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Trotz verschärfter Konkurrenz

Neue Studie der Universität Duisburg-Essen zeigt, dass betriebliche Organisierung von Gig Workern möglich ist

  • Von Dennis Pesch
  • Lesedauer: 4 Min.

Google, Amazon, Facebook oder der niederländische Lieferdienst Takeaway sind prominente Unternehmen, die auf digitalisierte Arbeit in der Plattformökonomie setzen. In der geht es längst um sehr viel Geld. Erst im Dezember 2018 kaufte Takeaway das Deutschlandgeschäft des Konkurrenten Delivery Hero für 930 Millionen und hat damit ein Monopol auf dem deutschen Markt geschaffen. Foodora, Pizza.de und Lieferheld - das alles gehört nun zur Takeaway-Tochter Lieferando. Hunderte Millionen Euro wurden über die Jahre von Investoren in die Plattformen gesteckt, um Konkurrenz vom Markt zu drängen und endlich Profite zu erzielen. So viel wie investiert wurde, so hoch waren auch oft die Verluste der Plattformen.

Bildlich gesprochen unter die Räder kommen dabei die Mitarbeiter, die das Essen für die Plattformen ausliefern. Solche Unternehmen vergeben kleine Aufträge kurzfristig an geringfügig Beschäftigte oder Selbstständige, sogenannte Gig Worker. In Berlin organisierte erstmals die anarcho-syndikalistische Gewerkschaft FAU die Fahrer auf den Straßen. In einem Flashmob warfen sie geschrottete Fahrradteile auf einen Haufen, um zu symbolisieren: »Die Plattformen bezahlen uns den Verschleiß nicht.«

Das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen hat untersucht, wie sich Interessensvertretungen von Gig Workern organisieren. Das Wort »Gig« steht für den Auftrag, der von der Plattform vergeben und koordiniert wird. Ein Beispiel: Ein Kunde bestellt via Lieferdienst-App bei einer Pizzeria eine Lasagne. Über einen Algorithmus stellt die App fest, welcher Fahrer in der Nähe ist und den Auftrag annehmen soll. Der Fahrer holt daraufhin die Lasagne ab, bestätigt jeweils seine Standorte in der App, liefert sie ab und schließt den Auftrag dann in der App ab.

Die IAQ-Forscher stellten fest, dass Plattformen »grundlegend mit den traditionellen Arbeits- und Beschäftigungsformen und ihrer betrieblichen Organisation brechen«. Es sei anders als im klassischen Betrieb, wo Mitarbeiter sich an einem Standort befinden, sich jeden Tag sehen und zusammenarbeiten. Ferner, so die Wissenschaftler, begünstigten die Plattformen prekäre Beschäftigung: »Ihre Sprengkraft für die Arbeitsregulierung entwickeln sie dadurch, dass Beschäftigung im Normalarbeitsverhältnis in prekäre Selbstständigkeit transformiert wird.« Das war auch beim Essens-Lieferdienst Deliveroo der Fall. Nachdem Mitarbeiter im Dezember 2017 öffentlichkeitswirksam einen Betriebsrat gründen wollten, ließ das Unternehmen alle befristeten Arbeitsverträge auslaufen und setzte fortan nur noch auf sogenannte Freelancer, also Selbstständige, die pro Auftrag bezahlt werden statt pro Stunde.

Im Kapitalismus stehen Menschen permanent in Konkurrenz zueinander. Doch in der Plattformökonomie haben sich die Konkurrenzverhältnisse noch weiter verschärft und werden durch die Unternehmen gefördert, schreiben die Forscher - »beispielsweise durch Reputations- und Bewertungsverfahren«. Permanent werden die Fahrer miteinander verglichen, erhalten wochenweise Feedbackbögen per E-Mail. Jeder Auftrag geht mit weiteren Bewertungskriterien in die Statistik ein, beispielsweise Service oder Schnelligkeit.

Den Betriebsrat konnten die Fahrer bei Deliveroo zwar gründen, doch bis auf den Vorsitzenden, Orry Mittenmayer, ist keiner mehr im Unternehmen beschäftigt. Mittenmayer auch nur, weil er sich in einem Rechtsstreit gegen Deliveroo durchsetzen konnte. Nachdem das Unternehmen die sich organisierenden Mitarbeiter schikanierte, gründeten die eine eigene Plattform auf sozialen Medien: »Liefern am Limit«. Die Forscher bezeichnen das als »Bottom-up-Initiative« zur Selbstorganisierung der Fahrer.

Dabei stellt das IAQ fest, dass die Ortsabhängigkeit, in dem Fall Köln, ein wichtiger Bestandteil der Organisierung der Gig Worker war: »Die Fahrradkuriere konnten sich während ihrer Arbeit in der Stadt treffen und an ihrer Kleidung auch erkennen.« Daraus lasse sich schließen, dass für die Entwicklung solidarischer Interessensbekundungen auch bei digital koordinierter Arbeit das Gespräch von Angesicht zu Angesicht wichtig bleibe. Über »Liefern am Limit« machten die Fahrer zudem grundlegende Probleme wie Sanktionen, mangelnde Lohnauszahlungen und Unfälle öffentlich.

Das Institut für Arbeit und Qualifikation kommt in seiner Untersuchung zu dem Schluss: »Der Bereich der Plattformarbeit mag voraussetzungsvoll für die Artikulation kollektiver Interessen sein, aber die konkurrenzfördernde Plattformlogik verhindert das Entstehen gemeinsamer Arbeitnehmeranliegen nicht.« Trotz der systematischen Versuche, die Individualisierung der Fahrer voranzutreiben, bestünden mal mehr, mal weniger bewusst geteilte Interessen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen.

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