitz« statt. Künstler*innen wie Herbert Grönemeyer, Alligatoah, Tocotronic und Joris treten an mehreren Orten in der Stadt auf. Neben Konzerten finden auch Lesungen, Ausstellungen, Panels und Diskussionen statt.

Das Motto #wirbleibenmehr soll bewusst Assoziationen an den vergangenen Sommer wecken. Nach den rassistischen Ausschreitungen starteten Kunstschaffende, Musiker*innen und politische Aktivist*innen unter dem Hashtag #wirsindmehr den Versuch, den Nazis entgegenzutreten. Im vergangenen September besuchten 75.000 Teilnehmer*innen ein Konzert in der Chemnitzer Innenstadt. Warum braucht es eine Neuauflage des Events?

Für die Organisator*innen des eintägigen Festivals gibt es genug Gründe: Die Landtagswahl im Freistaat steht bevor, bei der die AfD stärkste Kraft werden könnte. Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist eine Debatte über rechten Terror entbrannt. Und rassistische Übergriffe sind immer noch an der Tagesordnung - auch in Chemnitz.

Die Musiklandschaft rückt zusammen gegen Rassismus - und in diesem Jahr ist auch die Clubszene dabei. Die Online-Plattform Boiler Room organisiert eine Open-Air-Party mit verschiedenen international bekannten Musiker*innen wie dem Hamburger DJ Stimming oder dem syrischen Musiker Omar Souleyman. Seit knapp zehn Jahren filmt die »wichtigste Musikshow für Untergrund-Musik« Auftritte von DJs und lädt sie bei YouTube hoch. Von einer Show für Musiknerds hat sich Boiler Room zu einem weltweitem Netzwerk mit Millionen Zuschauer*innen entwickelt. Explizite politische Positionierungen waren bisher jedoch selten.

Auch Dr. Motte wird in Chemnitz auf der Boiler Room-Party spielen. Erst am Montag feierte der 58-Jährige den 30 Jahrestag der ersten Loveparade, die die Rave-Kultur in Deutschland populär machte. »So wie wir mit der Loveparade die Welt verändert haben, wollen wir auch jetzt die Menschen in Chemnitz mit der Musik erreichen. Denn das gesungene Wort hat oft größere Reichweite als das gesprochene.« Die Botschaft? Respekt und Liebe, meint der »Vater der Loveparade«. Seine Worte klingen immer noch ein bisschen nach »Friede, Freude, Eierkuchen« - dem ersten Motto der Megaparty 1989 in Berlin.

Auch die DJ Perel - bürgerlich Annegret Fiedler - legt am Donnerstag auf der Boiler Room-Party in Chemnitz auf. Seit vielen Jahren ist sie in der elektronischen Musikszene unterwegs, spielt Touren in der ganzen Welt und produziert eigene Musik. »Das Problem sind nicht nur Nazis, die Heil Hitler gröhlend durch die Straßen ziehen«, sagt Perel dem »nd«. »Die Grundeinstellung vieler Menschen ist problematisch. In den Köpfen ist der Rassismus tief verankert.«

Perel weiß wovon sie spricht. Ursprünglich stammt sie aus Thalheim im Erzgebirge, rund 20 Kilometer von Chemnitz entfernt. In ihrer Jugend war sie in häufig in Chemnitz unterwegs. Als im vergangenen Jahr die Bilder der rassistischen Ausschreitungen sah, sei sie einfach nur schockiert gewesen. Schon damals hatte sie vor, ein Event gegen Rassismus in ihrer alten Heimat zu organisieren. Daher habe sie die Einladung zur Boiler Room-Party angenommen, ohne zu überlegen. »Wir müssen den Menschen Perspektiven aufzeigen - und das geht gut mit Musik«, sagt Perel. »Es ist wichtig, dass wir die Region nicht aufgeben.«

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