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Freier Kopf, schnelle Beine

Die Psychologie spielt im Radsport eine wachsende Rolle, doch es drohen Interessenkonflikte

  • Von Tom Mustroph, La Planche des Belles Filles
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Radsport entdeckt die Psychologie. Bücher wie »Der versteckte Motor« von Martijn Veltkamp erobern den Markt. Darin gibt der Autor vor allem Motivationshinweise für Radsportler: Ziele setzen und wichtige Rennabschnitte visualisieren. Veltkamp erklärt auch, warum eine Ausreißergruppe von fünf Sportlern besser harmoniert als eine von 15.

2014, als mit Vincenzo Nibali ein psychisch sehr stabil wirkender Athlet die Tour de France gegen Männer gewonnen hatte, die eigentlich besser als er klettern konnten, wartete der britische Sportpsychologe Andy Lane mit einer Studie auf, in der er 40 Prozent des Erfolgs eines Spitzensportlers dessen physischer Fitness zuschrieb, weitere 40 Prozent biomechanischen Faktoren und immerhin 20 Prozent psychischen Faktoren. Die teilte er noch mal auf. 50 Prozent Bedeutung maß er den auch von Veltkamp zitierten Techniken von Visualisierung, Zielsetzung und positivem Mantra zu, 30 Prozent einem guten Trainingsumfeld und 20 Prozent der Unterstützung durch das familiäre Umfeld.

Rennställe im Profiradsport nehmen solche Anregungen durchaus ernst. Einen »versteckten Motor« zu befreien, wie Veltkamp es nennt, und von dessen Antrieb zu profitieren, ist durchaus reizvoll. »Wir haben das Glück, dass wir bereits seit 2002 mit dem Psychologen Steve Peters zusammenarbeiten. Er hatte einen immensen Einfluss auf uns alle und auf unsere Sicht darauf, wie die mentale Seite des Menschen funktioniert«, erzählt David Brailsford, der Macher des britischen Radsportwunders, gegenüber »nd« am Rande der Tour. Peters und Brailsford arbeiteten zunächst bei British Cycling zusammen, dann bei Team Sky und jetzt auch bei der Mannschaft Ineos. »Peters war lange Zeit fest angestellt bei uns, jetzt arbeitet er auf Teilzeit«, so Brailsford.

Peters’ Ansatz besteht darin, die menschliche Psyche in einen rationalen Teil - er nennt ihn die »menschliche Seite« - und einen irrationalen, emotionalen Teil - in seinem Duktus die »Schimpansenseite« - aufzuteilen. Jene »Schimpansenseite«, also Gefühle wie Angst, Unwohlsein, aber auch Momente von Freude und Stärke, gelte es zu zähmen und in einen Antrieb zu verwandeln. »Peters hat großen Einfluss darauf gehabt, wie die Atmosphäre im Team und im Umfeld beschaffen sein sollte. Da ging es darum, ob man anweisen und kontrollieren soll oder eher kommunizieren und verhandeln«, erzählt Brailsford. Glaubt man Beschwerden über Mobbing und machohaftes Gehabe einzelner Trainer vor allem in der Frauenabteilung von British Cycling, muss der Einfluss von Peters jedoch weniger groß gewesen sein, als es Brailsford darstellt.

Immerhin ist beim Boss das Verständnis für die mentale Seite gewachsen. Und es geht bei ihm auch weit über simple Fragen des Ansporns hinaus. »Motivation ist nur die Oberfläche des Ozeans, es geht eher darum, die Tiefe darunter zu entdecken. Das ist wichtig, um den individuellen Antrieb zu finden«, meint Brailsford.

Andere Teams scheinen nicht so weit in der Entwicklung. »Im Trainingslager hat sich bei uns ein Sportpsychologe vorgestellt. Der kam aber nicht vom Team. Mit dem konnte man, wenn man wollte, privat zusammenarbeiten«, erzählt Emanuel Buchmann, Profi beim deutschen Rennstall Bora-hansgrohe. Der Ravensburger Buchmann nahm das Angebot offenbar nicht in Anspruch. »Ich komme selbst ganz gut mit dem Druck klar, das ist ja auch eine Typfrage«, meint er, als er auf die Depressionen seines früheren Teamkollegen und Rundfahrtkapitän-Vorgängers Dominik Nerz angesprochen wird. Buchmann weist aber auch auf den Interessenkonflikt hin, in dem ein vom Rennstall bezahlter Psychologe stecken kann. Wem ist er zuerst verpflichtet, dem Athleten oder dem Team? »Ich denke, es ist besser, wenn man die mentale Betreuung nicht über das Team macht. Das können ja Probleme sein, die man vielleicht gar nicht mit dem Team teilen will«, überlegt Buchmann.

Einen eigenen Weg ging auch Tourneuling Lennard Kämna. »Ich hatte in der vergangenen Saison viel mit gesundheitlichen Problemen zu tun, bin von Arzt zu Arzt gelaufen. Irgendwann kam dann der Moment, an dem ich mir sagte: Ich brauche jetzt eine Pause. Ich muss auch meinen Kopf resetten, richtig frisch sein, um dann wieder voll angreifen zu können. Als professioneller Sportler bin ich dann von mir selbst aus zu einer Sportpsychologin in Bremen gegangen. Das hat mir geholfen, und ich denke, das ist ein ganz normaler Schritt«, erzählt Kämna dem »nd«. Sein Rennstall Sunweb war mit der Renn- und Trainingspause des Rundfahrttalents einverstanden. »Sie haben zu mir gehalten, das werde ich auch nie vergessen«, sagt er.

Kämna, 22 Jahre jung, ist Vertreter einer Generation, für die eine Inanspruchnahme mentaler Unterstützung kein Zeichen irgendeiner Schwäche ist. Hier befindet sich der Sport der harten, ausdauernden und widerstandsfähigen Männer also in einem Wandlungsprozess. »Man muss eine Atmosphäre schaffen, in der es ganz selbstverständlich ist, über die Auf und Abs zu reden, die ein Mensch durchmacht. Man soll es nicht einfach wegstecken und sagen: ›Ich bin ein harter Junge.‹ Das ist eine der größten Gefahren«, meint Brailsford. »Wenn dann alle im Team ihren Beitrag leisten, wird es einem zugutekommen, besonders wenn man selbst einmal harte Zeiten durchmacht. Dann weißt du, das Team ist fähig, dir zu helfen.«

Das klingt zwar weiter sehr stark nach verbesserter Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Immerhin wird aber die gesamte Sportlerpersönlichkeit ernst genommen. Und von Peters verlautet, dass er die eine Hälfte seiner Zeit mit den Sportlern verbringt, die andere Hälfte aber damit, den Betreuerstab zu sensibilisieren. Ein interessanter Ansatz.

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