Es grenzt an ein Wunder

Egon Krenz stellte in Berlin sein neues Buch »Wir und die Russen« vor

Von Karlen Vesper

Was für ein Gewusel, Gewimmel, Gedrängel. Blitzlichtgewitter. Handshaking. Mancher deutete gar einen Diener an. Höfische Knickse gab es nicht. Dafür viele herzliche Umarmungen. Prominenz ist erschienen. Aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Showbiz - ein »Who is Who« der DDR. Aber auch viele Normalbürger strömten ins Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin. Um Egon Krenz zu hören und zu sehen.

»Er möchte es gern präsidial«, eröffnete gut gelaunt dessen Verleger Frank Schumann die Veranstaltung, »und das ist auch sein gutes Recht, schließlich ist er ein Staatsratsvorsitzender a. D.« Damit war signalisiert, dass der Autor erst ein längeres Statement abgeben und hernach Passagen aus seinem neuen Buch vorlesen, ergo kaum Zeit bleibe würde für das avisierte Gespräch mit dem Gast aus Moskau, Wladimir Sergijenko, Mitglied des Russischen P.E.N., »der jeden Tag im russischen Fernsehen zu sehen und jeden dritten im Rundfunk zu hören ist«, wie Schumann erläuterte. Dem Publikum war’s recht.

»Liebe Freunde und Freundinnen, werte Damen und Herren, liebe Genossen und Genossinnen - ich hoffe, damit alle erfasst zu haben«, hub Krenz zur Rede an. Nicht ohne Selbstironie, wie vielleicht mancher im Saal bemerkt haben dürfte. Hatte doch Krenz seine erste Ansprache als frisch gekürter SED-Generalsekretär am 18. Oktober 1989 mit der bis dahin gängigen Anrede »Liebe Genossen und Genossinnen« begonnen, was bei den in Bewegung geratenen Bürgern der DDR, die nicht mehr parteilich vereinnahmt werden wollten, auf Empörung gestoßen war.

Das neue Buch zu schreiben, sei ihm schwergefallen, habe ihm manch schlaflose Nacht gekostet, ließ Krenz wissen. Er berichte in diesem nur über das, was er selbst erlebt, gesehen und gehört habe respektive aus ihm zugänglichen Dokumenten wisse. Nur Fakten also. In Sorge um das eisige Verhältnis zwischen Deutschen und Russen sowie ob fataler Russophobie, habe er das Buch verfasst. Er sei erschrocken, wie die heute Deutschland Regierenden »alles zu DDR-Zeiten schon Errungene aufs Spiel setzen«. Explizit sprach er die Bundeskanzlerin an: »Frau Merkel wird in den Medien oft mit den Worten zitiert, Russland habe gegen die Nachkriegsgrenzen verstoßen. Ich frage mich: Wie kann eine kluge Frau, die die DDR-Schule besucht und auch in der DDR studiert hat, zu einer so falschen Einschätzung kommen?« Krenz verwies auf das Treffen der »Großen Drei«, Stalin, Roosevelt und Churchill, im Februar 1945 in Jalta, »auf der urrussischen Krim«, das die Welt in Einflusszonen teilte.

Rührend seine Erinnerung an den sowjetischen Offizier 1945 in Ribnitz-Damgarten, der den Knaben aufforderte, Goethes »Heidenröslein« mitzusingen, das der deutsche Junge jedoch nicht kannte. Die freundliche Begegnung mit jenem Befreier, zugleich Besatzungsmacht, sollte ihn zeitlebens prägen. Krenz dankte der Sowjetunion nicht nur für die opferreiche Niederschlagung des Hitlerfaschismus, sondern auch für 40 Jahre DDR (Beifall). Er zitierte Stalin 1945: »Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt« und dessen Note von 1952 an die Westmächte mit dem Angebot für ein vereintes Deutschland, das »keine Täuschung war«. Denn: »Moskaus Ziel war nie ein deutscher Separatstaat.«

