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Maus und Sphinx im Disput

So frei war Westberlin - in der Nische der Boheme: »Die jungen Götter« von Annemarie Weber

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 4 Min.

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In Westberlin konnte man so sein, wie man wollte: Charlottenburger Trödelmarkt in den 70ern
In Westberlin konnte man so sein, wie man wollte: Charlottenburger Trödelmarkt in den 70ern

Ende der 1960er Jahre wurde der »Kommune 1«, damals Deutschlands bekannteste Wohngemeinschaft in Berlin-Friedenau, ein zügelloses Sexualleben angedichtet, das sich aber eher in den Köpfen der kleinbürgerlichen Kritiker abspielte. Christian Enzensberger zufolge hatten sich die meisten Kommunarden vom Schamgefühl und der eher verklemmten Sexualpraxis des kleinbürgerlichen Milieus, dem sie entstammten, noch gar nicht befreien können.

Dennoch gab es im Westberlin der 1960er und 1970er Jahre eine bohemeartige Szene jenseits der Studentenbewegung, die mit Letzterer die Ablehnung eines muffigen Spießertums und des Faschismus teilte. Dort, in einem unkonventionellen und nischenhaften Milieu aus Künstlern, Theaterleuten, Intellektuellen, Journalisten und Lebenskünstlern existierte tatsächlich eine Libertinage.

Zu dieser Szene gehörte auch die Schriftstellerin und Journalistin Annemarie Weber (1918-1991). Sie hat mehrere Romane verfasst und schrieb über drei Jahrzehnte Feuilletons für den »Tagesspiegel«. Ihr Werknachlass befindet sich in der Akademie der Künste Berlin, und die Romane werden von dem ambitionierten Berliner Aviva-Verlag löblicherweise wieder aufgelegt. Nach »Roter Winter« und »Westend« ist kürzlich der 1974 publizierte Roman »Die jungen Götter« wieder erschienen. Darin erzählt Weber die Geschichte von Susanne Blaus kleinen Dramen ihres Sexual- und Liebeslebens Anfang der 1970er Jahre.

Die 50-jährige und alleinstehende Kunsthistorikerin Blau bewohnt zusammen mit ihrer Tochter Jehanne und deren Mann Marcus ein Haus samt Remise, die zu einem Theater umfunktioniert wird. Blau arbeitet freiberuflich an Kunstbüchern, führt Delegationen durch die Westberliner Kultur und ist auch als Übersetzerin tätig. Das gibt ihr den notwendigen Freiraum, um die Nacht zum Tage zu machen und in diversen Kneipen zu versacken. Gerade hat sie sich von dem körperlich attraktiven Gemüsegroßhändler Max getrennt, der sie immer wieder geschlagen hat. Als Single nimmt sie das intensive Nachtleben aus einer Mischung von Kunst, Kultur und Kneipe wieder auf. Ihre Stammkneipe, der »Ballong«, bietet die Bühne, auf der die trinkfeste Susanne Blau ihren herben Charme verbreitet, mit klugen Aperçus brilliert und die jungen Männer betört. Aus neuen Bekanntschaften werden kurze intensive Beziehungen, mal rein sexuell, mal gar mit mütterlicher Liebe garniert. Klassenschranken gibt es bei ihr nicht. Junge Arbeiter, gescheiterte Studenten oder junge, schnöselige Blender finden den Weg in Susanne Blaus Bett. Annemarie Weber spart nicht mit körperlichen Details, beschreibt selten deutlich die Schwänze der Liebhaber sowie die Sexualpraktiken von Fellatio bis Cunnilingus.

Für die frühen 1970er Jahre, Frauen war gerade erst die »Geschäftsfähigkeit« zuerkannt worden, präsentiert Weber das erstaunliche Bild einer selbstbewussten und reflektierenden Heldin, die ihrer Lust freien Lauf lässt. Für den inneren Konflikt zwischen illusionsgetragener dauerhafter Liebe und der am Realismus orientierten Vernunft findet sie das Bild von Maus und Sphinx, die bei Susanne Blau im Kopf immer wieder einen Disput führen.

Annemarie Webers Enkel Robert Weber verfasste das Nachwort und macht deutlich, dass die Distanz zwischen Webers Leben und dem ihrer Romanfigur Susanne Blau nicht allzu groß war. Dazu passt, dass Berlins umtriebiger Undergroundfilmer Lothar Lambert 1974 Weber für seinen Film »1 Berlin Harlem« gewinnen wollte. Ihr schrilles Bohemeleben war bekannt, und sie spielte eine wichtige Rolle in der Berliner Kulturszene. Laut Lambert war Weber auch gar nicht abgeneigt, in seinem Film eine Rolle zu spielen, wozu es aufgrund terminlicher Schwierigkeiten aber leider nicht gekommen ist. Stattdessen schrieb sie für die Wiener »Presse« eine positive Besprechung des Films, der ohne sie zustande kam, in der sie Berlin als Stadt definierte, »in der alles möglich ist - Beschränktheit und Geilheit, Gutmütigkeit und Gemeinheit«.

Annemarie Weber lässt in »Die jungen Götter« ihr Alter Ego Susanne Blau in einem inneren Dialog ihre Existenz, die romantische Sehnsucht nach intensiver Liebe und das ständige Scheitern mit jungen Partnern vor dem Hintergrund zunehmenden Alters resümieren. Auch die NS-Vergangenheit einiger Romanfiguren werden im Nachhall der Studentenbewegung problematisiert. Außerdem geht es um das Ringen um ein kleines und avantgardistisches Theater, was Gelegenheit bietet, en passant Fragen von Kunst und Kommerz, von Provokation und neuen dramaturgischen Formen zu erörtern. Webers Roman dokumentiert das freizügige kulturelle Klima einer Westberliner Nische jenseits des üblichen Kalter-Krieg-Narrativs.

Annemarie Weber: Die jungen Götter. Mit einem Nachwort von Robert Weber. Aviva-Verlag, 300 S., br., 19 €.

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