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Lasst sie halt zittern

Wenn Angela Merkel zittert, wird sie schon ihre Gründe dafür haben. Kein Grund, sich in wilden Spekulationen zu verlieren.

  • Von Lee Wiegand
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine Frau beginnt zu zittern. Gründe, um zu zittern, gibt es auf dieser Welt wahrlich genug: Manchmal treibt der eigene Kreislauf einen Schabernack, weil man zu wenig getrunken hat und zu lange in der Sonne stand; man war zu lange wach oder hat zu viel gearbeitet. Manchmal zittert man vor Schreck, weil man sich die angsteinflößende Weltlage zu schonungslos vor Augen geführt hat, oder, weil man 64 Jahre alt ist und das ein Alter ist, in dem man guten Gewissens einmal zittern darf.

Also: Wer zittert, wird schon seine Gründe haben, aber von Belang sind sie nicht. Selbstverständlich darf man mit ernst gemeinter Sorge fragen, ob alles in Ordnung ist, und man darf sagen: »Ich hoffe, es ist nichts Ernstes!«

Im Großen und Ganzen ist es aber wirklich keine einzige Eilmeldung wert, nicht einmal eine Randnotiz, weil es eben nichts Außergewöhnliches ist, wenn jemand, warum auch immer, zittert.

Handelt es sich nun aber nicht um eine gewöhnliche Frau, sondern um die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, von manchen angesehen als die mächtigste Frau der Welt, überschlagen sich nicht nur die Meldungen über den Fakt, dass sie halt gezittert hat, sondern sogleich auch die wildesten Spekulationen über die Ursachen des Zitterns.

An der Spitze selbstverständlich die altbekannte Sensationslust des Boulevards. Aber auch an den »seriösen« Medien ist nicht vorbeigegangen, dass es im 21. Jahrhundert um Likes, Shares und Klicks geht, und je skandalöser die Berichterstattung (jeder in seinem Maß), desto mehr Likes, Shares und Klicks gibt es von denen, die nicht mehr informiert werden wollen, sondern unterhalten. Und die schlimmsten Krankheiten unterhalten eben besser als die simplen, glaubwürdigeren Erklärungen.

Gewiss besteht ein besonderes Interesse an der Gesundheit einer Kanzlerin, die eine hohe Verantwortung trägt und bestimmt sind mehr Bürger*innen ehrlich um ihr Wohlergehen besorgt, als andere, die man nicht gerne Mitbürger*innen nennen will, ihr etwas Böses wünschen, und vielleicht haben die zu Mitgefühl Fähigen sogar ein Recht zu erfahren, wie es ihrer Kanzlerin geht, die sie immerhin seit fast 15 Jahren im Amt halten, mit der sie zufrieden sind, und niemand hat die Absicht eine Berichterstattung zu verbieten.

Es ist die Art und Weise, wie korrekt und erkenntnisbringend darüber berichtet wird, aber der Eilmeldungsfanatismus der deutschen Medienlandschaft hat längst nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks verlassen.

Zudem ist es einfach vollkommener Schwachsinn. Ja, sie zittert, aber macht sie sonst einen ungesunden Eindruck? Eigentlich nicht. Nicht gesünder oder ungesünder als sonst. Welche Rolle spielt das, solange sie ihren Job macht? Dann kann man sich darüber unterhalten, ob sie ihn gut oder schlecht macht, und man kann Tausende Gründe finden, warum sie abgewählt werden sollte. Oder nicht. Und wer oder was - wir können es immer noch nicht ganz erahnen - kommt, wenn sie geht. Das sind die drängenden Fragen der Republik. Wir müssen uns trauen, diese Fragen noch offensiver zu stellen

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