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Leerstellen der Geschichte

Drei Zeitzeuginnen erzählen, wie sie 1989 aus nicht-weißer Perspektive erlebt haben

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Raum ist bis auf den letzten Stuhl besetzt, viele junge Menschen stehen dicht gedrängt bis auf den Flur. Sie sind am Mittwochabend in die Gedenkstätte Berliner Mauer gekommen, um drei Zeitzeuginnen zu hören, die erzählen, wie sie die Wende erlebt haben. Denn die drei Frauen kommen in der deutschen Geschichtsschreibung über 1989 nur selten vor: Sie sind Schwarze Feministinnen, mit vietnamesischen oder arabischen Wurzeln - und haben den Mauerfall als Ostdeutsche erlebt. Sie gingen auf Montagsdemonstrationen und haben die Hoffnungen und Enttäuschungen der Wende erfahren. In der jüngsten deutschen Geschichte seien sie jedoch »Leerstellen«, sagt Peggy Piesche. Wenn die deutsche Mehrheitsgesellschaft in diesem Jahr des Mauerfalls gedenkt, würden sie nicht mitgedacht.

Das soll sich heute ändern. »Decolonize 89!« steht in großen Buchstaben an der Wand hinter dem Podium. »1989 zu dekolonisieren, bedeutet, die Menschen und Themen, die an den Rand verbannt wurden, in den Mittelpunkt zu stellen«, erklärt Hajdi Barz von der Stiftung Berliner Mauer zu Beginn. Einer dieser Menschen ist Angelika Nguyen. Die Filmwissenschaftlerin und Autorin wäre ohne die Völkerfreundschaft nicht geboren worden. Und doch, wenn sich alle Kinderaugen in der Klasse auf sie richteten, wenn der Lehrer über die Völkerfreundschaft sprach, habe es sich so angefühlt, als verhüllten seine Worte ihre Realität, erzählt sie. Täglich sei sie mit Rassismus konfrontiert gewesen. Auf den Plakaten, die für die Freundschaft mit den Vietnames*innen aus dem Bruderstaat warben, fand sie sich nicht wieder.

Auch Piesche hat als Schwarzes Mädchen in der DDR Anfeindungen erlebt - und konnte sich zunächst nicht vorstellen, dass es anderen ähnlich ergeht. Im Narrativ des sozialistischen Staates sei Rassismus nicht vorgekommen. »Es hat etwas Traumatisierendes, wenn deine Erfahrungen nicht anerkannt werden«, sagt sie. Als im Westfernsehen von Übergriffen auf Migrant*innen berichtet wurde, empfand sie das fast als Erleichterung.

Das Jahr 1989 änderte dann alles: »Der Mauerfall hat mich schlagartig politisiert«, erzählt Nguyen. Das Land, dem sie eigentlich schon überdrüssig geworden war, bedeutete ihr plötzlich wieder etwas. Sie schließt sich der Vereinigten Linken an, klebt nachts Plakate. »Auch wenn ich vieles in der DDR nicht geglaubt habe, das mit dem Kapitalismus stimmte. Wir haben die westdeutschen Obdachlosen ja gesehen. Wir wollten keinen schnellen Anschluss.«

Auch für Piesche ist es ein Jahr des politischen Aufbruchs. Sie entflieht ihrem Studium in Erfurt und fährt nach Tübingen, um sich mit Schwarzen Feministinnen zu treffen. Zum ersten Mal in ihrem Leben spricht sie dort über ihre Diskriminierungserfahrungen. »Ich merkte, dass meine Erfahrung Struktur hatte, und begann, aus dem Ich ein Wir zu denken«.

Irgendwann kippt die Stimmung. Brucherfahrung, nennt Piesche das. Als sie von einer Reise in die Sowjetunion zurückkommt, erkennt sie ihr Land nicht wieder: »Aus ›Wir sind das Volk‹ war ›Wir sind ein Volk‹ und ›Deutschland den Deutschen‹ geworden.« Auch für Nguyen beginnt eine Zeit der Ernüchterung. Ihren Dokumentarfilm über vietnamesische Migrant*innen in Ostberlin möchte niemand sehen. Stattdessen interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit für die grölende Menge in Rostock-Lichtenhagen.

Der offene Rechtsradikalismus in den frühen 90ern war für Nguyen »die Erfüllung eines Albtraums, den ich hatte, seit in den 80ern die ersten Glatzen bei uns über die Straße liefen«. Die Täter wurden verharmlost, als Opfer einer missglückten Wende porträtiert und erhielten milde Strafen. Die eigentlichen Opfer, die im obersten Stock des Sonnenblumenhauses um ihr Leben bangten, blieben unsichtbar. Auch in Westdeutschland muss Piesche erleben, dass eine Schwarze Ostdeutsche in den Köpfen der meisten Menschen nicht vorkommt. »Wie, DU kommst aus dem Osten?«, muss sie sich fragen lassen.

»Dreißig Jahre nach dem Mauerfall ist eine neue Generation da, die beim Jubiläum auch mal das Jubeln wegdenken und unsere Geschichte anders erinnern kann«, sagt Piesche und lächelt in die vielen jungen Gesichter im Saal. Der heutige Abend sei ein Beispiel, dass man keine Angst haben brauche, an Erinnerungsorte zurückzukommen und die Leerstellen der Geschichte mit eigenen Erzählungen zu füllen.

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