Heute ist das Passieren harmlos: Die Grenze zwischen Šatov (Tschechien) und Unterretzbach (Österreich) verläuft auf dem Feldweg.
EuroVelo 13

Radeln entlang des Eisernen Vorhangs

Auf malerischen Pfaden führt der EuroVelo 13 vorbei an Weinbergen und der Thaya.

Von Jirka Grahl

Einst war sie unumstößliche Realität, unüberwindbar noch dazu: die Grenze zwischen den Ländern des Ostblocks und denen des kapitalistischen Westens. Eine Mauer rund um Westberlin, hochgesicherte Grenzanlagen zwischen DDR und BRD, Sowjetunion und Finnland, ČSSR und Österreich: Hunde, Zäune, Starkstrom, Minen, Tote - ein Albtraum.

Anno 2019 klingen derlei Aufzählungen schon beinahe wie Märchen aus grauer Vorzeit, wenn man in diesem glutheißen Sommer im Schatten einer Linde steht und Svatava Holubova zuhört, die an die Schrecken der Grenze gemahnt. 32 Grad sind es heute im südmährischen Čížov, im Besucherzentrum des »Narodní park Podyjí« (Nationalpark Thayatal) ist es so heiß, dass Mitarbeiterin Holubova den Besuchern lieber draußen erklärt, was 40 Jahre Eiserner Vorhang für diese Region bedeuteten. Was für ein Fluch jene Doppelzäune waren, die noch heute in etwa 100 Metern Entfernung stehen. Bis Mitte der 1960er Jahre standen die Zäune permanent unter 6000 Volt Spannung, selbst Grenzsoldaten verunglückten immer wieder, so dass ab 1965 nur noch Hunde und Minen den »unerlaubten Grenzübertritt« verhindern sollten.

»Hier schaffte es kaum einer, die Grenze zu überwinden«, sagt Holubova, »zumal der Eiserne Vorhang ja schon weit vor der eigentlichen Grenzlinie lag.« Vor 1989 sei jeder Ortsfremde schon beim Einsteigen in den Bus nach Čížov gemeldet worden - als potenzieller Grenzverletzer. »Man kam nicht mal an die Barrieren heran, die zwei bis vier Kilometer vor der Grenze errichtet waren.« Den Grenzfluss Dyje (Thaya), dessen Mitte die Trennlinie bildet, erreichte kaum einer.

Immerhin ein Gutes habe die abgeschottete Grenze gehabt, sagt die Nationalparkangestellte: »Es gab einen kilometerbreiten Streifen, in dem sich jahrzehntelang ungehindert Natur entfalten konnte. Kein Tourismus, keine Landwirtschaft, keine Menschen. Ein Glück für Flora und Fauna!«, sagt Holubova, die aus der Gegend stammt und bereits in den 1980er Jahren im Forst arbeitete.

Schon 1991 wurde aus dem Grenzstreifen links des Flusses ein Nationalpark, Anfang der 2000er Jahre entstand das Pendant auf der rechten österreichischen Seite. Die Besucher kommen heute per Rad: Dichte Wälder säumen die mäandernde Thaya. Die verschlungenen Wege durchs Flusstal sind Teil des »Iron-Curtain-Trails« (Eiserner-Vorhang-Radweg), der als EuroVelo 13 durch ganz Europa führt, von Nord nach Süd.

Das Teilstück im Mährischen gehört zu den reizvollsten Abschnitten, erst recht, wenn man in seine Tour ein paar Abstecher in die pittoresken Kleinstädte der Region »Jihomoravský kraj« einplant. Etwa nach Znojmo, das mit seiner Burg auf einem Felsvorsprung über dem steilen Ufer der Thaya thront. Die Altstadt mit ihren historischen Gässchen ist landesweit bekannt: für ihren spätgotischen Rathausturm, für ihre imposanten Bürgerhäuser und auch für heimischen Essiggurken, die zwar noch als Gurken aus Znojmo verkauft, aber mittlerweile längst nicht mehr hier hergestellt werden. Legendär ist auch Znojmos Weinfest im September - das größte in der Tschechischen Republik.

»Hier möchte ich wohl wohnen, so lieblich und freundlich ist die Gegend«, soll Schriftsteller Johann Gottfried Seume vor 200 Jahren über Znojmo geschwärmt haben. Und tatsächlich strahlt die Altstadt auch im Sommer 2019 eine erfrischende Ruhe aus: Kaum Autos auf den Pflasterstraßen, plätschernde Springbrunnen, harkende Pensionäre in ihren Gärten, junge Mütter in der Fußgängerzone. Abends geht’s in die Winzerrestaurants und Weinbars, und wenn die gegen 23 Uhr schließen, versammeln sich Nachtschwärmer und Gewohnheitstrinker auf einen letzten Drink in der Kavárna Žlutá ponorka: Der freundliche Oberkellner im »Gelben U-Boot« mixt hier seit Jahrzehnten Cocktails. Seine Weste erinnert ebenso an realsozialistische Zeiten wie die Preise an der Bar: »Sex on the Beach« gibt’s für zwei Euro.

Wer in Znojmo ankommt, kann sich übrigens gleich bei seiner Ankunft am Bahnhof ein Fahrrad ausleihen: Die tschechische Staatsbahn »České dráhy« vermietet an allen wichtigen Bahnhöfen unter dem Label »ČD Bike« Fahrräder. Entliehene Gefährte können an jedem teilnehmenden Bahnhof wieder abgegeben werden - landesweit.

