Überfluss als Absatzproblem: Kia-Autos in einem Gewerbegebiet von Sharja in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Deutsche Wirtschaft

Ab ins Risiko

Mit der Konjunktur geht es bergab, die Börse boomt

Von Stephan Kaufmann

Nun hat auch Annegret Kramp-Karrenbauer die deutschen Sparer als Schützlinge entdeckt: Die Europäische Zentralbank (EZB) solle ein Ende der Niedrigzinspolitik prüfen, da die Sparer von ihr nicht profitierten, sagte die CDU-Vorsitzende diese Woche. Damit hat sie einen denkbar schlechten Zeitpunkt erwischt. Denn sowohl in den USA wie in Europa stehen nicht Zinserhöhungen an, sondern weitere Zinssenkungen. Damit reagieren die Zentralbanken auf ein Problem, dessen Lösung sie allerdings gar nicht in der Hand haben.

Die EZB hat signalisiert, dass sie zu weiteren Zinssenkungen bereit ist, vielleicht wird es schon nächste Woche so weit sein. Die US-Zentralbank (Fed) war noch bis vor kurzem auf einem eindeutigen Zinserhöhungskurs. Doch auch der ist nun beendet worden: Am Mittwoch erklärte US-Zentralbankchef Jerome Powell vor dem Kongress, seine Institution stehe bereit, »angemessen zu handeln«, um nachhaltiges Wachstum zu sichern. Risiken gingen vor allem vom Handelsstreit aus.

Für die Finanzmärkte waren diese Worte ein deutliches Zeichen dafür, dass die US-Leitzinsen am 31. Juli gesenkt und danach weiter zurückgenommen werden. »Bei den Fed-Oberen wächst unzweifelhaft die Nervosität, dass sich die Abwärtsrisiken für die Konjunktur materialisieren«, kommentierte die DZ Bank.

Finanzkapital wird entwertet

Die Ankündigungen der Zentralbanker zeigen Wirkung: Rund um den Globus geht es mit den Zinsen bergab. Das treibt ungewöhnliche Blüten. Festverzinsliche Wertpapiere über weltweit 13 Billionen Dollar haben inzwischen eine negative Rendite, bringen also keinen Zins mehr, im Gegenteil: Die Gläubiger zahlen dafür, Geld verleihen zu dürfen. So liegt die Rendite von zehnjährigen deutschen Bundesanleihen bei minus 0,4 Prozent. Der österreichische Staat zahlt Investoren zwar noch mehr als ein Prozent - aber nur, wenn man ihm Geld über 100 Jahre leiht. »Was ist denn das für ein Wahnsinn?«, fragt Bloomberg-Kolumnist Marcus Ashworth.

Zehnjährige Anleihen des US-Staates bringen zwar noch zwei Prozent. Abzüglich Inflationsrate jedoch bleibt Anlegern auch hier nichts übrig: realer Sparertrag 0 Prozent. Rechnet man die Inflation mit ein, dann bringen weltweit derzeit Anleihen über 25 Billionen Dollar keine Rendite mehr. Senkt die US-Zentralbank ihre Leitzinsen weiter, dürfte diese Summe auf 30 Billionen Dollar steigen.

Das bedeutet: Sichere Erträge gibt es heutzutage nicht mehr. Wer risikolos anlegen will, kann mit keiner Rendite rechnen, sondern verliert Geld. Was die Zentralbanken hier betreiben, ist eine kontrollierte Entwertung von Finanzkapital. »Die für Fondsmanager verfügbare Menge an europäischen Staatsanleihen mit positiver Rendite schrumpft unaufhörlich«, klagt die französische Bank Société Générale.

Mit ihrer Politik wollen die Zentralbanken das Geld in riskantere Anlagen treiben, vorzugsweise in die Realwirtschaft, wo mehr investiert werden soll, um die Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Ins Risiko gehen die Anleger zwar, allerdings investieren sie weniger in Fabriken und Anlagen, sondern eher in Aktien: Der US-Börsenindex S&P 500 hat diese Woche erstmals die 3000-Punkte-Marke überstiegen, der Deutsche Aktienindex Dax liegt nahe seinem Rekordhoch. An den Märkten herrscht die »Jagd nach Rendite«, die die Indizes nach oben treibt.