Mit seinem Buchtitel nahm der Autor Anleihe beim Artikel »Über die Russen und über uns« im »Neuen Deutschland« von 1948 aus der Feder des Chefredakteurs Rudolf Herrnstadt, der einige Jahre später in Konflikt mit seiner Partei geraten sollte. Manches darin sei zwar inzwischen obsolet, doch der Grundgedanke, dass es ohne ein aufrichtiges Verhältnis der Deutschen zu den Russen keine gesicherte Zukunft gibt, gelte unvermindert für die Gegenwart. Dieser Leitgedanke, so Krenz, habe zur Staatsdoktrin der DDR gehört, trotz einiger Enttäuschungen und Auseinandersetzungen. Krenz nannte Berija, der 1953 die DDR loswerden wollte, und Gorbatschow, über den er nichts Schlechtes sagen wolle, der ein Freund gewesen sei, ihm während des Politbüro-Prozesses in den 90er Jahren den Rücken gestärkt habe und die Verfolgung von DDR-Amtsträgern durch die bundesdeutsche Justiz als »Hexenjagd« verurteilt hatte. Aber Verrat, wenn auch nicht aus Berechnung, sondern aus Eitelkeit, Unwissen, Unentschlossenheit, Schwäche oder Selbstüberschätzung begangen, bleibe objektiv Verrat. Die Zerschlagung der Sowjetunion und des sozialistischen Lagers habe das Leben von Millionen Menschen negativ beeinflusst und schließlich ermöglicht, dass die NATO bis an Russlands Grenzen vorrückte. Was Sergijenko bestätigte: »Man kann die deutschen Panzer von unserer Seite aus mit dem Fernglas beobachten.« Krenz: »Eine Schande!«

Reflektiert wurden natürlich auch konkret die entscheidenden Herbstage ’89 in der DDR. »Es grenzt an ein Wunder«, kommentierte Krenz rückblickend den gewaltlosen Umschwung. Sowjetische Generäle seien im Gegensatz zu Gorbatschow, der »die DDR als Ballast abwerfen wollte« (Zwischenruf: »Was für ein Ballast?«), nicht bereit gewesen, die DDR aufzugeben. »Sie war der Vorposten des sozialistischen Lagers. Und wenn der Vorposten fällt, bricht auch das Hinterland zusammen.« Dem Verschwinden der DDR sei de facto in logischer Konsequenz der Zerfall der UdSSR gefolgt. Andererseits meinte Krenz: »Ohne unsere eigenen Sünden zu verharmlosen - als die Sowjetunion auf dem Sterbebett lag, gab es für die DDR keine Chance mehr.« (Das klang nach der alten Streitfrage: Was war zuerst da? Ei oder Huhn?) Innere Ursachen für den Untergang der DDR will Krenz nicht negieren, äußere seien aber ebenso nicht zu ignorieren.

Zu Recht polemisierte er gegen mediale Rückblicke, die einen Sturm der DDR-Bürger auf die Mauer suggerieren. Tatsächlich zeigen Fotos und Filmaufnahmen von damals an den Grenzübergängen brav Schlange stehende Menschen. Zu Recht auch kritisierte Krenz das Verschweigen des Verdienstes der politisch Verantwortlichen, dass kein Blut geflossen ist. Krenz würdigte die »Leipziger Sechs«, darunter Kapellmeister Kurt Masur und SED-Sekretär Roland Wötzel, sowie deren Aufruf am 9. Oktober ’89 zur Gewaltfreiheit. Er verwies auf seinen Befehl 11/89 vom 3. November: »Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten«, der kein zweiter Aufguss der Order Honeckers vom 13. Oktober gewesen sei. Wie brenzlig die Lage durchaus gewesen ist, verdeutlichte Krenz anhand eines »von interessierter Seite« geplanten Durchbruchs am Brandenburger Tor. Abschließend sprach er von neuen Mauern, die sich durch Deutschland, Europa und die Welt ziehen. Energisch rief er aus: »Es gibt trotz aller Kränkungen keinen Grund, AfD zu wählen!« (Beifall)

Bevor alle beseelt und um Erkenntnisse bereichert den Heimweg antraten, verkündete Schumann als Topnachricht des Tages: Das Buch von Krenz steht in mehreren Sparten der Amazon-Bestsellerliste bereits auf Platz 1. Ein Wunder?

Egon Krenz: Wir und die Russen. Edition Ost, 304 S., br., 16,99 €.