Von Znojmo aus führt eine der besten Touren des EuroVelo 13 zum Šobes: ein Weinberg, der an drei Seiten von der Thaya umflossen wird. Er liegt mitten im Nationalpark im einstigen Sperrgebiet und hat sich nach der »Samtenen Revolution« 1989 zu einem der bekanntesten Weinberge Tschechiens gewandelt. Durch schattige Eichenwälder radelt man auf den höchsten Punkt des Šobes, die Thaya fließt 100 Meter tiefer plätschernd nebenher. Dann geht es minutenlang nur bergab: Ein grüner Rausch, bis plötzlich linker Hand eine Hütte auftaucht. Jähes Bremsen, halt! Schnell das Rad abstellen und probieren!

Aus der Hütte heraus wird ausgeschenkt, was die Winzer am Šobes und auf den benachbarten Lagen anbauen: Grauburgunder, Sauvignon und vor allem Palava, eine tschechische Rebsorte, aus der ein fruchtiger Weißwein gekeltert wird. Im Ausland kennt man diese Kreuzung aus Rotem Traminer und Müller-Thurgau nicht. »Die Tschechen produzieren zu wenig Wein, um ihn zu exportieren«, sagt der Verkäufer an der Weinhütte. »Sie trinken ihn lieber gleich selbst.« An der Hütte kann man Wein verkosten, ohne einen Schwips zu bekommen. Der Rebensaft wird »0,5 dl« ausgeschenkt - 50 Milliliter, eine auch für Radler sehr gut verträgliche Portion. Südmähren ist die wärmste Region Tschechiens.

Nach dem Passieren des Šobes führt der EuroVelo 13 auf niederösterreichisches Gebiet, wo der liebliche Landstrich den Namen »Weinviertel« trägt. Auch einige der besten Tropfen Austrias werden hier produziert; so weit das Auge reicht, ist man von Reben umgeben. Für eine Radtour in gleißender Sonne ist diese Landschaftsformation nicht immer ideal, weswegen der »Bemalte Keller« im Winzerdorf Šatov ein verlockender nächster Etappenpunkt ist: Aus der Sommerhitze steigt man mit einer Führerin hinab in den »Malovaný sklep«, dessen Gänge schon vor 300 Jahren in den Sandstein gehauen wurde.

Nur acht Grad herrschen im »Bemalten Keller«. Vor lauter Frösteln fallen einem erst mit Verspätung die Wandgemälde auf, die alle Wände zieren. Jagdszenen, Stillleben mit Obst, Stadtansichten von Prag oder Znojmo, nackte Badende, sozialistische Vorzeigefamilien. Der aus Šatov stammende Max Appeltauer hat die Reliefgemälde von 1934 bis 1968 in die Sandsteinwände gekratzt und coloriert - im Schein zweier Kerzen, die er, wie sein großes Vorbild Goya, auf seinem Hut befestigt hatte. Im dunklen Keller seines Nachbarn erschuf der einarmige Kriegsversehrte in über drei Jahrzehnten ein farbenreiches Panoptikum bäuerlichen Lebens - aus Liebe: Appeltauer malte, um der Nachbarstochter nah zu sein. Seine Zuneigung blieb 34 Jahre lang unerwidert. Was aber aus seinem beharrlichen Werben entstand, begeistert die Besucher.

Die heutige Tour endet nahe der Stadt Mikulov am Mahnmal »Tor zur Freiheit«: 53 Eisenstelen, die neben dem Radweg acht Meter in den Himmel ragen. In jede Stele ist der Name eines Toten eingestanzt, der an dieser Grenze starb. Ein beklemmendes Denkmal zum Abschluss. Und erneutes Gedenken. Das letzte Opfer der Grenze ČSSR-Österreich stammte aus Berlin - Kevin Strecker, Jahrgang 1980. Mit seiner Mutter, drei Geschwistern und zwei Freunden der Mutter saß er in jenem Pkw Wolga, der am 15. Mai 1989 bei Strazny versuchte, eine Grenzschranke bei voller Fahrt zu durchbrechen. Die Erwachsenen hatten im Westradio gehört, dass ein Trabi bei einem Fluchtversuch zwar das Pappdach an der Schranke verloren hatte, aber schließlich im Westen angekommen war. Mit dem Wolga ging dies fürchterlich schief. Kevin starb nach schwersten Kopfverletzungen. Er wurde nur acht Jahre alt.

EuroVelo 13:

http://de.eurovelo.com/ev13 oder www.ev13.eu/de

Südmähren: Infos über Südmähren und das österreichische Weinviertel unter www.jizny-morava.cz/de oder www.radfahren- landesbezirk-sudmahren.com

ČD Bike: Infos zum Radverleih der tschechischen Bahn: www.cd.cz/de/dalsi-sluzby/pujcovny-kol-cd-bike/default.htm

Bemalter Keller: in Šatov; czechtourism.com/de/c/satov

Übernachten: in Znojmo beispielsweise im Hotel Katerina. Von der Terrasse des Restaurants blickt man direkt ins Tal des Flusses Thaya Dyje. Zimmer ab ca. 65 Euro.

Essen: jüdische Spezialitäten im Restaurant Tanzberg in Mikulov: www.hotel-tanzberg.cz

oder im Lahofer Vésela 13 in Znojmo mit eigenen Weinen: www.lahofer.cz/de/

Literatur: »Europa-Radweg Eiserner Vorhang 4. Von Hof nach Szeged«, Verlag Esterbauer, 16,90 €. »Tschechien«, Michael Müller Verlag, 24,90 €, »Marco Polo Tschechien«, Mairdumont, 12,99 €

Die Recherche wurde unterstützt von Czech Tourism.