Vermehrt wird nun davor gewarnt, dass die Aktienmärkte sich immer weiter von den ökonomischen Fundamentaldaten entfernen. Denn den Aktienmärkten fließt Geld zu, weil festverzinsliche Anleihen keinen Zins mehr bringen. Und Anleihen bringen keinen Zins mehr, weil die Zentralbanken die Zinsen senken. Und sie senken die Zinsen, weil die Konjunkturaussichten sich deutlich verschlechtert haben.

In den USA steht der durch Steuersenkungen angefachte Aufschwung vor dem Ende, wegen des schwelenden Handelskrieges wird vor einer Rezession nächstes Jahr gewarnt. China hält sein Wachstum nur durch massive staatliche Kredithilfen aufrecht. In Europa werden die Wachstumsprognosen reihenweise nach unten korrigiert, »ein Ende der Erholung am Arbeitsmarkt ist in Sicht«, so die DZ Bank. Deutschlands Stolz, seine exportstarke Industrie, befindet sich in einer Rezession, innerhalb nur weniger Monate wurde die Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum von über zwei auf nun 0,7 Prozent gesenkt. Die Aktienkurse steigen derweil fröhlich weiter.

Als Grund für die eingetrübte Situation wird meist der schwelende Handelskrieg genannt, der aber eher ein Risiko ist als ein echter Konjunkturdämpfer. Denn bislang ist dieser Krieg gar nicht voll ausgebrochen. Dennoch ist die Lage schlecht: »Auch ohne neue Schocks droht der Euro-Zone eine Phase schwachen Wachstums«, warnte am Freitag der Internationale Währungsfonds (IWF). Aktuelle Probleme gerade der globalen Industrie sind weniger Handelskriege, sondern eher die Überfüllung der Märkte und die unsicheren Zukunftsaussichten. Exemplarisch ist hier die Autoindustrie: Die Absatzmärkte wachsen kaum noch, nicht mal in China. Die US-Autobauer klagen über volle Lager und kündigen Massenentlassungen an. Gleichzeitig wird die Branche durch Entwicklungen wie E-Mobilität und autonomes Fahren umgekrempelt, von denen kaum absehbar ist, ob und wie sie sich rentieren werden.

Ergebnis: Handelskrieg

Aus dieser Lage resultiert der Handelskonflikt: Angesichts des Überangebots an Gütern führen die Regierungen einen Kampf darum, wer sein Angebot losschlagen kann. Die kommenden technologischen Umwälzungen wiederum führen zu dem Kampf um »technologische Dominanz« auf Feldern wie Elektromobilität, Plattformunternehmen, Daten, Telekommunikation. Mit Investitionskontrollen, Exportbeschränkungen und dem Schutz geistigen Eigentums wird darum gestritten, wo die Zukunftstechnologien zu Hause sein werden. Das lässt Unternehmen vorsichtig werden. »Wegen der Unsicherheit rund um den Handel und dem weltweiten Wirtschaftswachstum hat sich die Investitionstätigkeit der Unternehmen verlangsamt«, sagte US-Zentralbankchef Powell am Mittwoch.

Den drohenden Handelskrieg nehmen die Zentralbanken zum Anlass, sich um die weitere Konjunktur zu sorgen und die Zinsen zu senken, um die Wirtschaftsleistung anzukurbeln. Dabei stoßen sie auf das Problem, dass sie die Mittel zur Erreichung ihres Ziels gar nicht in der Hand haben. »Die EZB hat beschränkte Möglichkeiten zur Sicherung des Wachstums«, urteilt der IWF. Dennoch tun die Zentralbanken das einzige, was sie tun können: Sie senken die Zinsen, verbilligen Kredite immer weiter. »Die EZB wird aus allen Rohren schießen, ganz gleich, ob der zusätzliche Stimulus die Realwirtschaft erreicht oder nicht«, prognostiziert Carsten Brzeski von der Bank ING-Diba.

Damit verleiden die Zentralbanken den Sparern das Sparen. Der Appell von CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer verhallt daher ungehört. Denn der deutsche Sparer ist nur das Anhängsel der globalen Renditemaschine, die derzeit nicht läuft.